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WM in Brasilien : Bereit für das große Fußballfest

  • -Aktualisiert am

Das WM-Fieber in den brasilianischen Favelas steigt Bild: dpa

In den Favelas von São Paulo tanzen sich die Fans warm für die am Donnerstag beginnende WM. Ihre Begeisterung können auch Armut, Konflikte und Streiks nicht trüben.

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          Jefferson Santana Silva hat seine nahen und fernen Verwandten mitgebracht. Bei schönstem Herbstwetter sind sie zur „Arena Corinthians“ gefahren, wo der Anstreicher für das Bauunternehmen Odebrecht arbeitet. Das Stadion im Stadtteil Itaquera ist am Wochenende vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaften am kommenden Donnerstag die wahrscheinlich meistbesuchte Touristenattraktion von São Paulo.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Auf den Brücken und Überführungen sind Dutzende von Autos geparkt, man fotografiert sich vor der imposanten Kulisse des Stadions. Dort wird unterdessen weiter gearbeitet, vor allem an den provisorischen Tribünen, die nach der WM wieder abgebaut werden, wenn der Verein Corinthians sein neues Stadion für die Heimspiele in der ersten brasilianischen Liga nutzen wird und dann nicht mehr so viele Zuschauerplätze braucht.

          Jefferson ist stolz, dass er beim Bau des Stadions dabei sein konnte. Schließlich sind alle in der Familie eingefleischte Fans der Corinthians. Gewiss, Verzögerungen beim Bau habe es gegeben, sagt er, aber das sei doch überall so. Jetzt sei es an der Zeit, das große Fußballfest zu feiern. So oder so ähnlich äußern sich fast alle, die zu Pfingsten zum Fototermin mit Stadion gekommen sind. Die Spiele werden sie dann im Fernsehen verfolgen, denn für eine Eintrittskarte wollte keiner der Feiertagsauflügler tief in die Tasche greifen. Auch Jefferson nicht. „Wir gehen dann wieder zu den Spielen der Corinthians ins Stadion“, sagt er.

          Verkehrschaos droht

          Obwohl viele Brasilianer drei Tage vor dem Beginn der WM erschöpft zu sein scheinen vom monatelangen Streit über Nutzen oder Schaden des Großereignisses für das Land, setzte die Gewerkschaft der U-Bahn-Angestellten von São Paulo ungeachtet eines Verbots durch das zuständige Arbeitsgericht ihren Streik auch am Montag fort. Jeden Tag sind mehr als vier Millionen Pendler auf die U-Bahn von São Paulo angewiesen, vor allem in Arbeitervorstädten wie Itaquera oder Sapopemba im Osten der Stadt. Der Haltestelle Itaquera-Arena Corinthians in unmittelbarer Nähe des Stadions kommt in diesem Kampf strategische Bedeutung zu. Sollte die Station, die am Montag offen war, an Spieltagen der WM bestreikt werden, wird das Verkehrschaos kaum zu bändigen sein. Präsidentin Dilma Rousseff, die zum Eröffnungsspiel am Donnerstag nach São Paulo kommen wird und dazu außerdem ein Dutzend weiterer Staats- und Regierungschefs eingeladen hat, hat deshalb ihre Landsleute zur Ruhe während der WM aufgerufen. Brasilien möge sich als Land „der Fröhlichkeit, der Stärke und der Höflichkeit“ zeigen, sagte die Präsidentin und forderte Einheimische und ausländische Besucher auf, „diese großartige Party zu genießen“.

          Dazu ist man in der Favela Nova Rua im Stadtteil Sapopemba im Osten von São Paulo bereit. Über den engen Gassen hängen gelbe und grüne Plastikstreifen und Wimpel mit der Nationalflagge. Aus den Lautsprechern einer Bar dröhnt Musik. Rund 800 Familien leben in Nova Rua, eines der kleineren der gut 1.500 Favelas der Wirtschaftsmetropole. Insgesamt leben rund elf Prozent der Bevölkerung der Metropolenregion in einer Favela. Viele Leute aus Nova Rua müssen mit der U-Bahn vom benachbarten Stadtteil Itaquera aus zur Arbeit ins Stadtzentrum fahren. Denn die Hochbahn, die als Erweiterung des Metronetzes von São Paulo den Stadtteil Sapopemba sowohl mit dem Zentrum von São Paulo wie auch mit der Industrievorstadt São Bernardo do Campo verbinden soll, ist noch immer nicht fertig. Geplant wurde sie vor zwei Jahrzehnten, gebaut wird an ihr seit vielen Jahren, bis zur WM hätte sie fertig sein sollen. „Die WM hat uns keine Verbesserung der Infrastruktur gebracht“, sagt Mispo, der als Lehrer für Street Dance im Sozialprojekt des „Zentrums für die Verteidigung der Rechte von Kindern und Jugendlichen“ (Cedeca) am Rand der Favela Nova Rua arbeitet. Unterstützt wird die brasilianische Nichtregierungsorganisation von der Kinderhilfsorganisation „Terre des Hommes“ und vom Betriebsrat von Volkswagen, dessen Werk sich unweit von Sapopemba in São Bernardo do Campo befindet.

          Ein Dutzend Jugendlicher zwischen 13 und 17 Jahren, die allesamt wegen kleinerer Delikte ins Visier der Justiz geraten sind, nehmen an Mispos Kurs teil. Vermutlich wird keiner von ihnen jemals seinen Lebensunterhalt als professioneller Street Dancer oder als Studiotänzer einer Rappergruppe verdienen. Aber sie sollen lernen, sich gegenseitig anzufeuern und zu unterstützen. Keiner von ihnen wird auch nur eines der WM-Spiele in der „Arena Corinthians“ sehen können, die Tickets sind zu teuer. Sie alle sind davon überzeugt, dass Brasilien Weltmeister wird. „Die Regierung will der Welt ein Vorzeige-Brasilien präsentieren“, sagt der 17 Jahre alte Guilherme, „aber das hat mit uns nichts zu tun.“ Dennoch fiebern die Leute in Nova Rua wenige Tage vor dem Beginn der WM den Spielen der brasilianischen Seleção begeisterter entgegen als die Mittel- und Oberschicht in ihren bewachten Wohnquartieren. Es ist, als hole sich das Volk, das sich vom Weltfußballverband Fifa und der Regierung seiner Spiele beraubt fühlt, seine WM nun zurück. Inmitten der Flaute, in der sich die brasilianische Volkswirtschaft seit gut drei Jahren befindet, ist in den vergangenen Wochen der Absatz von Fernsehern um 40 Prozent gestiegen. In so gut wie jedem Haus der brasilianischen Favelas gibt es einen Fernseher. Erst wenn dann noch Geld übrig ist, wird ein Kühlschrank angeschafft. Auf eine Wand in Nova Rua ist ein Graffito mit der allgegenwärtigen Aufschrift „Copa para quem?“ (Die WM für wen?) gesprüht. Die WM mag im Stadion „Arena Corinthians“ im Nachbarstadtteil Itaquera angepfiffen werden. Stattfinden wird sie trotz allen Streits über verschwendete und veruntreute Millionen in Nova Rua und in ungezählten anderen Favelas.

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