https://www.faz.net/-gaq-7pyaa

WM-Vorschau Iran : Mit Gucci nach Brasilien

Europameister mit Deutschland, jetzt in Iran ein Star: Ashkan Dejagah Bild: dpa

Krasser Außenseiter? Von wegen! Die Iraner erwarten von ihrem Team den Einzug ins Achtelfinale - und begeisternden Fußball. Abseits des Platzes ist alles gerichtet für eine weltweite Party. Alles zu Iran in der WM-Vorschau.

          FAZ.NET zählt den Countdown zur Fußball-WM in Brasilien. An jedem Tag bis zum Eröffnungsspiel stellen wir einen Teilnehmer vor, damit Sie gut vorbereitet ins Turnier gehen. Heute: Iran.

          Alle Termine im Überblick:
          Der Spielplan der Fußball-WM 2014 in Brasilien

          1 – Der Trainer ist der Star

          Carlos Queiroz ist schon ein bisschen herum gekommen in der Welt, und, noch ein bisschen wichtiger: Er hat dabei ziemlich viel gewonnen. Geboren zu Kolonialzeiten in Mosambik, machte sich der Portugiese zuerst einen Namen als Nachwuchscoach im eigenen Land. Queiroz coachte die U-20-Elf um Luis Figo und Rui Costa 1989 und 1991 zu zwei WM-Titeln. Das A-Team von Südafrika führte er zur WM 2002, anschließend wurde er Ko-Trainer bei Manchester United unter Alex Ferguson, 2003 Cheftrainer bei Real Madrid.

          Die Qual der Wahl: Queiroz und seine Spieler während des Trainingslagers in Österreich

          Das Engagement bei den „Galaktischen“ endete vorzeitig (und ohne wesentliche Titel), schließlich übernahm Queiroz 2008 die portugiesische A-Mannschaft von LuiZ Felipe Scolari. Im eigenen Land gilt die WM 2010 als Enttäuschung, aber in einer schwierigen Gruppe mit Brasilien und der Elfenbeinküste (sowie Außenseiter Nordkorea) qualifizierten sich die Portugiesen fürs Achtelfinale. Da war nach dem 0:1 gegen Spanien Schluss – und für Queiroz, kaum dass die darauffolgende EM-Qualifikation begonnen hatte. Im Frühjahr 2011 lockten ihn die Iraner mit einer Mission: Qualifikation für Brasilien. Auftrag erfüllt. Die Iraner wissen, was sie an Queiroz haben und, dass er nach dem Turnier gehen dürfte.

          Gute Aussichten: Trainer Queiroz ist begehrt

          2 – Der Trainer ist selbstverständlich nicht der Star

          Es gibt nicht viele Länder, in der Regisseure, Spielgestalter der klassischen Schule noch so inbrünstig verehrt werden wie zwischen Täbris, Teheran und Isfahan. Aber es gibt auch wenige Länder, in der Hierarchien auf dem Fußballplatz noch so viel zählen wie in Iran. Bei den vergangenen WM-Auftritten, 1998 in Frankreich und 2006 in Deutschland, war der Kader jeweils von solch klaren Hierarchien geprägt. 2006 führte Ali Daei die Mannschaft als Kapitän ins Turnier, im Alter von 37 Jahren. Das war ähnlich erfolgreich wie der Versuch der Deutschen im Jahr 2000 mit Lothar Matthäus als Libero Europameister zu werden. Zwei Tore, ein Punkt (beim 1:1 gegen Angola), mehr war nicht drin für die Iraner beim letzten WM-Auftritt. Und die Tore schossen weder die damals in der Blüte ihrer fußballerischen Schaffenskraft stehenden Bundesliga-Profis Mehdi Mahdavikia und Ali Karimi, erst recht nicht Daei, sondern zwei Innenverteidiger. Die WM in Deutschland war eine Enttäuschung.

          3 – Wer dann?

