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WM-Kommentar : Wer siegen will, muss fördern

Ergebnis von Talent und Förderung: Der Franzose Kylian Mbappe Bild: AP

Bei der WM wurde der Ballbesitzfußball deutscher oder spanischer Prägung abgehängt. Vielleicht schaut man im Land der gestürzten Weltmeister nun mal wieder über den eigenen Fußballplatz hinaus – und blickt nach Frankreich, Belgien oder gar England.

          Eine WM ist immer auch eine Weltmesse des Fußballs. Die Branche schaut dabei auch diesmal wie alle vier Jahre besonders aufmerksam danach, welche taktischen Trends sich entwickeln und wo sich echter fußballerischer Fortschritt offenbart. Auch in Russland wird es so kommen, wie es auch nach den vergangenen Weltmeisterschaften war – die Fußballwelt wird sich vor allem am künftigen Weltmeister orientieren. An dem, was ihn ausmacht.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Vor den Viertelfinalspielen zu sagen, welche Qualitäten in zehn Tagen rund um den Globus die größte Aufmerksamkeit und Anerkennung auf sich ziehen werden, wäre natürlich zu früh. Sicher ist bisher nur das Gegenteil: Welcher Trend zu einem Ende gekommen ist. Es ist der Ballbesitz-Fußball deutscher und spanischer Prägung, der nahezu eine Dekade den Weltfußball bestimmt hat. Sein Scheitern bei dieser WM hängt damit zusammen, dass die Stärken und Schwächen dieser Systeme über die Jahre entschlüsselt worden sind. Aber noch weit mehr mit der Tatsache, dass die goldenen Generationen dieser beiden Länder, die diesen Systemen erst Leben einhauchten, ihren Zenit überschritten haben und sie nicht mehr so schnell und souverän spielen konnten wie einst.

          Aber wo das Alte verschwindet, wird das Neue auch schon sichtbar, wenngleich noch die letzte goldene Bestätigung fehlt. Es geht dabei nicht in erster Linie um die Feststellung, dass ohne totale Identifikation und Motivation große Erfolge nicht möglich sind: Ob Russen oder Schweden, Kroaten oder Uruguayer – ohne Leidenschaft von Team und Trainer wären sie und alle anderen nicht da, wo sie jetzt sind. Neu ist diese Erkenntnis wahrlich nicht, aber nicht nur in Deutschland gehört sie in diesen Tagen aufgefrischt.

          Deutschland muss nach England schauen

          Doch ganz unabhängig davon, wer am Ende den Pokal in Händen halten wird: Es zeigt sich schon jetzt, dass es eine Entwicklung jenseits von Mentalität und Emotionalität gibt, die sich lohnt, genauer zu betrachten. Die zum Teil schon seit Jahren exzellente Nachwuchsarbeit in Belgien und England, aber auch in Frankreich, hat in all diesen Ländern junge Spieler von besonderer, aber auch ganz unterschiedlicher Stärke und Persönlichkeit hervorgebracht. Der RSC Anderlecht ist in Belgien seit Jahren das Herzstück einer Entwicklung, die dazu geführt hat, dass dieses kleine Fußball-Land zeitweilig die meisten Profis aller Nationen für die Premier League hervorgebracht hat. Romelo Lukaku steht dafür beispielhaft.

          Beispielhafte Entwicklung: Belgien mit de Bruyne (rechts), Witsel und Fellaini (Mitte)

          Umgekehrt hat es Tottenham Hotspur geschafft, trotz der Milliardeninvestitionen in der Premier League, englische Jugendliche so zu fördern und zu entwickeln, dass sie sich gegen das große Geld und die langjährigen Vorurteile, dass mit englischen Kickern kein großer Sieg zu machen ist, durchsetzen konnten. Harry Kane ist hier leuchtendes Beispiel, aber auch Dele Alli und Eric Dier.

          Hier wie dort wird dabei auf eine Jugendarbeit gesetzt, die wesentlich vielfältiger daherkommt als sich dies die meisten Jugend-Nachwuchsleistungszentren in Deutschland vorstellen können und wollen. Dort wird vieles anders und manches besser gemacht. So einfach und einleuchtend, wie es klingt, ist es auch: Die Nachwuchsförderung ist und bleibt auch in Deutschland die wichtigste und entscheidende Ressource für die Zukunft. Selbst wenn Belgien und England bei dieser WM nicht den Titel holen sollten: Als Vorbild für die Nachwuchsarbeit taugen die besten Klubs dort schon länger. Vielleicht schaut man im Land der gestürzten Weltmeister nun auch mal wieder über den eigenen Fußballplatz hinaus.

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