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WM-Debakel gegen Marokko : Auf die spanische Art gescheitert

Bauchlandung: Marco Asensio und Spanien scheitern an Marokko. Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Die spanische Nationalmannschaft erlebt im WM-Achtelfinale einen Rückschlag. Der Frust ist anschließend riesig. Wie kam die Selección zu Fall?

          2 Min.

          Wenn man in diesem Moment einen Spieler sehen will, dann doch Sergio Busquets, den großen spanischen Strategen, oder?

          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          Es sind die entscheidenden Augenblicke im Education City Stadium in Doha, WM-Achtelfinale, Spanien gegen Marokko, Elfmeterschießen. Die ersten spanischen Schützen, Pablo Sarabia und Carlos Soler, scheiterten schon. Jetzt sieht man, wie Sergio Busquets, 34, Jahre alt, Champions-League-Sieger, Europameister, Weltmeister, Schritt für Schritt in den Strafraum geht. Wenn einer das Aus abwenden kann, dann doch er, oder? Oder?

          Nein, an diesem Dienstag schafft das auch Sergio Busquets nicht. Er schießt aus seiner Sicht ins linke Eck – und damit in die Handschuhe des marokkanischen Torhüters Bono. Und weil Achraf Hakimi den Ball danach so frech und schön in die Mitte des Tores schnippelt, steht das Aus der Spanier fest. Später sagt Busquets: „Wir sind auf die grausamste Art und Weise ausgeschieden.“ Man könnte mit Blick auf die Statistiken – 1041 Pässe und 1 Schuss aufs Tor – aber auch sagen: Sie sind auf die spanischste Art und Weise ausgeschieden.

          Fußball-WM 2022

          Und nun?

          Es wird sicher die geben, die (mal wieder) sagen werden, dass die Spanier mit ihrer Idee des Ballbesitzfußballs gescheitert sind. Es wird die geben, die (mal wieder) erwidern werden, dass die Spanier wenigstens eine Idee haben. Und es gibt Philipp Lahm, den deutschen Weltmeister-Kapitän von 2014, der in seiner „Zeit Online“-Kolumne so klug argumentierte, dass man den Absatz an dieser Stelle ausnahmsweise ausführlich wiedergeben sollte: „Spanien zelebriert seine Kultur, den passdominierten Ballbesitz, auch in Katar. Das ist immer schön anzuschauen und kleinere Nationen wie Costa Rica kommen gegen Spanien so gut wie nie an den Ball. Manchmal übertreiben es allerdings die Spanier. Sie passen sogar im Strafraum quer, selbst der Tormann, obwohl der immer der schwächste Fußballer einer Mannschaft ist. Dann wird die Idee zur Ideologie.“

          Doch kein Fortschritt?

          So eine Szene, wie Lahm sie schildert, sah man im Education City Stadium in der 90. Minute, als Unai Simon, der spanische Torhüter, den Ball im Strafraum nicht stoppen und nur mit Mühe klären konnte. Das Achtelfinale gegen Marokko war nicht nur in dieser Situation die Fortsetzung der sehr durchschnittlichen Vorrunde. Und damit ein Rückschritt.

          Das ist durchaus verwunderlich, weil viele glaubten, dass der spanische Fußball wieder im Fortschritt war. Und weil Luis Enrique, der Trainer der Nationalmannschaft, eigentlich kein Ideologe ist. Er weiß sehr wohl, dass das moderne Spiel schon vor mehreren Saisons von der Epoche des Passens in die Epoche der Dynamik wechselte. Er passte den spanischen Ansatz daran an, als er für den FC Barcelona arbeitete und in der Zeit dreimal den spanischen Pokal (2015, 2016 und 2017), zweimal die spanische Meisterschaft (2015 und 2016) und einmal die Champions League (2015) gewann.

          Er passte ihn auch an, als er im Sommer 2018 seine Arbeit mit der Nationalmannschaft anfing. Im EM-Sommer 2021 spielte Spanien spektakulär und verlor erst im Elfmeterschießen des Halbfinales gegen Italien. Damals war das Pech. Dieses Mal ist es die passende Pointe: Weil die Spanier, die den Ball ständig kontrollieren wollen, in der einzigen Disziplin des Spiels scheiterten, die man nicht kontrollieren kann.

          Es ist auffällig, dass Deutschland und Spanien, die großen Fußballnationen, die früher ausschieden als die anderen, nun dieselben Diskussionen führen. Man fragt sich dort, wie man wieder Spieler ausbilden kann, die sich in ihren fußballerischen Fähigkeiten mehr unterscheiden.

          Beim deutschen Verband hatte das Aus schon Konsequenzen. Und beim spanischen? Es ist offen, ob Luis Enrique, dessen Vertrag endet, weitercoachen wird („Ich kann es nicht sagen, weil ich es noch nicht weiß“). Und es ist offen, ob Sergio Busquets, das letzte Mitglieder der Weltmeistermannschaft von 2010, weiterspielen wird.

          In seinem Fall stände der Nachfolger wohl schon fest: Rodri, Mittelfeldspieler Manchester City, der in Qatar in der spanischen Innenverteidigung spielte. Am Abend des Ausscheidens sagte er: „Marokko hatte absolut nichts anzubieten.“ Es gab an diesem Dienstag aber nur eine Mannschaft, die nichts anzubieten hatte. Und diese Mannschaft war nicht Marokko.

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