          Apropos Mahdavikia und Karimi: Der eine, Mahdavikia, beendete vergangenes Jahr seine Karriere beim FC Persepolis in Teheran. Der andere, Karimi, spielt nach wie vor, inzwischen bei Traktor Täbris in der Hauptstadt der iranischen Provinz Aserbaidschan im Nordwesten des Landes. Es gibt Iraner, die behaupten, er sei von Persepolis dorthin abgeschoben worden, nachdem Ali Daei als Trainer verpflichtet wurde und ein Künstler wie Karimi gehöre nach wie vor ins „Team Melli“. Lediglich aus politischen Gründen sei dem früheren Bayern- und Schalke-Profi eine zweite WM verwehrt worden. Schließlich hatte sich Karimi (wie Mahdavikia) 2009 mit der grünen Reformbewegung solidarisiert, sehr zum Missfallen des früheren, fußballbegeisterten Präsidenten Mahmud Ahmadineschad. Aber erstens hat der Iran einen neuen Präsidenten (der sich und sein Lager gleichwohl gegen alte Seilschaften behaupten muss) und zweitens ist Karimi 35. Man sieht es ihm an, auf dem Platz.

          Iranische Tradition: Kapitän im fortgeschrittenen Alter - dieses Mal Javad Nekounam

          Andererseits führt nun Javad Nekounam die Mannschaft ins Turnier. Sechs Jahre war Nekounam bei Osasuna in der Primera Division angestellt, inzwischen verdient er sein Geld in Kuwait. Der iranische Kapitän hat Erfahrung (136 Länderspiele/ 37 Tore), ist aber inzwischen auch fast 34 Jahre alt. Im 4-2-3-1-System, das Queiroz spielen lässt, hat Nekounam seinen festen Platz, mal zurückgezogen, meist aber in der Offensive. Gegen die überwiegend zweitklassige Konkurrenz in der Qualifikation in Asien ließ sich das fortgeschrittene Alter des Kapitäns oft kaschieren – in Brasilien dürfte das kaum möglich sein.

          Schoss die Iraner zur WM: Reza Ghuchanneschad

          4 – Team Melli

          Am 11. Juni 1978 verlor die iranische Nationalmannschaft das dritte WM-Spiel ihrer Geschichte gegen Peru mit 1:4. Ein halbes Jahr (und fünf Tage) später hatte die Revolution den Schah gestürzt. Ein neues Regime übernahm die Macht in Teheran. Für den geistlichen Führer Ajatollah Ruhollah Khomeini war Fußball ein Produkt des ungläubigen und überdies degenerierten Westens und für die Iraner, deren Mannschaft zwischen 1968 und 1976 immerhin dreimal Asienmeister geworden war und in Argentinien 1978 vor der Niederlage gegen Peru immerhin ein Unentschieden gegen Schottland erkämpft hatte, in den frühen Achtziger Jahren angesichts des Kriegs mit dem Irak eine Nebensache. 1982 verzichteten sie auf die Qualifikation, 1986 waren die Iraner von der Fifa vorübergehend suspendiert. Es qualifizierte sich ausgerechnet der Feind vom Schatt al-Arab für die WM in Mexiko.

          Erst 1998, Khomeini war längst tot und der iranische Fußball wieder aufgeblüht, qualifizierte sich das Team zum zweiten Mal für eine WM – und löste einen Boom aus, der bis heute anhält und von dessen Wirkung auch konservative Politiker (siehe Ahmadineschad) zu profitieren versuchen. Und für Khomeinis Nachfolger Khamenei ist die Nationalmannschaft ein Quell „nationaler Freude“. „Team Melli“ ist längst wieder der passende Spitzname für das Team in Weiß, Grün und Rot. „Melli“ bedeutet National auf Farsi und ist ein äußerst beliebtes Attribut in Iran. Unter dem Begriff lassen sich unter anderem Bankgeschäfte betreiben und Schuhe verkaufen in Iran. Vor allem aber Fußball spielen.

          5 – Ein Sieg – fürs Fairplay

          Zu Khameneis Einschätzung hat mit Sicherheit auch der 21. Juni 1998 beigetragen. An jenem Sonntag gelang den Iranern der erste und bis heute einzige Sieg bei einer Weltmeisterschaft – aber was für einer. Politiker in aller Welt schauten an jenem Abend nach Lyon: Die Islamische Republik Iran traf auf die Vereinigten Staaten. Die Spieler schenkten sich vor dem Anpfiff Blumen und posierten gemeinsam für das Mannschaftsfoto. Anschließend gewannen die Iraner 2:1 – auch dank des vorentscheidenden Treffers von Mahdavikia zum 2:0. Für Khamenei und das Regime war es ein Sieg des eigenen Systems über die verhassten Amerikaner. Für alle anderen war es ein Sieg des Fairplay. Die Teams wurden anschließend für ihr Verhalten von der Fifa ausgezeichnet.

