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WM-Playoffs gegen Schweden : „Italien steht 90 Minuten vor dem Abgrund“

  • -Aktualisiert am

Gespür allein reicht nicht: Italiens Nationaltrainer Ventura (rechts) und Spieler Bonucci. Bild: dpa

Die Italiener bereiten sich schon auf das Verpassen der WM vor. Die Probleme sind vielfältig, die Folgen enorm. Vor dem Psychospiel gegen Schweden gibt es nur noch zwei Optimisten im italienischen Lager.

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          Bei Gino Pivatelli aus Bologna hat das Telefon am Wochenende häufiger als sonst geklingelt. Am Apparat waren jedes Mal Menschen, die wahrscheinlich gar keine persönliche Erinnerung an das Jahr 1958, aber angesichts der aktuellen Lage eine Ahnung davon haben, was für ein schwarzes Jahr der italienische Fußball damals durchlebte. Journalisten wollten dieser Tage vom damals 24 Jahre alten Stürmer des FC Bologna wissen, wie es sich anfühlt, wenn man für die dunkelste Stunde mitverantwortlich ist. Der inzwischen viermalige Weltmeister Italien verpasste vor knapp 50 Jahren das bisher erste und einzige Mal die WM-Teilnahme, Auslöser des Dramas war eine 1:2-Niederlage gegen Nordirland, bei der Pivatelli als einer der wenigen noch Lebenden auf dem Platz stand. „Die Wunde dieser Niederlage hat mich mein Leben lang begleitet, sie ist eine durch nichts zu löschende Narbe“, bestätigte der ehemalige Stürmer den schlimmen Verdacht. Pivatelli sagt, er habe sich jahrelang geschämt. Heute ist er 84 Jahre alt.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Gigi Buffon würde erst im Jahr 2062 auch 84 Jahre alt. An diesem Montag (20.45 Uhr bei DAZN) entscheidet sich im Giuseppe-Meazza-Stadion von Mailand, mit welchen Gefühlen der Torwart und Kapitän der italienischen Nationalmannschaft einmal auf seine große Karriere zurückblicken kann. Beim Play-off-Hinspiel am Freitag in Solna unterlag Italien nach einem abgefälschten Schuss von Jakob Johansson 0:1. In Mailand muss die Mannschaft von Trainer Gian Piero Ventura nun gewinnen, um an der WM 2018 in Russland teilzunehmen.

          Gerade einmal drei Treffer gelangen den Italienern in den vergangenen fünf Partien, gegen Schweden wären mindestens zwei Tore notwendig, um sich bereits nach 90 Minuten zu qualifizieren. Nach dem unansehnlichen und teilweise brutalen Hinspiel, bei dem das Team um Buffon verunsichert und ideenlos wirkte, droht das Match zu einem Psychospiel zu werden. Einer der wenigen Italiener, der sich weiter zuversichtlich zeigt, auch weil er gar keine andere Wahl hat, ist Trainer Ventura. Er ist 69 Jahre alt und hat sich wohl auch einen entspannteren Lebensabend vorgestellt. „Ich bin optimistisch, weil ich eine wilde Entschlossenheit bei den Spielern gesehen habe“, sagte er am Wochenende.

          Ventura gilt im Nationalteam inzwischen als isoliert, das trifft möglicherweise auch auf seinen Optimismus zu. Sein Engagement würde, sollte Italien wirklich an Schweden scheitern, als großes Missverständnis zu den Akten gelegt, sein Rauswurf im Falle des Scheiterns steht fest. Ventura kam, nachdem Antonio Conte das müde Italien mit einem Kraftakt bis ins Viertelfinale der EM 2016 gecoacht hatte, war aber damals nicht erste Wahl. Italiens Nationalmannschaft, die 2006 noch Weltmeister wurde, aber bei den Turnieren 2010 und 2014 jeweils in der Vorrunde scheiterte, ist ein schwieriger Patient. Die Weltmeister von 2006, also Buffon, Andrea Barzagli und Daniele De Rossi, altern zusehends. Die Jüngeren, etwa der im Rückspiel gelb-gesperrte 25-jährige Marco Verratti, zeigen in der Nationalmannschaft besonders uninspirierte Leistungen, wie im Hinspiel gegen Schweden. Ventura wird es im Rückspiel stattdessen mit Lorenzo Insigne, dem Wirbelwind des SSC Neapel, versuchen, der wie die meisten Nationalspieler im Verein glänzt, aber bei den Azzurri besonders matt wirkt.

          Verteidiger Leonardo Bonucci, dem ein Ellenbogencheck seines Gegenspielers am Freitagabend die Nase brach, will mit einer Maske auflaufen. Sein ganzes Team aber macht den Eindruck eines getroffenen Boxers, der noch einmal zum Gegenschlag ausholen will. Ob es dazu aber die Kraft aufbringt, ist ungewiss. Die 0:3-Niederlage in der Qualifikation gegen Spanien Anfang September hat nach Auskunft der Beteiligten einen Knacks im italienischen Selbstbewusstsein verursacht, der sich heute in einer kollektiven Unbehaglichkeit ausdrückt. Verbandspräsident Carlo Tavecchio hatte schon vor Wochen erkannt: „Die Nichtqualifikation für die WM wäre eine Apokalypse.“ Man befinde sich „90 Minuten vor dem Abgrund“, urteilte die „Gazzetta dello Sport“ nach der Niederlage in Schweden.

          „Tuttosport“ bereitete das Land schon einmal auf den fußballerischen Super-Gau vor: „Was passiert, wenn Italien nicht zur WM fährt?“ Trainer Ventura würde entlassen, eine Aussicht, die allerdings die wenigsten bedauern würden. Größere Wirkung hätte wohl der kollektive Rücktritt routinierter Spieler wie Giorgio Chiellini und der Weltmeister De Rossi, Barzagli und Buffon. Im Falle Buffons, der seine Karriere mit einer Teilnahme an der WM beenden wollte und als erster Spieler überhaupt an sechs WM-Turnieren teilgenommen hätte, würde es sich um einen traurigen Abgang handeln. Gerade erst wurde der 39-Jährige vom internationalen Fußball-Verband zum besten Torhüter der Welt gekürt, nun droht ihm das brüske Ende seiner Länderspielkarriere. Es klang schon fast wie ein Vermächtnis, als der Kapitän am Wochenende daran erinnerte, dass gegen Schweden unbedingt ein Gegentreffer vermieden werden müsse. Angesichts der Niederlage aus dem Hinspiel wäre die Qualifikation für Italien dann so gut wie aussichtslos.

          In dieser beinahe lähmenden Sorge ist es kompliziert, mit aufmunternden Worten gehört zu werden. Einer der wenigen, die es dennoch versucht haben, war der 84-jährige Gino Pivatelli. „Wir haben eine gute Mannschaft, die von einem ernsthaften und kompetenten Trainer geführt wird. Wir sind besser als Schweden“, behauptete der Verlierer von 1958. Jetzt müssen ihm seine Ahnen nur noch glauben.

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