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WM-Kommentar : Der Fußball der anderen begeistert

Die Trauer über das Ausscheiden kann auch den Blick weiten: Seit zwei Wochen müssen deutsche Fans über den eigenen Fußballplatz hinausschauen. Bild: dpa

Das frühe deutsche WM-Aus bietet einen neuen Blick auf den Fußball. Es öffnet Augen für Stars und andere Spielweisen. Und das könnte noch länger weitergehen, als den deutschen Fans lieb ist.

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          Daumen drücken – das war für deutsche Fußballfans über zehn Jahre eine ganz einfache Sache bei großen Turnieren. Bis zum Halbfinale war bei Welt- und Europameisterschaften immer klar: Die eigene Mannschaft ist dabei, da musste man sich keine Gedanken machen, warum und welches andere Team man so richtig gut finden könnte. Da achtete man eher darauf, welcher Gegner besser zur deutschen Mannschaft passte – und wen man besser mieden: Bloß nicht die Italiener! Her mit den Engländern!

          Aber in Russland haben sich die Zeiten gründlich geändert. Seit zwei Wochen können deutsche Fans wieder über den eigenen Fußballplatz hinausschauen, auch wenn viele seufzend sagen werden: hinausschauen müssen. Der frische Blick auf den Weltfußball, den deutsche Fußballfreunde nun für sich gewinnen, womöglich sogar auch ein bisschen genießen, dürfte in jedem Fall wieder die Augen dafür öffnen, welche Stars und Stärken, welche Klasse und Kraft auch in anderen Fußball-Ländern stecken. Eine Erkenntnis, die es in den vier Jahren deutscher Weltmeistergefühle oft ein bisschen schwer hatte, sich durchzusetzen.

          Ob nun Franzosen und Belgier oder Engländer und Kroaten: in jedem dieser Teams der Halbfinals am Dienstag und Mittwoch gab es Spieler und Spielweisen, die deutsche Fußballfans mittlerweile begeistern, jenseits aller Wehmut. Ob nun die Franzosen mit ihrem 19 Jahre alten Supertalent Mbappé oder die Belgier mit ihrem Wirbelsturm de Bruyne, Hazard und Lukaku – das sind Fußballspieler, die auch über ein Halbfinale hinweg in bester deutscher Fußball-Erinnerung bleiben dürften. Als ein Gewinn für das Spiel, der weit über das Ergebnis einer einzelnen Partie hinausweist.

          Es zeigt sich in diesen Tagen auch, was in diesem Welt- und Milliardensport immer noch möglich ist, wenn sich ein Land wie Kroatien mit gut vier Millionen Einwohnern leidenschaftlich aufmacht, Grenzen zu überwinden. Und das nun im Finale am Sonntag gar vom Titel träumen darf, während die Teams der Fußball-Großmächte wie Deutschland, Spanien, Brasilien oder Argentinien längst zu Hause sind. Das Gefühl, über sich hinauswachsen zu können, wenn man es unbedingt will, wird diese WM vermutlich länger überdauern und sich mit den Kroaten verbinden, aber eben nicht nur mit ihnen. Und genauso dürfte die Gewissheit bleiben, dass man sich, wie die Engländer trotz der Niederlage im Halbfinale, selbst aus scheinbar unendlichen Tiefen wieder nach oben arbeiten kann. Falls es denn einen Plan gibt und an ihn geglaubt wird, selbst wenn sich unüberwindliche Hindernisse wie ein Elfmeterschießen in den Weg stellen. Yes, we Kane – so schön, einfach und erfolgreich kann der Fußball made in New England sein, aber eben nicht nur dort.

          Der Blick auf den Fußball der anderen bietet bisher nur ein einmaliges und tröstliches deutsches Ersatzgefühl bei dieser WM. Aber daraus könnte noch mehr werden, viel mehr, als deutschen Fans heute lieb ist. Sie haben sich schon daran gewöhnen müssen, dass es mit ihrem Klubfußball seit dem deutschen Finale vor fünf Jahren in Wembley bergab geht. Es bedarf keiner großen prophetischen Gaben, wenn man nun befürchtet, dass es der Nationalelf in den kommenden Jahren ähnlich ergehen könnte. Daumen drücken, damit es wieder anders kommt, dürfte allein kaum reichen. Dazu braucht es noch etwas anderes, und was das ist, hat diese WM auch gezeigt. Und nicht zuletzt deswegen begeistert: Mut und Power – und zwar eine gehörige Portion davon.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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