          6 – Die Neuen: Steven und Daniel

          Inzwischen trainieren und spielen Amerikaner für das Team Melli: Dan Gaspar, Amerikaner portugiesischer Abstammung, assistiert Queiroz seit Jahren – und Steven Beishapour, geboren in San Jose, California, steht wie der in Gießen geborene Torwart Daniel Davari, wie der in Berlin aufgewachsene Mittelfeldspieler Ashkan Dejagah, wie Omid Nazari aus Malmö in Schweden für die Talente aus der riesigen persischen Diaspora, die Queiroz in die Mannschaft integriert hat. Nazari fährt nicht mit nach Brasilien, Dejagah, Davari und Beishapour schon. Noch vor acht Jahren war der Ostfriese Ferydoon Zandi (geboren in Emden) der einzige im Ausland aufgewachsene WM-Teilnehmer.

          7 – Sie nennen ihn Gucci

          Apropos Friesland: Auch der womöglich begabteste iranische Profi ist nicht in der Heimat seiner Eltern groß geworden. Reza Ghuchanneschad ist zwar in Maschhad geboren, aber im niederländischen Leeuwarden groß geworden – und profitierte so von der exzellenten niederländischen Jugendförderung. Der Stürmer, seit Kinderbeinen aus nicht ganz fernliegenden Gründen Gucci gerufen, spielte für Oranje in der U19, verdiente sein Geld bei Standard Lüttich und spielt inzwischen bei Charlton Athletic in der zweiten englischen Liga. Im europäischen Vereinsfußball konnte sich Ghuchanneschad bislang keinen großen Namen machen – aber in Iran ist er seit seinen drei Toren in den drei entscheidenden Qualifikationsspielen vor gut einem Jahr gegen Qatar, Libanon und Südkorea ein Held. In Qatar und Südkorea traf er jeweils zu 1:0-Auswärtssiegen, ohne die das Team Melli die Qualifikation nicht geschafft hätte.

          Angenommen: Ashkan Dejagah (l., mit Andranik Teymourian)

          8 – Ein Fuchs in Teheran

          Im Februar 2012 spielte Ashkan Dejagah das erste Mal für die iranische Nationalmannschaft. Untertrieben gesagt: Es ging ganz gut los. Nach vier Minuten hatte der damalige Profi des VfL Wolfsburg zum ersten Mal getroffen im WM-Qualifikationsspiel gegen Qatar, unmittelbar nach der Pause traf er noch mal. Das Spiel endete 2:2, eine Enttäuschung für die Iraner, die WM-Qualifikation geriet damals ernsthaft in Gefahr. Aber die knapp 52.000 Zuschauer, die sich aus dem Azadi-Stadion auf den Heimweg machten, waren sich einig: Ashkan Dejagah von den Reinickendorfer Füchsen in Berlin, unter Horst Hrubesch mit Deutschland 2009 U21-Europameister, ist unser bester Mann. Inzwischen ist Dejagah als Ergänzungsspieler des FC Fulham aus der englischen Premier League abgestiegen – für Iran ist er unverzichtbar.

          Solide Bundesligarunde, aber zu unsicher für die WM? Daniel Davari, künftig beim Grasshopper-Club in Zürich

          Im Gegensatz dazu dürfte Queiroz im Tor auf Rahman Ahmadi vom FC Sepahan setzen. Daniel Davari hat zwar eine solide Bundesligasaison hinter sich, wirkte aber in den wenigen Länderspielen, die er bislang bestreiten durfte, nicht immer sicher. Es wäre mutig von Queiroz, den künftigen Profi der Grasshoppers aus Zürich aufzustellen.

          Stammformation? Die elf Spieler, die Queiroz jüngst gegen Montenegro testen ließ - im Tor mit Rahman Ahmadi

          9 – Die Null muss fallen

          270 Minuten hat der Iran in den vergangenen Tagen im Rahmen des Trainingslagers in Österreich getestet. Herausgesprungen ist herzlich wenig: 0:0 gegen Weißrussland, 0:0 gegen Montenegro, 1:1 gegen Angola (mit Davari im Tor). Die Defensive steht, jedenfalls gegen die Gegner aus der zweiten Reihe. Die Offensive aber stockt gewaltig. Die WM beginnt für die Iraner am 16. Juni gegen Nigeria, drei Stunden nach dem deutschen Auftakt gegen Portugal. Der große Favorit in Gruppe F ist Argentinien, die Iraner hoffen auf Punkte gegen den Afrikameister und gegen Neuling Bosnien-Hercegovina.

