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WM-Kommentar : Versprechen auf die Zukunft

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Ästhetisches Spiel und zielgerichtete Kombinationen: Spanien ist derzeit prägend im Weltfußball Bild: dpa

Besiegt Spanien im WM-Finale die Niederlande, wäre ein fast vierjähriger Reifeprozess abgeschlossen. Auch die deutsche Mannschaft könnte bald ein eingespieltes Team haben - sie steht erst am Anfang einer Entwicklung, die bei der Endrunde in Südafrika Spitzenpotential verhieß.

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          Kontinuität und ein eindeutig erkennbares Stilprinzip zeichnen den Reifeprozess großer Mannschaften aus. Spanien, das am Sonntag im Endspiel gegen die Niederlande steht, ist in dieser Hinsicht derzeit prägend im Weltfußball. Die Mannschaft, die von Trainer Luis Aragones auf dem Weg zur Europameisterschaft 2008 geformt und von dessen Nachfolger Vicente del Bosque nach dem Gewinn des EM-Titels weiterentwickelt worden ist, kann am Sonntag den Gipfel ihrer Spielkunst erreichen und in Johannesburg den WM-Pokal erobern. Damit wäre auch ein fast vierjähriger Reifeprozess abgeschlossen, der die Iberer zur Nummer eins gemacht hat - zumindest, was den ästhetischen Reiz ihres Spiels, die Klasse im Umgang mit dem Ball und das Verständnis für den zielgerichteten Fluss der Kombinationen angeht.

          Da der FC Barcelona diese Art des Fußballs allwöchentlich vorgibt und das Gros der Selección aus Spaniens derzeitiger Fußball-Hauptstadt kommt, werden dem Spiel von del Bosques Team stets erneuerbare Energien hinzugefügt. In diesem Perpetuum mobile droht so schnell nichts stillzustehen, zumal alte Konflikte zwischen den Barca-Stars und denen von Real Madrid Themen von gestern sind.

          Ein eingespieltes Team könnten bald aber auch die diesmal noch von Spanien auf Abstand gehaltenen Deutschen haben. Auch deshalb dürfte es Bundestrainer Joachim Löw reizen, seinen Job beim Deutschen Fußball-Bund fortzuführen. Er steht mit seiner jungen Auswahl erst am Anfang einer Entwicklung, die bei der WM Spitzenpotential verhieß. Noch ist das Team zu störanfällig, wenn der eine oder andere Schlüsselspieler, wie Thomas Müller bei der 0:1-Niederlage gegen die Spanier im WM-Halbfinale, ausfällt. Noch fehlt die Fähigkeit, wie von selbst Spiel für Spiel mit dem eigenen Stil zu prägen und zu dominieren. Doch die Konkurrenz hat in Südafrika erkannt, dass mit diesen Deutschen in Zukunft ganz weit vorn zu rechnen ist.

          Noch störanfällig: Auch die Deutschen könnten bald ein eingespieltes Team haben
          Noch störanfällig: Auch die Deutschen könnten bald ein eingespieltes Team haben : Bild: dpa

          Ginge Löw, wäre vieles in Frage gestellt

          Löw ist ein Trainer, dessen moderne Fußball-Handschrift bei diesem Turnier gut sichtbar wurde. Sie trägt Züge des Fußballs, den der Niederländer Louis van Gaal beim FC Bayern München spielen lässt. Profitieren der beste Klub im Lande und die Nationalmannschaft mit ihrer Spielweise voneinander, ist dies identitätsstiftend und ein Fall für Zwei wie in Spanien. Einen eigenen Weg zum Erfolg zu finden mit einer lernwilligen und stets von sich selbst überzeugten Mannschaft ist eine Fortsetzungsgeschichte, die eigentlich nur Löw schreiben kann, der sich in Südafrika für seine Spielerauswahl und seine Spielauffassung bestätigt sah. Platz drei bei der WM erreichen zu können ist eine starke Leistung; doch Löws Kader hat das Zeug zu mehr.

          In vier Jahren kann die deutsche Mannschaft, so sie kontinuierlich weiter gefördert wird, ähnlich wie Spanien am Gipfel ihres Könnens angekommen sein. Schutz und Halt bei der schwierigen Gratwanderung garantiert aber nur der Mann an der Spitze dieses Teams. Also der Trainer, der diesen neuen deutschen Fußballweg hin zu mehr Spiellust und Spielkultur eingeschlagen hat. Löws Mannschaft gab in Südafrika ein Versprechen auf die Zukunft ab; ihr Trainer hat sich noch nicht erklärt. Ginge er, wäre vieles wieder in Frage gestellt. Das aber kann einer wie Löw nicht wollen, der bei der WM auf vieles eine Antwort wusste und nun nur noch Ja sagen muss zu einer Vertragsverlängerung im Sinne der von ihm selbst geforderten und geförderten Kontinuität.

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