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Belgien und Holland bei der WM : Blasmusik gegen Teufelsfieber

  • -Aktualisiert am

Feiern in orange: Ausgelassene Stimmung in Brüssel nach dem Achtelfinale gegen Russland Bild: dpa

Bevor es zum historischen Duell im Halbfinale kommen kann, müssen Belgien und die Niederlande am Samstag jeweils ihr WM-Achtelfinale gewinnen. Auf dem Papier wirkt die holländische Aufgabe machbarer.

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          Belgien und Holland gegeneinander in einem WM-Halbfinale? Bevor es zu diesem historischen „Derby der Niederlande“ kommen kann, müssen beide noch zwei schwere Gegner aus dem Turnier räumen. Auf dem Papier wirkt die holländische Aufgabe, die Überraschungsmannschaft aus Costa Rica, etwas machbarer. Eine der Trumpfkarten heißt dabei sonderbarerweise Dirk Kuyt.

          Der in der Türkei spielende Blondschopf wurde nach seiner unkonventionellen Umschulung zum Außenverteidiger sofort zum Liebling der Fans. Aufstellungen mit elf Dirk Kuyts wurden zum Renner in den Bildmedien des Internets. Zum Viertelfinale kursiert sogar die satirische Idee, dass der vielseitige Kuyt den usbekischen Schiedsrichter Irmatov ersetzen soll. Van Gaal sei mit dieser Taktik bereits einverstanden.

          Wilmots hat zwei Beobachter entsandt

          Solche Witzchen unterstreichen die unverrückbar optimistische Grundhaltung der niederländischen Fußballgemeinde. Die traditionelle Oranje-Parade vor dem Anpfiff vom Stadtplatz zum Stadion in Salvador de Bahia ist inklusive Bier und Blasmusik bereits genehmigt. Und auch der wichtigste Aspekt fürs traditionsreiche Händlervolk, dessen Schiffe einst Sklaven nach Südamerika transportierten, scheint unter Dach und Fach: Der königlich-niederländische Fußballverband teilte mit, dass mit dem Viertelfinale und den damit verbundenen Prämien alle Kosten für die Delegation in Brasilien abgedeckt seien. Mit dem Finaleinzug von 2010 hatte man noch drei Millionen Euro Gewinn gemacht - eine Summe, die angesichts der ausgehandelten Prämie von 270.000 Euro pro Spieler im Falle des WM-Siegs nicht erreichbar scheint.

          Aufstellungen mit elf Dirk Kuyts sind im Internet der Renner - auf dem Platz gibt es ihn allerdings nur ein mal (rechts)
          Aufstellungen mit elf Dirk Kuyts sind im Internet der Renner - auf dem Platz gibt es ihn allerdings nur ein mal (rechts) : Bild: AFP

          Nachdem aber das deutsche Lehnwort „Vizeweltmeister“ nach der Endspielniederlage gegen Spanien 2010 Einzug in die holländische Sprache hielt, sind unsere Nachbarn von einem Viertelfinale 2014 nicht mehr außergewöhnlich zu euphorisieren. Dass der belgische Nationaltrainer Marc Wilmots gleich zwei Beobachter nach Salvador entsandt hat, um den möglichen Gegner im Halbfinale gründlich zu analysieren, wirkt da für die erfolgsgewohnten Niederländer eher wie ein Kuriosum. Ob es der kleine Bruder im Süden wirklich schafft? Bei den Nachbarn in Belgien ist die Stimmung ganz anders.

          Ironische Kommentare gibt es zur Genüge

          Hier steht ein junges, hungriges Team nach Jahrzehnten der Erfolglosigkeit erstmals im Fokus. Nur 1986 kam man ins Viertel- und danach sogar ins Halbfinale. Da muss im Land von Eddie Merckx sogar der Start der Tour de France für einen Tag zurückstehen. Anders als echte Außenseiter scheint sich Trainer Wilmots mit dem Viertelfinale keineswegs als Erfolg anzufreunden. Argentinien ist nur eine Etappe, und er hat mit einem Interview das Motto in die Heimat gefunkt: „Wir haben nichts erreicht, Ehrenplätze und Sympathiepunkte interessieren mich kein bisschen.“

          Solches Selbstbewusstsein, das nach dem Sieg über die Vereinigten Staaten noch gewachsen ist, belohnt Belgiens politische Klasse gerne. Zum Viertelfinale reisen zwei Minister samt Ministerpräsident Elio Di Rupo an. Zum ersten Spiel war noch König Philippe in Begleitung hochrangiger Politiker eingeflogen. Ironische Kommentatoren, die es im zerstrittenen Land der Flamen und Wallonen zur Genüge gibt, merken an, dass solche spendablen Politreisen gut zur deplorablen Lage des Landes passen.

          „Origi“ ist gestorben

          Denn während die Fußballer in Brasilien eine gute Figur abgeben, gefällt sich die politische Klasse wieder einmal in ihrem Lieblingssport: Koalitionsverhandlungen. Der Weltrekord von 535 Tagen nach den vorigen Wahlen steht zur Disposition. In und um Brüssel wird in gewohnter Manier um regionale und nationale Koalitionen gefeilscht, da kann Ablenkung nicht schaden.

          Belgien macht sich warm: „„Wir haben nichts erreicht“
          Belgien macht sich warm: „„Wir haben nichts erreicht“ : Bild: AP

          Dass die „Diables Rouges“ (französisch), respektive „Rode Duivels“ (niederländisch) die einander misstrauenden und sprachlich getrennten Landesteile Wallonie und Flandern einander näherrücken, ja einen gesamtbelgischen Patriotismus anfachen könnten - davon kann keine Rede sein. Das Kompromissvolk der Belgier bleibt auch beim Trappistenbier nüchtern genug, um zwischen Sport und Politik zu trennen.

          Als diese Woche eine flämische Nationalistenpartei forderte, das Aushängen der schwarzgelbroten Staatsflagge mit einer Werbesteuer zu belegen, weil der Name einer Brauerei auf der Fahne stand, regte sich kaum Unmut. Überhaupt bringt das „Teufelsfieber“ der Fußballfans den Beteiligten nicht unbedingt Glück. Das Delphinbaby „Origi“, das im Überschwang auf den Namen des Jungstars Divock Origi getauft worden war, ist am Freitag im Delphinarium von Brügge gestorben. Ob das ein schlechtes Vorzeichen ist für das erträumte Halbfinale der beiden Niederlande?

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