          10 – Tututututututu – Iran!

          Tu: Dreimal lang, viermal schnell und dann: Iran! Team Melli bei der WM bedeutet vor allem eins: Party! Von Australien bis Kalifornien stellen die ausgewanderten Iraner die Wecker für die Spiele des Team Melli. Die WM wird so zum gemeinschaftsstiftenden Ereignis für Landsleute in aller Welt. Auf Videos aus „Tehrangeles“, wohin nach dem Sturz des Schahs 1979 viele aus der kaiserlichen Nomenklatur flohen, sind nach dem Sieg über die Vereinigten Staaten 1998 jubelnde Iraner mit der Flagge des Schahs zu sehen, die nach der Revolution ersetzt wurde – die Nationalmannschaft (damals mit dem nicht zu übersehenden Schriftzug I.R. Iran aufgelaufen) ist eines der ganz wenigen Symbole, hinter dem sich nahezu alle Iraner unabhängig von ihrer religiösen und politischen Gesinnung Weltanschauung. 

          Der staatliche Rundfunk Irib hörte sich übrigens jüngst schon mal unter den in London lebenden Iraner um bezüglich der Chancen des Teams. Bemerkenswert: Offenbar war es dem Sender nicht möglich, weibliche Fans aufzutreiben. Dabei sind Iranerinnen mindestens von der Aussicht auf die WM-Party so begeistert wie die Männer. Tatsächlich ist ihnen der Stadionbesuch in Iran nach wie vor verboten.

          Das Regime tut alles, um die seit Jahrzehnte propagierte Diskriminierung aufrecht zu erhalten – weltfremde Umfragen wie die in London gehören zur Staatsräson. Was zum einigermaßen paradoxen Phänomen führt, dass Teherans Designer inzwischen auch gesetzestreue Fankleidung für Damen entwerfen.

          11 – Druck? Welcher Druck?

          Argentinien, Nigeria, Bosnien-Hercegovina – die Iraner sind krasse Außenseiter, richtig? Nun ja. Fast die Hälfte der User, die auf der Website teammelli.com an der Umfrage zu ihren Erwartungen teilgenommen haben, rechnen mit dem Einzug ins Achtelfinale. Mehr als ein Viertel will wunderschönen, unterhaltsamen Fußball sehen, unabhängig von den Ergebnissen. Nur ein Fünftel wäre zufrieden, wenn die WM-Partien nicht allzu hoch verloren gehen. Nur für Unbeteiligte sind die Iraner krasse Außenseiter. Deshalb wird es spannend zu sehen, mit wie viel Mut Queiroz seine Mannschaft in Brasilien aufstellt.

          Am Dienstag in der WM-Vorschau: Bosnien Hercegovina

          Alle Infos zu Iran auf einen Blick

          Spielplan bei der WM 2014:

          Montag, 16. Juni, 21.00 Uhr: Iran – Nigeria (in Curitiba)
          Samstag, 21. Juni, 18.00 Uhr: Argentinien – Iran (in Belo Horizonte)
          Mittwoch, 25. Juni, 18.00 Uhr: Bosnien-Hercegovina – Iran (in Salvador)

          Trainer: Carlos Queiroz

          Plazierung in der Weltrangliste: 37.

          Bisheriges Abschneiden bei Weltmeisterschaften:

          1978: Vorrunde
          1998: Vorrunde
          2002: Vorrunde

          Weitere Themen

          Zverev als Matchwinner für Europa

          Laver-Cup : Zverev als Matchwinner für Europa

          Zverev bedankt sich bei Nadal und Federer für das Vertrauen, ihn als letzten Einzelspieler beim Laver-Cup für Europa gegen den Rest der Welt aufzustellen. „Das war ein unglaubliches Wochenende.“

          Das sind die Gewinner Video-Seite öffnen

          Wettkampf auf Surf Ranch : Das sind die Gewinner

          Zum zweiten Mal fand eine Etappe der World Surf League auf Kelly Slaters künstlicher Welle statt. Der Brasilianer Gabriel Medina gewann zum zweiten Mal.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.