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WM-Vorschau Iran : Mit Gucci nach Brasilien

Schoss die Iraner zur WM: Reza Ghuchanneschad

4 – Team Melli

Am 11. Juni 1978 verlor die iranische Nationalmannschaft das dritte WM-Spiel ihrer Geschichte gegen Peru mit 1:4. Ein halbes Jahr (und fünf Tage) später hatte die Revolution den Schah gestürzt. Ein neues Regime übernahm die Macht in Teheran. Für den geistlichen Führer Ajatollah Ruhollah Khomeini war Fußball ein Produkt des ungläubigen und überdies degenerierten Westens und für die Iraner, deren Mannschaft zwischen 1968 und 1976 immerhin dreimal Asienmeister geworden war und in Argentinien 1978 vor der Niederlage gegen Peru immerhin ein Unentschieden gegen Schottland erkämpft hatte, in den frühen Achtziger Jahren angesichts des Kriegs mit dem Irak eine Nebensache. 1982 verzichteten sie auf die Qualifikation, 1986 waren die Iraner von der Fifa vorübergehend suspendiert. Es qualifizierte sich ausgerechnet der Feind vom Schatt al-Arab für die WM in Mexiko.

Erst 1998, Khomeini war längst tot und der iranische Fußball wieder aufgeblüht, qualifizierte sich das Team zum zweiten Mal für eine WM – und löste einen Boom aus, der bis heute anhält und von dessen Wirkung auch konservative Politiker (siehe Ahmadineschad) zu profitieren versuchen. Und für Khomeinis Nachfolger Khamenei ist die Nationalmannschaft ein Quell „nationaler Freude“. „Team Melli“ ist längst wieder der passende Spitzname für das Team in Weiß, Grün und Rot. „Melli“ bedeutet National auf Farsi und ist ein äußerst beliebtes Attribut in Iran. Unter dem Begriff lassen sich unter anderem Bankgeschäfte betreiben und Schuhe verkaufen in Iran. Vor allem aber Fußball spielen.

5 – Ein Sieg – fürs Fairplay

Zu Khameneis Einschätzung hat mit Sicherheit auch der 21. Juni 1998 beigetragen. An jenem Sonntag gelang den Iranern der erste und bis heute einzige Sieg bei einer Weltmeisterschaft – aber was für einer. Politiker in aller Welt schauten an jenem Abend nach Lyon: Die Islamische Republik Iran traf auf die Vereinigten Staaten. Die Spieler schenkten sich vor dem Anpfiff Blumen und posierten gemeinsam für das Mannschaftsfoto. Anschließend gewannen die Iraner 2:1 – auch dank des vorentscheidenden Treffers von Mahdavikia zum 2:0. Für Khamenei und das Regime war es ein Sieg des eigenen Systems über die verhassten Amerikaner. Für alle anderen war es ein Sieg des Fairplay. Die Teams wurden anschließend für ihr Verhalten von der Fifa ausgezeichnet.

6 – Die Neuen: Steven und Daniel

Inzwischen trainieren und spielen Amerikaner für das Team Melli: Dan Gaspar, Amerikaner portugiesischer Abstammung, assistiert Queiroz seit Jahren – und Steven Beishapour, geboren in San Jose, California, steht wie der in Gießen geborene Torwart Daniel Davari, wie der in Berlin aufgewachsene Mittelfeldspieler Ashkan Dejagah, wie Omid Nazari aus Malmö in Schweden für die Talente aus der riesigen persischen Diaspora, die Queiroz in die Mannschaft integriert hat. Nazari fährt nicht mit nach Brasilien, Dejagah, Davari und Beishapour schon. Noch vor acht Jahren war der Ostfriese Ferydoon Zandi (geboren in Emden) der einzige im Ausland aufgewachsene WM-Teilnehmer.

7 – Sie nennen ihn Gucci

Apropos Friesland: Auch der womöglich begabteste iranische Profi ist nicht in der Heimat seiner Eltern groß geworden. Reza Ghuchanneschad ist zwar in Maschhad geboren, aber im niederländischen Leeuwarden groß geworden – und profitierte so von der exzellenten niederländischen Jugendförderung. Der Stürmer, seit Kinderbeinen aus nicht ganz fernliegenden Gründen Gucci gerufen, spielte für Oranje in der U19, verdiente sein Geld bei Standard Lüttich und spielt inzwischen bei Charlton Athletic in der zweiten englischen Liga. Im europäischen Vereinsfußball konnte sich Ghuchanneschad bislang keinen großen Namen machen – aber in Iran ist er seit seinen drei Toren in den drei entscheidenden Qualifikationsspielen vor gut einem Jahr gegen Qatar, Libanon und Südkorea ein Held. In Qatar und Südkorea traf er jeweils zu 1:0-Auswärtssiegen, ohne die das Team Melli die Qualifikation nicht geschafft hätte.

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