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WM-Resümee : Wer sich an das Alte klammert, verliert

Ist ein deutscher Neuanfang mit Joachim Löw wirklich möglich? Bild: dpa

Der Weltfußball hat den größten Erdrutsch seiner Geschichte erlebt. Er hat alte Gewissheiten mit sich gerissen. Nur eines ist nach dieser WM, die mit dem Finale Frankreich gegen Kroatien endet, sicher. Eine Analyse.

          Die Zeit der alten Fußballherrscher ist früh abgelaufen in Russland. Wenn an diesem Sonntag das kleine Kroatien mit kaum mehr Einwohnern als Berlin erstmals im Finale einer Weltmeisterschaft spielt, schauen die Kicker-Großmächte Brasilien, Deutschland und Argentinien nur zu. Ihre Mannschaften sind seit ein oder zwei Wochen zu Hause. Italien hatte es erst gar nicht nach Russland geschafft. Allein diese vier Länder mit zusammen rund 400 Millionen Einwohnern haben seit der Premiere der Weltturniere im Jahr 1930 fünfzehn der zwanzig Titel gewonnen. Nur einmal stand bisher keiner der ewigen Favoriten im Finale. Das war 2010, als Spanien den Titel gewann, die stärkste Fußballnation der jüngeren Vergangenheit. Aber auch dieses hochgehandelte Team ist dieses Mal früh gescheitert.

          Fussball-WM 2018

          Der Weltfußball, das lässt sich vor dem Finale zwischen Kroatien und Frankreich an diesem Sonntag (17.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und im ZDF) mit Sicherheit sagen, hat den größten Erdrutsch seiner Geschichte erlebt. Er hat die alten Gewissheiten mit sich gerissen. Das hat auch, aber nicht nur mit dem historisch einmaligen Scheitern der Deutschen in der Vorrunde zu tun. Ungewiss ist hingegen, ob sich in vier Jahren bei der WM in Qatar und darüber hinaus die alte Macht restaurieren lässt. Zweifel sind angebracht.

          Es ist nicht allein der Siegeszug der nimmermüden Kroaten, die sich in allen drei „K.o.“-Spielen auf dem Weg ins Finale erst in der Verlängerung oder im Elfmeterschießen durchgesetzt haben, der dem Turnier den Stempel aufgedrückt hat. Der Erfolg der Kroaten ist nur das sichtbare Zeichen dafür, dass Mannschaften mit Identifikation und Innovation, mit Flexibilität und Finesse und nicht zuletzt mit Hunger und Härte im Weltfußball bis ganz nach oben kommen können.

          Diese WM belegt wie keine andere, dass schiere Größe allein nicht mehr viel zählt, wenn man die Dinge nicht kühn anpackt, aber auf dem Platz auch sicherheitsbewusst zu Ende bringt. Die Erkenntnis gilt nicht mehr nur für Wirtschaftsunternehmen, sondern immer stärker auch im großen (Fußball-)Spiel der Nationen. Ähnlich überraschend wie der Siegeszug der Kroaten, aber aus dieser Perspektive gleichwohl folgerichtig, erscheinen bei dieser Weltmeisterschaft daher die Erfolge des „kleinen“ Belgiens und des scheinbar ewigen WM-Verlierers aus England. Beide haben nur knapp das Finale verpasst und bestritten am Samstag das Spiel um Platz drei, das Belgien mit 2:0 Toren gewann.

          Die belgischen und englischen Auftritte in Russland können unter ihren vergleichsweise jungen und wissbegierigen Nationaltrainern als ein Wink für die Zukunft gelten. Die Engländer schüttelten mit ihrem neuen Trainer Southgate und einem jungen Team, das aus ihrer mittlerweile exzellenten Nachwuchsförderung hervorgegangen ist, in wenigen Wochen ihr Verlierer-Image ab. Sie orientierten sich in der akribischen Vorbereitung dabei auch an amerikanischen Profisportarten, was sich auch in neun Toren nach Standardsituationen ausdrückt. Die lassen sich besser als alle anderen Aktionen auf dem Fußballfeld einstudieren. Am Ende gewann England sogar erstmals ein Elfmeterschießen. Die Belgier wiederum setzen seit rund zehn Jahren in der Ausbildung von jungen Spielern Maßstäbe und legten in Russland mit ihrem spanischen Trainer eine taktische Flexibilität an den Tag, mit der sie den Fußballriesen Brasilien aufs Kreuz legten.

          Belgien und Kroatien sind unter den heutigen Bedingungen des Weltfußballs die Prototypen einer Entwicklung, die durch Wissenstransfer auch kleinere Länder dazu befähigt, junge Menschen zu Weltklassespielern zu entwickeln. Finalist Kroatien hat 21 seiner 23 Profis in ausländische Ligen exportiert, Halbfinalist Belgien 22. Während der Weltmeisterschaft zeigten auch die Franzosen, dass sich taktische Flexibilität als wichtiger denn je erweist. Wie die Belgier die Brasilianer mit einem taktischen Kniff in die Knie zwangen, gelang dies auch den Mexikanern gegen den deutschen Titelverteidiger und den Franzosen wiederum gegen Belgien. Auf jeden Gegner muss man sich exakt einstellen können – und während des Spiels geistesgegenwärtig reagieren, falls der ursprüngliche Plan nicht funktioniert.

          Wer in Russland unbeirrt glaubte, an alten Gewissheiten festhalten zu können, während sich der Fußball immer schneller dreht, den bestrafte das Fußball-Leben. Nur alten Systemen und Stärken zu vertrauen, wie dies die Deutschen, Spanier und Argentinier getan haben, reicht als Antwort auf die neuen Herausforderungen nicht mehr aus. Kroatien und Belgien sind überall. Dass Bundestrainer Löw, der seit zwölf Jahren in unveränderter Weise in seinem Amt wirkt, nun eine grundlegende Erneuerung der gescheiterten Weltmeister vornehmen soll, wirkt wie die Fortsetzung eines Anachronismus. Und nicht wie ein Neuanfang.

          Das Beharren und Verharren in dieser Frage zeigt aber auch, wie sehr der deutsche Fußball trotz seines Totalschadens weiter an vergangenen Erfolgen hängt. Das Neue kann den Erfolg selbstverständlich nicht garantieren, es macht ihn aber erst möglich. Denn nur eines ist nach dieser WM sicher: Wer sich an das Alte klammert, verliert.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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