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WM-Kommentar : Italien muss blau machen

Italien am Boden: Der Weg zurück in die Spitze ist weit. Bild: AFP

Erstmals seit 60 Jahren fehlt Italien bei einer Fußball-WM. Das ist Grund für Schadenfreude und zugleich ein bisschen schade. Der Weg zurück in die Spitze wird länger, als er es für die Deutschen je war.

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          Es bleibt dabei: Deutschland kann bei Fußball-Weltmeisterschaften nicht gegen Italien gewinnen. Diesmal allerdings, weil die Italiener sich schon vorher selbst geschlagen haben. Zum ersten Mal seit sechzig Jahren ist der deutsche Angstgegner, der keinem mehr Angst machen muss, nicht bei einer WM dabei.

          Das ist Grund für Schadenfreude und zugleich ein bisschen schade. Im Fußball, wie in jedem großen Kino, brauchen die Guten einen guten Gegenspieler, einen Antipoden mit Charakter und düsterem Charme. Diese Rolle mochten sie, die Italiener, mit oft unvergesslichen Ergebnissen, wenn auch ohne deutsches Happy End. 1970 beim 3:4 im „Jahrhundertspiel“ von Mexiko. 1982 beim 1:3 im Finale von Madrid. 2006 beim Ende des „Sommermärchens“ durch das 0:2 in den letzten Minuten der Verlängerung in Dortmund.

          Nun aber scheinen die beiden viermaligen Weltmeister so weit voneinander entfernt wie nie. Und das nicht mal so sehr in den Ergebnissen, sondern in Spielweise, taktischer Bandbreite, offensiver Qualität. Die Ergebnisse der Italiener waren schon früher erratisch. Während Deutschland seit jeher seine Vorrundengruppen übersteht, schied Italien sieben Mal schon dabei aus, am blamabelsten 1966 gegen Nordkorea.

          Wenn sie denn weiterkamen, waren sie für jeden gefährlich, vor allem für Deutschland. Aber letztlich auch für sich selbst – weil Erfolg bequem macht. Alle großen Fußballnationen, verwöhnt von großen Spielern und Titeln, haben irgendwann im Gefühl des Gewohnheitserfolgs den Anschluss verpasst. Die Deutschen merkten das bei ihrer EM-Blamage 2000, die zu den Reformen in der Ausbildung junger Fußballer und damit zur heutigen Fülle an exzellenten Nationalspielern führte. Brasilien nutzte den Schock des 1:7 gegen Deutschland 2014, um sich neu aufzustellen, und hat nun wieder ein vor Spielfreude strotzendes Team. Frankreich brauchte ein traumatisches Aus in der WM-Qualifikation 1994, um seinen Fußball neu zu erfinden – und vier Jahre später Weltmeister zu werden.

          Nur die Italiener änderten nichts – und fühlten sich noch bei der EM 2016 durch den Achtelfinalsieg gegen Spanien bestätigt, der aber vor allem ein Produkt der taktischen Brillanz des Trainers Antonio Conte war. Conte hinterließ dem alten Nachfolger Ventura ein altes Team, das nun vom staubtrockenen Knäckebrot-Fußball der Schweden in Rente geschickt worden ist. Allen voran der letzte Weltstar, Torwart Buffon.

          Am Ende wurden sie mit ihren eigenen Mitteln geschlagen, der Kunst der passiven Verteidigung. Seit jeher galten sie als Weltmeister darin, ein 0:0 oder 1:0 stoisch zu halten. Doch die aktive Verteidigung, die das Arbeiten „gegen den Ball“ als Teil der eigenen Offensive versteht, bringt heute oft mehr als das Abriegeln des eigenen Strafraums. So ist der Fußball der anderen ein anderer geworden als der, den die Italiener seit hundert Jahren spielen. Ihr Weg zurück wird länger, als er es für die Deutschen je war.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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