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WM-Gastgeber Brasilien : Das System Neymar

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Auf ihm Lasten die Erwartungen einer ganzen Nation: Neymar Bild: AFP

Brasilien erwartet nichts anderes als den WM-Titel, aber der entscheidende Akteur der Seleção ist erst 22 Jahre alt. Trainer Scolari hat noch nicht entschieden, ob er auch den Altstars eine tragende Rolle zutraut.

          Brasiliens versammelte Fußball-Historie ist sich einig: Es kann nur einen geben. Ob Carlos Alberto Torres (69 Jahre), Bebeto (49), Ronaldo (37), Mario Zagalo (82) oder die Weltfußballerin Marta (27) – alle brasilianischen Stars aus fünf unterschiedlichen Epochen, die der Internationale Fußball-Verband (Fifa) in dieser Woche im Rahmen einer Pressekonferenz im Auslosungsort Costa do Sauípe präsentierte, sind fest davon überzeugt, dass der Superstar der Weltmeisterschaft 2014 aus dem Städtchen Mogi das Cruzes kommt und auf den Namen Neymar da Silva Santos Júnior oder kurz Neymar hört. Für den 22 Jahre alten Ausnahmekicker des FC Barcelona ist so viel Vorschusslorbeer allerdings eine enorme Belastung. Nichts anderes als den WM-Titel verlangen die fast 200 Millionen Brasilianer von dem Stürmer mit dem Hang zu außergewöhnlichen Frisuren. Und obendrein soll der wendige Kicker auch noch das ganze Turnier dominieren und ihm seinen Stempel aufdrücken. Die Vorrunde mit den Gegnern Kroatien, Mexiko und Kamerun soll nicht mehr als ein munteres Vorspiel werden. Einzig Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari warnt: „Besonders Mexiko ist sehr gefährlich“. Das Kroatien Gegner im Eröffnungsspiel sein wird, komme seinem Team aber entgegen: „Europäer brauchen eine Zeit der Eingewöhnung. Wir kennen das Land. Für uns ist das besser“.

          Einig sind sich alle Brasilianer darin, dass ihr Superstar Neymar über den Erfolg ihrer Nationalelf entscheiden wird. Ein solcher Rucksack an Erwartungen hat schon so manchen hoffnungsvollen Kicker in einen Strudel von Versagensängsten und Enttäuschungen versinken lassen. Funktioniert Neymar bei der WM nicht, gerät das ganze brasilianische System ins Wanken. Neben Neymar ist nämlich weit und breit kein Akteur sichtbar, der diese Rolle übernehmen könnte, sollte der Jungspund das große Nervenflattern bekommen. Das Turnier im Sommer 2014 wird dessen Karriere prägen. Das nächste Kapitel seines ohnehin schon ereignisreichen Lebens wird entweder die Überschrift eines strahlenden Helden oder eines tragischen Verlierers tragen, der unter dem Erwartungsdruck einer ganzen Nation zusammenbricht.

          Eine Bank voller Altlasten

          Neymar absorbiert wie ein schwarzes Loch derzeit alle Dynamiken in Brasilien: Druck, Euphorie, Erwartungshaltung, Werbung, aber auch die Furcht vor dem Scheitern. Und weil Neymar alles überstrahlt, verschwinden die kleinen und größeren Probleme des brasilianischen Fußballs in seinem riesigen Schatten. Ein Sicherheitsrisiko für die Erfüllung des brasilianischen Traumes ist beispielsweise die Rolle von Torhüter Júlio César. Die brasilianischen Fans haben seinen Aussetzer im WM-Viertelfinale 2010 gegen die Niederlande noch nicht vergessen, als dem Champions-League-Sieger von 2010 gegen Wesley Sneijder ein folgenschwerer Patzer unterlief und Brasilien wenig später ausschied. Es war ein Bild des Jammers, das sich bis heute tief in die brasilianische Seele eingegraben hat. Er habe damals geheult wie ein Schlosshund, nächtelang nicht geschlafen, berichtete César später. Das Urvertrauen in ihren Torhüter haben die Brasilianer seitdem verloren. Nach dem Abstieg mit den Queens Park Rangers aus der Premier League gab es im Sommer zudem viele Stimmen, die darauf drängten, das Kapitel César in der Nationalmannschaft zu beenden. Dann aber überzeugte der 34 Jahre alte Torwart beim Confed-Cup und machte so vorübergehend seinen Frieden mit den Zuschauern. Auch Trainer Luiz Felipe Scolari war erleichtert, er hat mangels Alternativen zwischen den Pfosten allerdings auch keine andere Wahl. Restlos überzeugt sind die Brasilianer von ihrem Schlussmann aber immer noch nicht. César ist das Restrisiko in einem Konzept, von dem niemand weiß, ob es am Ende auch wirklich so aufgeht.

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