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WM-Vorschau: Chile : Die Erfinder des Fallrückziehers

Der unumstrittene König bei den Chilenen ist Arturo Vidal Bild: AFP

Chile hat es in der Gruppe mit den WM-Finalisten von 2010 nicht leicht. Doch ein Argentinier, der aussieht wie Buddha, und „König Artur“ machen den Erfindern des Fallrückziehers Mut. Alles zu Chile in der WM-Vorschau.

          4 Min.

          FAZ.NET zählt den Countdown zur Fußball-WM in Brasilien. An jedem Tag bis zum Eröffnungsspiel stellen wir einen Teilnehmer vor, damit Sie gut vorbereitet ins Turnier gehen. Heute: Chile.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Alle Termine im Überblick:
          Der Spielplan der Fußball-WM 2014 in Brasilien

          1 – Keine Experimente beim Quartier

          Logistisch werden die Chilenen bei dieser WM keinen Nachteil haben. Als Südamerikaner fühlen sie sich in Brasilien sowieso wohl, doch auch bei der Unterkunft gehen sie keine Experimente ein wie die deutsche Mannschaft mit ihrem Quartier, das erst kurzfristig erbaut wurde. Chile wohnt und trainiert im Trainingszentrum des Klubs Cruzeiro Belo Horizonte und hat in der Vorrunde nur geringe Flugdistanzen zu überwinden. Drei Spieler werden sich besonders heimisch fühlen: Eugenio Mena, Charles Aranguiz und Jorge Valdivia stehen in Brasilien unter Vertrag.

          2 – Gegentorflut bis zum Wechsel

          Dass Chile mitspielen darf, erstaunt nach den Anlaufschwierigkeiten in der langen südamerikanischen Qualifikation. Obwohl Brasilien als bereits qualifizierter Gastgeber fehlte, verlor Chile fünf der ersten neun Spiele und war nur Sechster der Tabelle. Trainer Claudio Borghi musste gehen, Jorge Sampaoli übernahm im November 2012 und führte die Chilenen noch auf Platz drei zur direkten WM-Qualifikation. Der Neue bekam die Defensivprobleme in den Griff nach zuvor 18 Gegentoren in neun Partien, beraubte der Mannschaft aber dabei auch nicht ihren Offensivdrang.

          Trainer Jorge Sampaoli übernahm Chile und führte das Team zur WM

          3 – Ein Argentinier für die Chilenen

          Dass die Wahl auf Sampaoli fiel, überraschte im ersten Moment. Eigentlich verstehen sich Chilenen und Argentinier nicht – und Sampaoli ist Argentinier. Doch auch seine Vorgänger Marcelo Bielsa, der Sampaolis Vorbild ist, und Claudio Borghi sind Landsmänner. Und wenn ein Argentinier Erfolg bringt, wird über die Nationalität hinweggesehen. Zumal Sampaoli, der mit seiner Glatze und seiner ruhigen Art bisweilen wie ein Buddha wirkt und schon mit 19 seine aktive Karriere wegen einer Verletzung aufgeben musste, mit dem chilenischen Traditionsklub Universidad de Chile drei Mal Meister, Pokalsieger und Gewinner der Copa Sudamericana wurde.

          4 – Gestärkt in die Todesgruppe B

          Welche Qualitäten die Chilenen unter Sampaoli entwickelt haben, bekam die deutsche Nationalmannschaft schon zu spüren. Beim Testspiel im März in Stuttgart gibt das Ergebnis von 1:0 für die DFB-Elf nur unzureichend die Kräfteverhältnisse auf dem Rasen wieder. Auch ein 2:1-Sieg in England, ein 2:2 in Spanien und ein unverdientes 1:2 gegen WM-Gastgeber Brasilien zeigen das Potential der Chilenen. Und gute Leistungen werden bei der Endrunde nötig sein in einer Vorrundengruppe mit Spanien und den Niederlanden, den beiden WM-Finalisten von 2010.

          5 – Platz drei ist längst WM-Historie

          Auch das Turnier in Südafrika machte Mut – im Gegensatz zur sonstigen WM-Historie. 2010 verlor „La Roja“ in ihren traditionell roten Trikots trotz langer Unterzahl nur 1:2 gegen den späteren Weltmeister Spanien, im Achtelfinale war Brasilien allerdings beim 3:0 klarer überlegen. Nur bei der vorherigen WM-Teilnahme 1998 kamen die Chilenen ebenfalls ins Achtelfinale, sonst war jeweils nach der Vorrunde Schluss – mit einer Ausnahme. Beim Turnier im eigenen Land 1962 wurde der Gastgeber Dritter. Es ist bis heute die beste Plazierung in der chilenischen WM-Historie.

          Im Testspiel machten die Chilenen den Deutschen das Leben schwer

          6 – Wer erfand den Fallrückzieher?

          Dabei wusste man in Chile früh, wie Fußballkunst aussieht. David Arellano war Nationalspieler und zeigte 1927 bei einer Reise seines Vereins Colo-Colo beim Spiel gegen Spanien einen Fallrückzieher. Ob er damit der Erfinder des Tricks war (oder Ramón Unzaga, ebenfalls Chilene, der angeblich zuvor quer in der Luft liegend traf), ist ungeklärt, spanische Journalisten aber staunten nicht schlecht und tauften das Kunststück „la chilena“. Den Ruhm konnte Arellano nur wenige Tage auskosten. Wenig später zog er sich bei einem Zusammenprall eine Bauchfellverletzung zu, fiel ins Koma und verstarb.

