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Gastgeber der Fußball-WM : „Schwierige emotionale Faktoren“

  • -Aktualisiert am

Nicht zum Hinsehen: Ein Fan Qatars bereut sein Bleiben. Bild: Bloomberg

Qatar sucht nach Erklärungen für seine große Unterlegenheit im ersten Spiel – und fragt sich: Sind wir wirklich so schwach? Kommt es zu einer Niederlage gegen den Senegal, könnte die Leistung des WM-Gastgebers in die Geschichtsbücher eingehen.

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          Die WM ist noch nicht sehr alt, könnte aber schon an diesem Freitag einen Rekord für die Ewigkeit hervorbringen. Bei ungünstigen Ergebnissen droht Qatar dann zu jener Nation der Geschichte zu werden, die schneller als jeder andere Gastgeber aus dem Turnier ausgeschieden ist. Aufgrund des extrem kompakten Spielplans dieser speziellen Winter-WM würden die fünf Tage, in denen es für das Kollektiv aus dem Emirat um etwas ging, wohl auch nicht mehr unterboten werden, also formuliert der Rechtsaußen Ismail Mohammad eine deutliche Bitte an seine vom Eröffnungsspiel enttäuschten Landsleute: „Im Namen Gottes, ich denke, dass das letzte Spiel Geschichte ist. Die Mannschaft braucht die Unterstützung mehr als je zuvor. Wir wollen alle stolz machen.“

          Damit spielt er auf den weniger guten Support beim 0:2 in der Partie gegen Ecuador an, als sich nach der Pause Tausende Menschen auf den Heimweg machten, weil ihre Mannschaft nicht nur zurücklag, sondern auch noch erschreckend deutlich unterlegen war. Mitte der zweiten Hälfte war das Stadion halb leer. „Das wird es nicht noch einmal geben“, sagt ein qatarischer Journalist im riesigen Medienzentrum der WM, der erzählt, dass es in diesem Land eigentlich „normal“ sei, lange vor dem Abpfiff nach Hause zu fahren, wenn ein Fußballspiel nicht den gewünschten Verlauf nimmt. Auf die Frage nach der Grundstimmung im Land gegenüber den al-Anabbi („den Weinroten“) sagt er, alles sei „okay“ und behauptet: Auch Deutsche seien beim 1:2 gegen Japan vor dem Abpfiff gegangen. Ein anderer Qatari teilt mit, „nicht wirklich über dieses Thema sprechen“ zu wollen, freie und kritische Worte gegenüber der Mannschaft zu formulieren, ist offenbar keine Selbstverständlichkeit.

          Fußball-WM 2022

          Aber es ist zu spüren, dass das Verhältnis der Menschen zu ihrer Mannschaft nicht ganz unbelastet ist. Denn selbstverständlich wurde gehofft und geträumt, aber die Geschichten, die nach dem Eröffnungsspiel erzählt und geschrieben wurden, haben manchen Qatari erstaunt. Eigentlich ist es in diesem Land eine Frage der Höflichkeit, niemanden bloßzustellen; dass die Zuschauerflucht während des Eröffnungsspiels in Europa den Eindruck hinterließ, die Leute hätten die Spieler mit ihrem Desinteresse demütigen wollen, statt sie in diesem schweren Moment mit Zuspruch zu stärken, trifft daher nicht zu.

          Nüchterner Blick auf Nationalspieler

          Auch einen Sturm der Entrüstung, wie er gerade über die deutsche Mannschaft hinwegfegt, gibt es nicht. In den Zeitungen wird sehr nüchtern, zugewandt und frei von Emotionen berichtet. Dennoch sagt Trainer Felix Sanchez, er versuche die Mannschaft „von Kritik zu isolieren, externe Stimmen werden gemieden“. Auf die Frage nach dem Standing seines Teams im Land antwortet er ausweichend: „Ich glaube, die Atmosphäre ist exzellent. Wir haben eine großartige WM. Unglücklicherweise konnten wir den Fans nicht das Glück geben.“ Das drohende Szenario, schneller als jeder WM-Gastgeber zuvor auszuscheiden, interessiere ihn nicht, sagt Sanchez, der glaubt, dass seine Mannschaft erheblich mehr kann, als sie in der ersten Partie gezeigt hat.

          Sprung ins Nichts: Der Qatarer Pedro Miguel hat im Duell mit Pervis Estupian den Ball aus den Augen 
verloren.
          Sprung ins Nichts: Der Qatarer Pedro Miguel hat im Duell mit Pervis Estupian den Ball aus den Augen verloren. : Bild: dpa

          Wie schon unmittelbar nach dem Abpfiff des Eröffnungsspiels erklärt er die schwache Leistung mit der „Nervosität“ seiner Spieler, es gebe „viele emotionale Faktoren, die schwierig sind“, sagt er. Vermutlich war er ziemlich überrascht über den enormen Leistungsunterschied zu den Ecuadorianern, in der langen Turniervorbereitung hatte sich das nämlich nicht angedeutet. Monatelang wurde über den Sommer in Spanien und Österreich geübt und getestet, oftmals mit guten Ergebnissen. Neben dem Eröffnungsspiel hat die Mannschaft im Jahr 2022 in offiziellen Länderspielen unter anderem gegen Bulgarien, Chile, Slowenien und Albanien nur einmal verloren: 0:2 gegen Kanada. Sie hatten auch ein paar sehr sehenswerte Tore geschossen, Sanchez erwiderte auf die Frage, ob Fehler gemacht worden seien: „Wir haben den Spielern viele Spiele auf Toplevel gegeben gegen internationale Klubs und auch gegen Nationalmannschaften.“ Das Problem ist nur, dass internationale Klubs und Nationalmannschaften solche Freundschaftsspiele nie mit maximaler Energie bestreiten, die letzte Wettkampfhärte fehlt.

          Sollte Senegal den Qataris physisch ähnlich überlegen sein wie Ecuador, liegt der Schluss nahe, dass die Turnierplanung für das Team ein schwerwiegender Fehler war. Die Mannschaft wurde zwar akribischer vorbereitet als alle Konkurrenten, aber echter Wettkampfsport auf dem allerhöchsten Niveau kann in keinem Testspiel und in keiner Trainingseinheit simuliert werden. Inzwischen bereitet der Trainer die Nation vorsichtig auf ein baldiges Ende des WM-Projektes vor. „Wir sind ein kleines Land mit einer kleinen Bevölkerung, wir müssen all diese Faktoren berücksichtigen, ich bin überzeugt, dass Qatar sich auch nach der WM weiter verbessern wird“, sagt er. Das klingt, als sei der Glaube, noch das Achtelfinale erreichen zu können, deutlich geschwunden in den Tagen seit Turnierbeginn.

          Fussball-WM 2022

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