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Brasiliens Seleção : Neymar im Korsett

  • -Aktualisiert am

Ist Neymar etwa kalt? Die Spannung steigt vor der WM in Brasilien Bild: AP

Nur vier Profis aus der eigenen Liga, dafür gibt es Zweifel an Superstar Neymar: Wird die Seleção zu europäisch für den WM-Titel im eigenen Land? Der Gastgeber wirkt etwas nervös vor Turnierbeginn.

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          Carlos Alberto Parreira hat Angst um die Identität des brasilianischen Fußballs. „Es ist gut, wenn unsere Nationalspieler in den besten Klubs der Welt spielen, sich mit den verschiedenen Arten des modernen Fußballs messen können“, sagte der Technische Direktor der brasilianischen Nationalmannschaft vergangene Woche im Trainingslager in Teresopolis. Doch manchmal sorge er sich auch, dass die Nationalmannschaft, deren Spieler den überwiegenden Teil ihrer Karriere im Ausland spielen, ein wenig ihrer brasilianischen Identität beraubt werde.

          Ein Blick auf den aktuellen Kader der Seleção gibt dem Mann, der Brasilien 1994 auf der Bank zum vierten WM-Titel führte, durchaus recht. Der harte Kern der Nationalmannschaft spielt seit Jahren im Ausland. Im vergangenen Jahr gesellte sich auch noch der Jungstar Neymar zum Kreis der Auserwählten, die gut bezahlt in den europäischen Topklubs ihr Geld verdienen. „Er wird in seinem ersten Jahr in Spanien vor allem lernen, sich einem taktischen Schema unterzuordnen, auch wenn er das schon hier in Brasilien gemacht hat.

          Der Blaumann soll es richten: Trainer Luiz Felipe Scolari

          Beim FC Santos und in der Seleção hat er sich stets an die taktischen Vorgaben gehalten, und in Spanien wird er damit sogar tagtäglich leben müssen“, sagte Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari im vergangenen Jahr, als Neymar seinen Wechsel zum FC Barcelona vollzog. „Wir hier in Brasilien halten uns nicht so streng an taktische Marschrouten wie in Europa. Das wird eine Umstellung für ihn sein. Wichtig für ihn, wichtig für uns.“

          Scolari sieht den Sprung nach Europa eher als eine Evolution im Leben eines Profifußballspielers an. Ein Jahr später muss er seine beunruhigten Landsleute beschwichtigen. Das durchwachsene Jahr des Hoffnungsträgers in Barcelona hat bei vielen die Zweifel wachsen lassen, ob Neymar schon so weit ist, die Nationalmannschaft durch so ein knüppelhartes Turnier zu führen, wie es die Auslosung für die Brasilianer verspricht. „Er wird bei uns eine andere Rolle spielenals bei Barça“, verspricht Scolari.

          Weltmeister unter sich: Carlos Alberto Parreira (links) ist Technischer Direktor

          Die Sporttageszeitung „Lance“ rechnete zuletzt vor, dass die neun brasilianischen Klubs mit den größten Fangemeinden nicht im aktuellen WM-Kader vertreten sind: Weder Flamengo noch Vasco aus Rio, die Corinthians aus São Paulo oder Cruzeiro aus Belo Horizonte haben Spieler bei der WM im eigenen Land. Gerade einmal vier einheimische Profis stehen im Aufgebot, das am 13. Juli im Maracanã-Stadion den sechsten WM-Titel und den ersten im eigenen Land gewinnen soll.

          Unter den vier Profis sind in Jefferson (Botafogo) und Victor (Atletico MG aus Belo Horizonte) auch noch zwei Ersatztorhüter, die wohl kaum zum Einsatz kommen. Bleiben noch Victors Vereinskamerad Jô und Stürmer Fred, über dessen Abschied aus Brasilien nach der WM bereits heftig spekuliert wird. „Gut und billig“ sei der Topstürmer vom Rio-Klub Fluminense, und es gebe auch schon zahlreiche Interessenten für den 31 Jahre alten Goalgetter, der die alte, richtige Neun verkörpert.

          Ob sich Freds Schusskraft durch das Kicken des Gymnastikballs erhöht?

          Der Bedeutung seiner Worte war sich Parreira wohl bewusst, deswegen beeilte er sich, den aktuellen Nationalspielern auch gleich einen Freibrief auszustellen: „Wenn sie zur Nationalmannschaft kommen, sind sie brasilianische Spieler. Sie verlieren nicht ihren Charakter im Hinblick auf die technische Qualität, die Improvisation und die Freude am Ball.“

          Im Nachbarland Argentinien sind sie da nämlich nicht so verständnisvoll. Seit Jahren führt die argentinische Presse einen Kleinkrieg gegen die Nationalmannschaft, deren Auslandsprofis zwar in den Klubs glänzen, in der „Albiceleste“ das Land allerdings durch Titellosigkeit und schwache Turnierergebnisse enttäuschen.

          Ein Blick auf die Liste der Klubs zeigt, dass Brasilien über Spieler verfügt, die zwar schon lange nicht mehr auf dem Rasen ihrer Heimatländer gespielt haben, dafür aber bei Real Madrid, dem FC Barcelona, Bayern München oder dem FC Chelsea nahezu alle denkbaren und derzeit erfolgreichsten Offensiv- und Defensivsysteme des modernen Fußballs beherrschen. Und das in stattlicher Zahl: In den Aufgeboten der acht Viertelfinalteilnehmer der Champions League standen allein 24 Kicker mit brasilianischem Pass. Mehr, als ein ganzer WM-Kader aufnehmen kann. Das dürfte sogar Carlos Alberto Parreira beruhigen.

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