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Griezmann gegen Godín & Co. : Uruguay, mon amour

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„Er weiß nicht, wie wir uns fühlen“: Auf Urugays Stürmer Luis Suárez (rechts) wirkt Antoine Griezmanns Vorliebe für die „Celeste“ etwas seltsam. Bild: AFP

Für Antoine Griezmann birgt das Duell mit Uruguay eine besondere Note: der französische Angreifer trifft im Viertelfinale nicht nur auf seine Freunde aus Madrid – auch sonst pflegt Griezmann eine enge Verbindung zum Gegner.

          Die Vorfahren seines Vaters waren Deutsche aus Münster in Hessen. Seine Mutter ist die Tochter portugiesischer Immigranten. Er selbst kommt aus Mâcon, der Stadt des Weines in Burgund. Dort blieb Antoine Griezmann aber nur bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr. Da sie den begabten Jugendkicker in seinem Heimatland aber für zu klein und schmächtig für eine große Karriere hielten, nahm ihn keine der großen Jugendakademien auf, so dass Griezmann nach Spanien umzog und bei Real Sociedad San Sebastián erstklassig ausgebildet wurde. Inzwischen ist Spanien die zweite Heimat des Fußballstars, der dieser Tage mit Frankreichs Nationalmannschaft Großes vorhat und mit der Equipe Tricolore am liebsten Weltmeister in Russland würde.

          Selbst dann zöge es ihn nach all den Feierlichkeiten, die ein Triumph in Blau, Weiß und Rot mit sich brächte, zurück in die spanische Hauptstadt Madrid, in der sich der 27 Jahre alte Stürmer derart heftig in die rot-weiß kolorierte Fahne von Atlético Madrid verliebt hat, dass er seinen Vertrag dort vor kurzem trotz einer Offerte des Meisters FC Barcelona bis 2021 verlängerte und dazu ein filmreifes Bekenntnis zum zweitgrößten Klub der Stadt abgab. Deutschland, Portugal, Frankreich, Spanien: Das sind schon mal vier große Fußballländer, denen sich dieser sehr spezielle Angreifer mehr oder weniger verbunden weiß. Das Land seiner Sehnsucht aber heißt für „Grizou“: Uruguay.

          Wenn er über das kleine Land am Río de la Plata mit 3,5 Millionen Einwohnern spricht, wird aus dem eh schon emotional getönten Fußballprofi ein Schwärmer. Seit langem fühlt er sich als „halber Uruguayer“. Gegen seine ziemlich besten Freunde aus der lateinamerikanischen Fußballrepublik, die immerhin schon zweimal Weltmeister wurden (1930 und 1950), muss Antoine Griezmann an diesem Abend (16.00 Uhr MESZ/ im F.A.Z.-Liveticker zur WM und im ZDF) antreten und allen Mut zusammennehmen. Schließlich hat er es im direkten Duell mit zwei seiner engsten Vertrauten bei „Atléti“ zu tun: den Innenverteidigern Diego Godín und José Giménez. Diese beiden kennen keine Freunde mehr, wenn es in Nischni Nowgorod um das Erreichen des Halbfinales geht.

          „Er weiß nicht, wie wir uns fühlen“

          Auch Griezmann muss für ein paar Stunden sein Faible für den kleinen Nachbarn Argentiniens vergessen, will er seiner Grande Nation eine Stütze sein. Und so sagt der auf harte Attacken seiner vertrauten Mit- und Gegenspieler gefasste Franzose realistisch voraus: „Uruguay wird wie Atlético – bekannt für die körperliche Note im Spiel – auftreten. Sie werden Zeit schinden, auch mal zu Boden sinken und den Schiedsrichter bearbeiten.“ Aus ästhetischer Sicht erwartet Griezmann in seinem 59. Länderspiel keinen Leckerbissen. Der 1,75 Meter große Mittelstürmer befürchtet sogar, dass diese Begegnung eher „langweilig“ werden könnte. Kann aber auch sein, dass seine Zweikämpfe mit dem eisernen Godín, der der Patenonkel von Griezmanns Tochter Mia ist, die Auseinandersetzung zwischen einem der ersten Titelkandidaten und dem gefährlichen Außenseiter aus Südamerika befeuern. Gleich, was fern von Frankreich und ganz weit weg von Uruguay in Nischni Nowgorod geschieht: Griezmanns Liebe zu Uruguay wird nicht darunter leiden.

          Sie flammte auf, als sein erster Profitrainer in San Sebastián, der Uruguayer Martín Lasarte, dem Franzosen die Gebräuche seines Landes vor Augen führte. Seitdem trinkt Antoine Griezmann den in Südamerika geschätzten, für hiesige Geschmäcker etwas bitteren Mate-Tee ebenso gern wie ein echter Uruguayer. Stürmerstar Luis Suárez, an diesem Abend Griezmanns Gegenüber im himmelblauen Trikot Uruguays, empfindet die Liebesbekundungen des Franzosen für sein Heimatland als seltsam. „Er kann noch so oft sagen, dass er ein halber Uruguayer ist“, sagte der wuchtige Anführer der Abteilung Attacke ohne Beißhemmung, „er weiß trotzdem nicht, wie wir uns fühlen. Er weiß nichts über die Hingabe, die es braucht, um für ein Land mit so wenigen Einwohnern erfolgreich Fußball zu spielen.“ Da könne Griezmann sein Spanisch mit uruguayischem Einschlag noch so bekennerhaft intonieren.

          Zum Glück sind Godín und Giménez, die uruguayischen Freunde des manchmal etwas versponnen anmutenden Franzosen, nicht in Katalonien, sondern in Kastilien, in der Kapitale Madrid zu Hause. Auch Nahitan Nández, ein Mittelfeldspieler aus Uruguays WM-Aufgebot, findet Griezmanns große Schwäche für das kleine Uruguay eher sympathisch. „Er versucht so auszusehen wie ein Uruguayer, es könnte für ihn ein sehr spezielles Spiel werden.“ Immerhin ist Antoine Griezmann längst Ehrenmitglied bei Peñarol, seinem Lieblingsklub aus Montevideo. Und als sich Uruguay im Vorjahr für die WM in Russland qualifiziert hatte, empfing er seine Freunde Godín und Giménez bei deren Rückkehr nach Madrid am Flughafen stilecht im Nationaltrikot Uruguays. Wenn das keine Liebe auf den ersten Blick ist.

          Dass Edinson Cavani, natürlich Griezmanns Lieblingsstürmer, gegen Frankreich vermutlich passen muss, weil sich der zweifache Torschütze beim 2:1-Achtelfinalsieg über Portugal einen Bluterguss in der Wade einhandelte, bedauert Griezmann einerseits. Andererseits könnte dessen Fehlen zum Vorteil für Frankreich werden, den sich auch der Uruguay-Schwärmer Griezmann zunutze machen will. Er reist ja nicht zu einem französisch-uruguayischen Benefizspiel nach Nischni Nowgorod.

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