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WM-Außenseiter Panama : Fußball, Gewalt, Macht und Mafia

  • -Aktualisiert am

Panamas Trainer Hernan Dario Gomez während des Spiels gegen Belgien Bild: AFP

Hernan Dario Gomez hat in Kolumbien blutige Jahre erlebt. In Panama gilt der Trainer als Volksheld. Ganz ausklingen wollen die kritischen Stimmen aber nicht.

          Der dunkelste Moment im Leben des Hernan Dario Gomez spielte sich im August 2011 ein paar Meter vor der Bar „El Bembe“ in Bogotás Ortsteil „La Macarena“ ab. Laut Angaben des Kneipenwirtes hatte er bereits eine halbe Flasche kolumbianisches Feuerwasser, das „Aguardiente“, getrunken, als er mit seiner weiblichen Begleitung die Bar verließ.

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          Draußen kam es zu einem Handgemenge. Vier, fünf Schläge soll Gomez gegen die Frau ausgeteilt haben, berichteten Augenzeugen. Das Opfer, eine langjährige Bekannte, mit der Gomez ein Kind hat, ging nicht zur Polizei.

          Erst Jahre später offenbarte sie sich der kolumbianischen Presse, weil immer wieder fälschlicherweise behauptet wurde, Gomez’ Begleitung wäre eine Prostituierte gewesen. Obwohl die Behörden das Geschehen nicht dokumentiert hatten, bekamen die kolumbianischen Medien Wind von dem Vorfall, der sonst wohl folgenlos geblieben wäre.

          Schließlich fiel ein Schuss

          Der in Medellín geborene Gomez war zu jener Zeit zum zweiten Mal Trainer der kolumbianischen Nationalmannschaft. Frauenrechtlerinnen forderten ebenso wie Senatorinnen und die UN-Frauenrechtsbeauftragte des südamerikanischen Landes seinen Rücktritt. In einem Land, in dem es immer wieder brutale Übergriffe gegen Frauen gibt, war Gomez als Trainer der „Cafeteros“ untragbar geworden.

          Er drückte sein tiefes Bedauern über das Geschehene aus, er habe die Kontrolle verloren, und trat zurück. Sein Spitzname „El Bolillo“ verstärkte die Dramatik des Falles noch. Verpasst hatte ihm diesen der ehemalige und inzwischen verstorbene Mitspieler Jorge Zarate. Nachdem sich der zuvor langhaarige Gomez in der Saison 1978 kahl rasierte und mit seiner neuen Glatze ausgesehen habe wie ein Polizeiknüppel, taufte ihn Zarate „El Bolillo“.

          Ein paar Jahre zuvor war Gomez Opfer und nicht Täter. Im Mai 2001, als Gomez die Nationalmannschaft Ecuadors betreute, stürmten Unbekannte in die Cafeteria des Hotels Hilton Colón in Guayaquil. Augenzeugen berichteten später, die Männer hätten Gomez bedroht und beschimpft, weil er Dalo Bucaram, den Sohn des ehemaligen ecuadorianischen Staatspräsidenten Abdalá Bucaram, nicht für die anstehende U-20-Weltmeisterschaft nominiert habe.

          Schließlich fiel ein Schuss, das Projektil durchbohrte Gomez’ Bein. Unter den Angreifern befand sich Joselo Rodríguez, Direktor des Zweitliga-Klubs Santa Rita, den Abdalá Bucaram aus dem Exil heraus steuerte und für den Dalo spielte. Ein Jahr später starb Rodríguez selbst im Kugelhagel: Drei Männer hatten 40 Mal auf sein Auto geschossen. Neben Rodríguez starben auch dessen Ehefrau und sein vierzehnjähriger Sohn. Der potentielle Kronzeuge war aus dem Weg geräumt.

          Es war nicht die einzige Bluttat, die in Gomez’ Karriere für dramatische Momente sorgte. Bei der WM 1994 erlebte er als Assistenztrainer mit, wie Kolumbien, als Geheimfavorit gehandelt, durch ein Eigentor von Andrés Escobar gegen die Vereinigten Staaten 1:2 verlor und bereits in der Vorrunde scheiterte. Als Escobar nach Medellín zurückkehrte, wurde er von Humberto Muñoz Castro in der Bar „El Indio“ erschossen, einem Leibwächter und engen Vertrauten mächtiger Drogenbosse. Zwölf Schüsse soll Munoz damals abgegeben und dabei das Wort „Gooool“ (Tor) gerufen haben. Bis heute sind die Umstände der Ermordung Escobars nicht aufgeklärt, der Täter wurde Jahre später wegen guter Führung aus der Haft entlassen. Es waren die blutigen Jahre des kolumbianischen Fußballs, die Gomez aus nächster Nähe miterlebte.

          Panama wieder der Außenseiter

          All das erklärt, warum der heute 62-jährige Fußball-Lehrer in Panama sein Glück gefunden zu haben scheint. Der brutale Druck des südamerikanischen Fußballs mit seinen bisweilen mafiösen Strukturen im Umfeld lastet nicht mehr auf den Schultern des Kolumbianers. „Wir haben mit Würde verloren“, sagte Gomez nach der 0:3-Auftaktniederlage gegen die starken Belgier.

          Aus dem Mund eines Trainers, der miterleben musste, wie sein Spieler wegen einer Niederlage erschossen wurde, und der selbst zur Zielscheibe eines Attentats wurde, haben solche Worte eine ganz andere Wertigkeit. Gegen England an diesem Sonntag (14 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und in der ARD) geht Panama wieder als Außenseiter ins Spiel. Die überraschende WM-Qualifikation hat Gomez in Panama zu einem Volkshelden gemacht und ihm die Chance verschafft, ins Leben zurückzukehren. Inzwischen wird er für die Zeit nach der WM als Trainer Ecuadors gehandelt.

          Gomez hat im Lauf seiner Karriere bereits drei Nationalmannschaften (Kolumbien, Ecuador und Panama) zu einer WM geführt. Nur in Kolumbien ist er wegen des Vorfalls in Bogotá im August 2011 kaum noch vermittelbar. Als Gomez im Dezember 2017 in seiner Heimatstadt vom Stadtrat Medellíns für seine sportlichen Verdienste mit dem Orden „Don Juan del Corral“ geehrt wurde, gab es abermals Proteste von Frauenrechtlerinnen. Ratsmitglied Daniela Maturana, Tochter von Nationaltrainer Francisco Maturana, dem Gomez lange Jahre als Ko-Trainer diente, stellte sich hinter ihn. Was damals in Bogotá geschah, sei ein einmaliger Ausrutscher auf persönlicher Ebene gewesen.

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