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WM-Erinnerungen 1990 : Immer rund um den Dorfbrunnen

Triumph in Italien: Lothar Matthäus (links) und Rudi Völler werden Weltmeister Bild: dpa

Die WM 1990 sorgt für einen Kulturwandel in Deutschland: Im Wiedervereinigungstaumel wird bei deutschen Erfolgen wieder Flagge gezeigt und der Autokorso hält Einzug in die Städte – laut hupend von Berlin bis in den letzten Winkel der Republik.

          2 Min.

          Der dritte und bislang letzte WM-Titel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft fiel mit der Wiedervereinigung zusammen – und brachte im neuen Deutschland einen Mentalitätswandel hervor. Schwarz-rot-gold wurde 1990 sehr offensiv geflaggt – und die Freude am liebsten laut herausgehupt: der Autokorso machte Schule.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Roland Rücker erinnert sich, dass ab dem Viertelfinale Autokaravanen durch Wiesbaden fuhren, mit steigender Intensität: „Bis zum Finale war die Innenstadt komplett durchgedreht.“ Nicht viel anders empfand es Robert Funcke: „Mein erster Einsatz in einem Autokorso durch Ludwigsburg, immer rund um den Brunnen...“

          Das muss echt Liebe sein: Andreas Brehme trifft und darf dann den Pokal halten
          Das muss echt Liebe sein: Andreas Brehme trifft und darf dann den Pokal halten : Bild: dpa

          Doch das Phänomen war nicht auf Kleinstädte beschränkt: Ilja Albrecht jobbte seinerzeit in einer Bar am Breitscheidplatz in Berlin und sah nach Brehmes Elfmetertor und dem kurz danach folgenden Schlusspfiff „eine euphorische Party, die verdächtig an die Jubelfeier in der Nacht vom 9. November im Jahr zuvor erinnerte.“ Sage einer, Fußball und Weltgeschehen bildeten keine Allianz.

          Auch bei Uwe Wagner hing die Fahne aus dem Autofenster – er fuhr aber gleich weiter nach Spanien in den Urlaub. Und war überrascht, dass er weder in Frankreich noch in Spanien für sein Flagge zeigen beschimpft wurde, sondern im Gegenteil sogar Lob und Anerkennung für die deutsche Leistung erhielt.

          Auch Ulrich Lerchs Befürchtungen erwiesen sich als unnötig. Dabei verbrachte er den Sommerurlaub „sozusagen in einer Gefahrenzone“: mit dem Hausboot in England. Das Finale sah er sich gemeinsam mit einem deutschen Freund in einem Pub an: „Wir saßen zu zweit zwischen ca. 50 Engländern, und mussten feststellen, wegen des Falkland-Kriegs waren die Argentinier noch unbeliebter als wir Deutschen. Der gesamte Pub jubelte mit uns.“ Sein Fazit: „Völkerfreundschaft ist eine Variable und keine Konstante.“

          Es war der bis heute letzte deutsche WM-Titel
          Es war der bis heute letzte deutsche WM-Titel : Bild: dpa

          Umgekehrt ist Friedfertigkeit nicht von grundsätzlicher Natur: Doyle Musgrave erinnert sich an fantastische Wochen auf einer griechischen Aussteigerinsel. „Bei Panagiotis, dem Wirt haben Deutsche und Engländer stets einträchtig ihr saftiges Lamm verspeist, aber nach dem Semifinale wurde die Taverne von sonst entspannten Kiffern, Rauschebärten und FKK-Aposteln zerlegt.“ Das Finale hatte dann in Argentinien wieder einen Teilnehmer, den alle zusammen doof fanden.

          Auch das vermag der Fußball: Menschen zusammenbringen: Johannes Odonnel trank die klassischen eins, zwei Siegesbiere mit den berühmten „wildfremden Leuten“ am Frankfurter Flughafen in der Ankunftshalle, wo er mit völlig unbekannten Menschen, die sich später vermutlich in den Armen lagen, die letzte halbe Stunde des Finales verfolgte.

          Im Finale von Rom zog Diego Maradona den Kürzeren
          Im Finale von Rom zog Diego Maradona den Kürzeren : Bild: dpa

          Keine gute Idee war es dagegen, zur WM-Zeit nach Amerika zu reisen, hat Andreas Günther erlebt: Das Endspiel wurde zwar auch an der Ostküste gezeigt, aber mit ständigen Werbeunterbrechungen zur Unzeit: „So kam es, dass ich den Elfmeter und das Tor nicht zu sehen bekam. Irgendwann schwenkten die Zuschauer die deutschen Fahnen und ich dachte, da muss doch ein Tor gefallen sein.“

          Heinz Langer, der alle drei deutschen WM-Siege miterlebte und bei FAZ.NET seine Erlebnisse schilderte, wurde dagegen nach dem Finale philosophisch, als er Franz Beckenbauer über den Rasen von Rom wandeln sah: „Denn der Mensch ist dort nur ganz Mensch, wo er spielend oder genießend sich verhält.“

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