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WM-Sieger in Paris empfangen : Wir sind wieder wer

„On a 2 Étoiles“: Nach dem Sieg in Russland feiert Frankreich seine Weltmeister. Bild: EPA

Frankreich feiert seine Weltmeister – und stellt dabei die Gedanken an Terror, Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung sowie politische und soziale Zerrissenheit hintan. Trotz der Ausschreitungen ist es ein rauschendes Fest.

          Die Katerstimmung lässt in Frankreich auf sich warten; am Tag nach dem WM-Sieg ging die Party in Paris erst mal weiter. Überall herrschte das Bedürfnis, die Leistung der „Bleus“ zu würdigen. Selbst in den Wetterbericht vom Radiosender France Info streute die Sprecherin die Heimatorte der Weltmeister ein: „30 Grad heute in Marseille bei Lucas Hernandez, 28 Grad in Lille bei Raphaël Varane...“. Die Pariser Metro hängte an sechs U-Bahn-Stationen temporäre Schilder auf. Aus „Viktor Hugo“ an der Ligne 2 wurde „Victor Hugo Lloris“ – gewidmet dem Kapitän und Torhüter. Die Station „Charles de Gaulle – Etoile“ verwandelte sich in „On a 2 Étoiles“, weil sich die Franzosen nun zwei Sterne ans Nationaltrikot heften dürfen. Und an der Ligne 12 heißt „Notre-Dame-des-Champs“ nun „Notre Didier Deschamps“ in Erinnerung an den Weltmeister-Trainer.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Auf den Champs-Elysées wurde der Partymüll des Vortages für die Parade der Siegermannschaft schnell weggeräumt – genauso wie die Scherben. Denn in der Nacht auf Montag war es am Rande des Freudentaumels zu Ausschreitungen gekommen. Landesweit wurden fast 300 Personen festgenommen. Das spiegelt die innere Widersprüchlichkeit der französischen Gesellschaft, die trotz der Sonntagsreden über Einheit und Harmonie fortbesteht. Nicht wenige Randalierer kommen aus den gleichen Vierteln, in denen mancher Starspieler groß wurde.

          Paris feiert „seine“ Weltmeister nach deren Ankunft aus Russland.

          Die meisten Franzosen machen sich darüber keine Illusionen. Sie wissen, dass die Integrationsbotschaft der Siegermannschaft 1998 – „Black-blanc-beur“ – voreilig war, doch zwanzig Jahre später wollen sie sich davon nicht die Feierlaune verderben lassen. So versuchte man die Vorfälle zu relativieren. „Wenn man diese unakzeptablen Ausschreitungen mit den Menschenmassen vergleicht, die auf der Straße waren, handelt es sich um eine moderate Bilanz“, meinte der Polizeipräfekt Michel Delpuech. Schon beim WM-Sieg 1998 war es zu Gewaltausbrüchen gekommen, als zwei Autos blind in die Menge rasten und für Dutzende von Verletzten sorgten.

          Zu Wochenbeginn sollen in Frankreich die Glücksgefühle überwiegen – und das wirkte nicht aufgesetzt. Am Abend zog die Siegermannschaft in einem beeindruckenden Triumphzug im offenen Bus die Champs-Elysées hinunter, wo Zehntausende von Fans stundenlang in gleißender Hitze ausgeharrt hatten. Der blau-weiß-rote Rauch der Fanfackeln hüllte die Weltmeister ein, gleichzeitig flog die „Patrouille de France“ mit ihren neun Düsenjets über ihre Köpfe hinweg. Danach hatten die „Bleus“ Termin bei Präsident Macron im Elysée-Palast. Soziologen verwiesen auf das Bedürfnis der Nation, sich in einem friedlichen Zusammenhang zu versammeln – gerade nach den schlimmen Terroranschlägen der vergangenen Jahre.

          Nachdem in Paris die Plätze der Republik und der Bastille zu Orten nationaler Trauerversammlungen geworden waren, glichen sie seit Sonntag großen Partymeilen. Hier feierte sich eine Nation, die einmal die Nachrichten von politischer und sozialer Zerrissenheit, von Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und mangelnder Wettbewerbsfähigkeit hintanstellen wollte. Ohne die Rolle des Fußball zu überhöhen, sendete sie die Botschaft aus: Wir sind wieder wer. Mancher Macron-Anhänger zog auch Parallelen zur Wahl des jungen Präsidenten im vergangenen Jahr. Doch die Massen, bei denen Macron wegen seiner Reformen inzwischen recht umstritten ist, wollen keine politische Ausschlachtung, sondern suchen ein kollektives Erlebnis.

          Begeisterung in Blau, Weiß und Rot: Paris beim Empfang der Weltmeister.

          „Das ist das Schöne am Sport: Die Leute finden zusammen, ohne zu fragen, aus welchem Viertel Du kommst oder welcher Religion Du angehörst“, meinte Carole Gomez, Spezialistin für internationale Beziehungen am Institut Iris in Paris. „Der WM-Sieg vermittelt auch ein Bild der Jugend und des kollektiven Erfolges. Nicht zu vergessen ist etwa, dass auch Verteidiger die Tore schossen. Die Wahrnehmung Frankreichs könnte sich jetzt ändern“, sagt die Forscherin. Enttäuscht waren am Ende nur die Fans vor dem Nike-Store auf den Champs-Elysées. Sie standen sich seit dem frühen Morgen für den Kauf eines Nationaltrikots mit zwei Sternen die Beine in den Bauch, um dann zu erfahren, dass die Hemden erst in einigen Wochen erhältlich sein werden.

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