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WM-Kommentar : Punktlandung nach langem Anlauf

Nicht alle Nationen konnten bislang überzeugen. Bild: AP

Von Brasilien und Argentinien geht nur ein begrenzter WM-Zauber aus, die alte Fußballmacht Europa setzt die Ausrufezeichen. Die Arbeit von Prandelli, van Gaal und Löw ist hoch zu bewerten.

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          Die Frage der Quartierwahl beschäftigt nicht nur die Mannschaften bei einer Weltmeisterschaft. Auch für die Fans, die sich auf so ein Abenteuer einlassen, hängt einiges vom richtigen Standort ab. Wer sich das hitzige Salvador als Basis ausgesucht hatte, lag ziemlich gut. Erst das berauschende 5:1 der Niederländer gegen Spanien, dann das mitreißende 4:0 der Deutschen gegen Portugal - da kann man nicht meckern.

          Aber auch sonst hat diese WM bislang nicht das bestätigt, was mancher angesichts des Klimas befürchtet hatte: dass es ziemlich öde zugehen würde. Für die Spieler mag mancher Auftritt große Strapazen mit sich bringen, beim Zuschauer aber bleibt bislang auch ein Eindruck von Leichtigkeit.

          Ausrufezeichen aus Europa

          Für ein sportliches Zwischenfazit ist es noch zu früh. Ein paar Indizien haben die ersten Spiele aber doch geliefert. Natürlich hat Südamerika einen guten Auftritt hingelegt, vier von sechs Teams sind mit einem Sieg gestartet. Etwas anderes war angesichts des Heimvorteils auch nicht zu erwarten. Dennoch ging von diesem Kontinent, auch von Brasilien und Argentinien, nur ein begrenzter Zauber aus. Der WM-Gastgeber zeigte bei der Nullnummer gegen Mexiko gar erstaunliche Defizite.

          Die Ausrufezeichen kamen von der alten Fußballmacht Europa. Und das nicht nur wegen der Ergebnisse. Wenn man nach Mannschaften Ausschau hielt, die mit einer originären Spielidee und mit einem hohen Maß an taktischer Reife und Raffinesse daherkamen, landete man schnell bei drei Kandidaten: Italien, Holland - und auch Deutschland.

          Ein Ensemble, das mehr ist als die Summe seiner Teile

          Der Auftritt von Joachim Löws Team gegen Portugal war so nicht vorherzusagen. Und das 4:0 wurde auch durch hilfreiche Umstände begünstigt: die frühe Führung durch einen fragwürdigen Elfmeter, die Rote Karte gegen Pepe nach 37 Minuten. Es war aber doch beeindruckend, wie überzeugend die Mannschaft die Spielidee ihres Trainers punktgenau und auch noch topfit auf den Platz gebracht hat. Und das umso mehr angesichts der schwierigen Umstände, unter denen Löw und seine Spieler das Projekt Titelgewinn angehen mussten.

          In der knapp vierwöchigen Vorbereitung hat der Bundestrainer aber offenbar fertiggebracht, was nicht vielen gelingt, erst recht nicht in so kurzer Zeit: aus einer Ansammlung unterschiedlich geschulter und geprägter Profis ein Ensemble zu bilden, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Ein Vereinstrainer hat es da viel leichter, ihm steht ungleich mehr Übungszeit zur Verfügung. Umso höher ist aber zu bewerten, was Cesare Prandelli, Louis van Gaal und Löw geschafft und geschaffen haben.

          Vom ursprünglichen Profil nicht mehr viel übrig

          Löw hat, teils aus der Not heraus, einiges riskiert: Er hat seine Ansage kassiert, wonach er nur topfitte Spieler mitnehmen wollte. Er hat die Position des Stürmers so verändert, dass vom ursprünglichen Profil nicht mehr viel übrig war, und seinen Kader radikal danach ausgerichtet. Und er hat zuletzt eine Viererkette gebastelt, die gegen alle Kompositionsregeln verstößt, aber trotzdem alles abzuwehren wusste.

          Wie gesagt: Damit, dass alles in dieser Form aufgehen konnte, brauchte es schon auch einen günstigen Verlauf. Vorausschauende WM-Touristen aber können vielleicht trotzdem schon mal anfangen, sich mit einem Quartierwechsel zu beschäftigen: In Salvador macht der Zweite der Gruppe G weiter, für den Ersten geht es gen Süden, zunächst nach Porto Alegre. Dort ist es zwar viel kühler - macht Löws Team so weiter, könnte es aber der nächste deutsche Hotspot sein.

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