https://www.faz.net/-gtl-9by93

Claudia Neumann über WM-Hetze : „Ich finde das einfach grauenvoll“

  • Aktualisiert am

„Das ist kein Claudia-Neumann-Problem, sondern ein gesellschaftliches Phänomen“ Bild: AP

Während der Fußball-WM wird ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann teils aufs Übelste beschimpft. Nach Tagen der Anfeindungen äußert sie sich nun erstmals zu den frauenfeindlichen Beleidigungen.

          4 Min.

          Nach Tagen der Anfeindungen hat sich ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann erstmals zu den sexistischen Beleidigungen gegen sie geäußert. „Ich finde das einfach grauenvoll“, sagte die 54-Jährige der „Zeit“ (Donnerstag). „Man kann den Menschen nur immer wieder zurufen: Geht länger zur Schule. Bildet euch weiter, erweitert euren Bewusstseinshorizont, dann lernt man auch, andere Haltungen zu tolerieren.“ Die Hetze gerade in sozialen Netzwerken sei „kein Claudia-Neumann-Problem, sondern ein gesellschaftliches Phänomen“. Während der Fußball-Weltmeisterschaft ist Neumann online aufs Übelste beschimpft worden. Das ZDF stellte Strafantrag gegen zwei Nutzer.

          Neumann ist die einzige Frau, die im deutschen Fernsehen Spiele der WM in Russland kommentiert hat - viele Beleidigungen waren frauenfeindlich. „Vielleicht brauchen Männer ihre kleine Oase des Rückzugs, in der man sie Kind sein lässt“, sagte Neumann nun dazu. „Gewissen Menschen scheint zumindest jegliche Form des Anstands abhandengekommen zu sein. Jedes Anderssein geht ihnen gegen den Strich“, sagte Neumann weiter. „Ob es weibliche Kommentatoren sind oder homosexuelle Spieler, Fußballer mit Migrationshintergrund - manche Menschen scheinen nicht akzeptieren zu wollen, dass ihnen das Altbekannte abhandenkommt.“

          Verändert habe sie ihre Arbeit angesichts der Hetzer nicht. „Ich knicke doch nicht vor diesen Leuten ein.“ Seit der EM 2016 - schon damals war sie zur Zielscheibe geworden - überlege sie sich aber „zweimal, mit welchen Worten und mit welcher Wucht ich einen Spieler oder Trainer oder Manager kritisiere, weil ich nun weiß, wie tief das gehen kann“. Das ZDF hatte bei der Staatsanwaltschaft Mainz Strafantrag gestellt gegen zwei Nutzer, die sich gegenüber Neumann und dem Sender „extrem abfällig“ geäußert haben, wie Intendant Thomas Bellut am Freitag sagte. Es gehe um Beleidigung und öffentliche Aufforderung zu Straftaten.

          Bellut hoffte mit der Anzeige auf eine abschreckende Wirkung. Generell werden Fußball-Kommentatoren im Netz immer wieder heftig angegangen. Am Dienstagabend zum Beispiel erfuhr ARD-Reporter Steffen Simon beim Spiel Kolumbien gegen England viel Häme und Spott - wenngleich meist gemäßigter als zuvor Neumann. Die ZDF-Journalistin kann der öffentlichen Debatte über ihre Rolle als Frau, die Fußball kommentiert, auch etwas Gutes abgewinnen: Der „Zeit“ sagte sie, „je exponierter wir nun mit dem Thema umgehen, desto schneller wird es zur Normalität“. Sie sei zwar keine Feministin, übernehme als Vorreiterin aber „einen Teil Verantwortung im gesellschaftlichen Bereich“. Und: „Ich freue mich über jede Frau, die mir als Kommentatorin folgt.“

          Der Blick nach Russland derzeit zeigt auch abseits der Hetze gegen Claudia Neumann: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft läuft einiges schief, und damit ist ausnahmsweise nicht das Aus der DFB-Elf gemeint. Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Mobbing zeigen ihre hässliche Fratze – auf dem Platz, am Rande des Spielfelds und natürlich im Internet. Die Entwicklung überrascht Philosoph und Fußballfreund Wolfram Eilenberger nicht: „Schon im Vorfeld gab es eine dunkle Ahnung, dass das eine dunkle Wendung nehmen könnte, was auch in Deutschland noch eine Art fröhlicher, weltoffener Patriotismus war“, sagt der Publizist. Diese Gefahr bestehe immer bei Nationenturnieren, „dass ein gesunder Stolz und auch eine Freude an dem jeweils Eigenen zu einer Art degenerierten Form des Hasses und des Nationalismus wird.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Krawall ohne Ende: Im Hamburger Schanzenvierteil während des G-20-Gipfels im Juli 2017

          Prozess zu G-20-Krawallen : Schuldig durch Mitmarschieren?

          Die Folgen der G-20-Krawalle bewegen Hamburg auch nach drei Jahren noch. Ein neuer Prozess wirft jetzt die Frage auf: Ab wann machen sich Demonstranten des Landfriedensbruchs schuldig?
          Das RKI zählt seit Beginn der Pandemie insgesamt 942.687 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2 in Deutschland.

          Robert-Koch-Institut : Mehr als 22.000 Corona-Neuinfektionen in Deutschland

          In Deutschland sind innerhalb eines Tages mehr als 22.046 Neuinfektionen mit dem Coronavirus verzeichnet worden. Das sind rund 200 weniger als am Donnerstag vor einer Woche. Die Todesfälle erreichen mit 479 binnen eines Tages den zweithöchsten Stand seit Beginn der Pandemie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.