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DFB-Kommentar : Viele Fortschritte, eine Schwäche

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft geht mit guten Aussichten in die WM 2018. Bild: dpa

Die Aussichten der Nationalelf vor der WM sind vielleicht gut wie nie vor einem großen Turnier unter Joachim Löw. Doch die schönen Fortschritte verdecken eine große Schwäche in der Bilanz 2017 des DFB.

          Es gilt ja als Selbstverständlichkeit, dass Deutschland im kommenden Sommer in Russland mindestens das Halbfinale der Weltmeisterschaft erreicht. Aber das eigentliche Ziel für die deutschen Fans ist natürlich das Finale, am besten die Titelverteidigung. Höchste Erwartungen, daran haben sich noch jedes deutsche Team und ihr Trainer gewöhnen müssen, gehören zum Grundbestand des deutschen Fußball-Selbstverständnisses.

          Da spielt es auch keine Rolle, wenn ewige Rivalen wie Italien und Holland schon in der Qualifikation gescheitert sind oder auch Südamerikameister Chile. Aber tatsächlich wäre schon das, was von Joachim Löw und seinem Team als Minimalziel bei der WM 2018 erwartet wird, eine große Ausnahme im internationalen Fußball der vergangenen zwanzig Jahre. Ob die Weltmeister nun Frankreich (1998), Italien (2006) oder Spanien (2010) hießen – all diese Sieger von gestern waren bei der nächsten WM schon in der Vorrunde draußen. Nur Brasilien (2002) schaffte es vier Jahre später noch in die K.-o.-Runde, aber da war auch schon im Viertelfinale für den Rekord-Weltmeister Schluss.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Diese historischen Fußballfakten ändern selbstredend nichts daran, dass nach der Auslosung der deutschen Gruppengegner in zwei Wochen der Bundestrainer, seine Spieler und die Fans schon mal den möglichen Weg bis ins Finale nach Moskau durchspielen werden. Die tatsächliche Lage des deutschen Fußballs – zumindest, was die Nationalmannschaft angeht – wirkt weit überzeugender als die Zahlenspiele und Quervergleiche der vergangenen Jahre.

          Nach dem 2:2 gegen Frankreich ist der Weltmeister nun seit 21 Spielen unbesiegt, der Kader ist dank der Confed-Cup-Sieger so reich wie nie mit erstklassigen Spielern bestückt – und in diesem Jahr sind damit auch endlich wieder neue und hungrige Spieler hinzugekommen, die für Frische, Konkurrenzkampf und Tempo sorgen. Vor allem Timo Werner, der schon jetzt herausragende deutsche Stürmer mit einem noch weit größeren Potential, bereichert schon jetzt das Spiel des Weltmeisters mit seiner Geschwindigkeit und Gefährlichkeit wie kein anderer der Neulinge 2017.

          Zum Abschluss des Jahres kann der Bundestrainer auf ein so gut bestelltes Feld wie vielleicht noch nie in seiner über zehnjährigen Ära vor einem großen Turnier zurückschauen. Die Franzosen zeigten in Köln mit ihrem dynamischen, atemraubenden Tempofußball allerdings auch, dass in anderen Ländern noch größere Talente wachsen. Auch wenn der Bundestrainer bei der Nominierung in einem halben Jahr die Qual der Wahl haben dürfte, haben die erstklassigen, jungen Individualisten aus der Equipe Tricolore demonstriert, dass ambitionierte Nachwuchsarbeit vor allem für Nationalmannschaften unverzichtbar bleibt.

          Die schönen Fortschritte, die Löw und sein Team in diesem Jahr gemacht haben, verdecken dabei eine große Schwäche in der Bilanz 2017 des Deutschen Fußball-Bundes. Die neue Akademie, das große und unverzichtbare Zukunftsprojekt des deutschen Fußballs, das angesichts des starken internationalen Konkurrenzkampfs schon längst hätte fertig sein müssen, wird zwar immer teurer, kommt aber nur im Schneckentempo voran. Den Anschluss an die absolute Spitze kann man im Fußball viel schneller verlieren, als man in Deutschland und beim DFB offenbar bauen kann. Auf diese Folgen schauen die meisten Funktionäre und Fans aber erst dann, wenn der Weltmeister einmal ins Straucheln geraten sollte.

          Ein Spiel dauert 93 Minuten und am Ende freut sich Deutschland Bilderstrecke
          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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