          7 – Kein Ausreiseverbot für Herrera

          Ähnlich Tragisches findet sich auch in der Vergangenheit von Torwart Johnny Herrera wieder. 2009 wurde er wegen fahrlässiger Tötung einer Studentin bei einem Autounfall verurteilt, 2012 mit 0,8 Promille Alkohol im Blut erwischt. Die Staatsanwaltschaft beantragte zwei Jahre Haft und ein Ausreiseverbot, schließlich wurde der Schlussmann von Universidad de Chile, der beim 0:1 gegen Deutschland im Tor stand, zur Mindeststrafe von 150 Tagen Haft auf Bewährung verurteilt. Durch dieses Urteil steht der WM-Teilnahme Herreras nichts im Wege, auch wenn er hinter Claudio Bravo nur die Nummer zwei ist.

          8 – Ohne „Deutsche“ nach Brasilien

          Fehlen wird Junior Fernandes, der bei Bayer Leverkusen unter Vertrag steht, sich aber als Leihgabe an Dinamo Zagreb im April einen Wadenbeinbruch zuzog und mehrere Monate ausfällt. Damit fahren die Chilenen, abgesehen von Arturo Vidal, der seine Karriere in Europa ebenfalls in Leverkusen begann, ohne „deutschen“ Einfluss nach Brasilien. Doch auch Vidal macht Trainer Jorge Sampaoli Sorgen. Der Mittelfeldspieler, der nun bei Juventus Turin spielt, brach die Saison vorzeitig ab, um eine Entzündung am Knie operativ behandeln zu lassen. Sein WM-Einsatz ist fraglich.

          9 – Suspendierung nach der Taufe

          Wie wichtig Vidal für „La Roja“ ist, zeigen nicht nur das Interesse des FC Bayern vor seinem Wechsel nach Turin und die öffentlichen Genesungswünsche von Staatspräsidentin Michelle Bachelet nach der Operation. 2011 suspendierte der chilenische Verband Vidal und vier andere Spieler für zehn Spiele, weil sie betrunken und um 45 Minuten verspätet ins Mannschaftshotel zurückgekehrt sein sollen. Die Beschuldigten wehrten sich – sie waren angeblich bei einer Taufe, kamen nur eine halbe Stunde zu spät und hätten keinen Alkohol getrunken. Schon im Mai 2012 wurde die interne Sperre aufgehoben – vor allem ohne Vidal schien die Qualifikation für die WM um einiges unsicherer als mit ihm.

          10 – „König Artur“ und die „Kriegerin“

          Vidal hat das Kämpfen früh gelernt. Als er fünf Jahre alt war, verließ der Vater die Familie, seine Mutter, die er eine „Kriegerin“ nennt, musste sechs Kinder alleine großziehen. In Italien ist er längst „König Artur“, in der Nationalmannschaft allerdings „Celia“, benannt nach der kubanischen Sängerin Celia Cruz, der er nach Meinung der Kollegen ähnlich sieht. 2007 kam er als Chiles Rekordtransfer von Colo-Colo zu Bayer, ging 2011 für nur elf Millionen Euro zu Juventus. Dort wurde er drei Mal in Folge Meister, verpasste aber jüngst das Heimspiel im Endspiel der Europa League durch ein Halbfinal-Aus gegen Benfica Lissabon.

          11 – Simulation mit schweren Folgen

          Chile verpasste die WM-Endrunden 1990 und 1994 wegen einer Sperre. Im September 1989 spielte man in Brasilien und benötigte unbedingt einen Sieg, lag aber nach knapp 70 Minuten mit 0:1 zurück. Ein Feuerwerkskörper wurde geworfen. Torhüter Roberto Rojas simulierte eine schwere Verletzung, die Kollegen verweigerten die Fortsetzung des Spiels. Doch TV-Bilder entlarvten Rojas, Chile wurde von der Qualifikation für die WM 1994 ausgeschlossen. 25 Jahre später kehren die Chilenen an den Tatort zurück. Im Maracana von Rio treffen sie im zweiten Gruppenspiel auf Spanien.

          Am Montag in der WM11-Vorschau: Niederlande

          Alle Infos zu Chile auf einen Blick

          Spielplan bei der WM 2014:

          Samstag, 14. Juni, 0.00 Uhr: Chile – Australien (in Cuiaba)
          Mittwoch, 18. Juni, 21.00 Uhr: Spanien – Chile (in Rio de Janeiro)
          Montag, 23. Juni, 18.00 Uhr: Niederlande – Chile (in Sao Paulo)

          Trainer: Jorge Sampaoli

          Plazierung in der Weltrangliste: 15.

          Bisheriges Abschneiden bei Weltmeisterschaften:

          1930: Vorrunde
          1950: Vorrunde
          1962: Dritter
          1966: Vorrunde
          1974: Vorrunde
          1982: Vorrunde
          1998: Achtelfinale
          2010: Achtelfinale

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