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WM-Kommentar : Europas große Drei

  • -Aktualisiert am

Atemberaubende Spiellust: Mertesacker, Özil und Podolski (v.l.) treffen im Halbfinale auf... Bild: dpa

Deutschlands Spiellust, niederländische Tugenden und Spaniens Kombinationen zeigen die strukturelle Stärke des europäischen Fußballs. Herzlich willkommen, Uruguay, beim aussichtlosen Versuch bei dieser WM, Südamerikas Anspruch gegen die Power Europas geltend zu machen.

          Wenn das kein gutes Omen ist: So wenig Tore wie bei dieser Weltmeisterschaft wurden vorher nur einmal erzielt – bei den Titelkämpfen 1990 in Italien. Damals betrug der Trefferschnitt nach dem Viertelfinale wie diesmal in Südafrika 2,21 pro Spiel. Und am Ende hielten die Deutschen den WM-Pokal hoch, auch weil sie im Verlaufe des Turniers Tor auf Tor produziert hatten.

          Wenn das kein Zeichen alter Stärke ist: Das von manchem schon sehr früh totgesagte Europa lebt bei dieser 19. WM-Endrunde am längsten. Als alle Welt schon davon schwärmte, dass diesmal die Südamerikaner den Europäern um Längen voraus seien, schlug der Kontinent, auf dem Tempo, Rhythmus, Taktik und Strategie des Spiels mehr denn je bestimmt werden, überzeugend zurück. Europa überstand den Totalausfall seiner Traditionsmächte Frankreich, Italien und England und präsentiert sich zum Halbfinale im Glanze seiner großen Drei.

          Deutschland hat sich mit atemraubender Spiellust und Jugendlichkeit in die Vorschlussrunde gezaubert; die Spielernaturen der Niederlande haben ihre Klassemerkmale um ein paar deutsche Gemeinschaftstugenden angereichert; Spanien hat sich mit seinem „Tici-taka“-Kurzpassspiel 2008 den Europameistertitel herbeikombiniert und 2010 eine Option auf den ersten Weltmeistertitel gesichert. Herzlich willkommen also, liebe Uruguayer, im alten Europa bei dem ziemlich aussichtslosen Versuch, Südamerikas Anspruch auf die Eroberung des goldenen Schatzes gegen die geballte Fußballpower aus dem Reich der großen Ligen und des großen Geldes geltend zu machen.

          ... Spanien, nach wie vor stilprägend für modernen Fußball

          Spektakuläre Auftritte beim Festival mit wenigen Attraktionen

          Dass Deutschland, die Niederlande und Spanien im Rennen um den Titel übrig geblieben sind, verweist auf die ungebrochene strukturelle Stärke des europäischen Spitzenfußballs, auch die anspruchsvollsten Aufgaben mit Spielintelligenz, gruppentaktischer Disziplin und uneigennütziger Gemeinschaftsarbeit lösen zu können. Die Niederländer, früher eine Spur zu missionarisch auf der Spur ihres „Fußball total“, treten in Südafrika pragmatisch wie nie zuvor als Advokaten des Machbaren auf; die Deutschen, als gewissenhafte Vorarbeiter des Weltfußballs schon oft mit der Entfaltung ihrer eigenen Kreativität überfordert, entdecken die schönen Seiten des Fußballs mit der Abenteuerlust unbeschwerter Eroberer; und die Spanier versuchen, auch in Südafrika stilprägend für den modernen Fußball zu bleiben.

          Dass die beiden Altweltmeister Brasilien und Argentinien inzwischen adeús und adios gesagt haben, lag zum geringsten am Auftreten ihrer Stars. Brasilien hat es nicht verstanden, auf unverhoffte Störfälle wie die Wende im Viertelfinalspiel gegen Holland die Antwort von Siegern zu finden. Argentinien in Gestalt des überforderten Trainernovizen Diego Maradona gelang es nicht, einen Masterplan für das Gipfeltreffen mit den Deutschen zu entwerfen. Nur auf den Moment der Erleuchtung beim Künstlervolk auf dem Rasen zu setzen, war eine zu optimistische Attitüde bei einem Turnier, in dem es vor allem auf kühle Effizienz ankommt.

          Wer gut stürmt und gut verteidigt wie die Deutschen, hat jetzt schon etwas Wichtiges gewonnen: den großen Publikumspreis für die spektakulärsten Auftritte bei diesem Festival mit wenigen Attraktionen. Beliebt, gelobt, gefeiert: Nun soll auch noch der reale Weltmeistertriumph die deutschen Festspiele in Südafrika abrunden.

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