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Wie holt man sich den Titel? : Das Weltmeister-Geheimnis

Julius Brink, l., mit Jonas Reckermann, Weltmeister 2009 im Beach-Volleyball: „weil wir in dieser Woche in einen sogenannten Flow gekommen sind“ Bild: AP

Deutschland hat viele Weltmeister – nur im Fußball schon lange Jahren nicht mehr. Wir wagen den Blick über den Stadionrand und fragen Weltmeister anderer Disziplinen, wie und warum sie es geschafft haben.

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          Wie wird man eigentlich Weltmeister? Die deutschen Fußballer wissen es nicht mehr, schließlich liegt der letzte WM-Titel schon fast ein Vierteljahrhundert zurück. Aber vielleicht hilft der Blick über den Stadionrand hinaus. Wir haben Leistungssportler aus allen möglichen Disziplinen gefragt, wie sie es geschafft haben, am Tag X auf den Punkt topfit gewesen zu sein.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Deutschlands bekanntester Turner, Fabian Hambüchen, führt seinen WM-Sieg am Reck 2007 darauf zurück, dass er damals nicht nur die „stärkste Übung“ turnte, sondern im entscheidenden Moment zudem „die stärksten Nerven“ hatte. Auch Degen-Weltmeisterin Britta Heidemann erklärt ihren Erfolg damit, „weil ich am richtigen Tag die Nerven behalten habe“.

          Der ehemalige Freistil-Ringer Alexander Leipold hatte einen Traum, den er bis zum WM-Titel von 1994 verfolgte: „Wenn man ein Ziel hat, einen Traum, der wahr werden soll, muss man auf vieles verzichten, auch verrückt sein, über Grenzen hinausgehen und an sich glauben.“ Ähnlich argumentiert Snowboard-Weltmeisterin Isabell Laböck, die 2013 ihren WM-Sieg im Parallel-Riesenslalom feiern konnte, „weil ich nie aufgehört habe an mich, mein Traum und meine Fähigkeiten zu glauben.“

          Fabian Hambüchen, Weltmeister 2007 im Reckturnen: „weil ich die stärkste Übung und die stärksten Nerven hatte“ Bilderstrecke
          Wie holt man sich den Titel? : Das Weltmeister-Geheimnis

          Bahnrad-Champion Miriam Welte ergänzt, sie sei Weltmeisterin geworden, „weil ich sehr lange, sehr hart dafür gearbeitet habe und wirklich immer daran geglaubt habe, dass ich es schaffen kann.“ 2014 wurde sie nicht nur zum dritten Mal mit Kristina Vogel Weltmeisterin im Teamsprint, sondern auch zum ersten Mal Sprint-Weltmeisterin.

          Jonas Reckermann, gemeinsam mit Julius Brink Olympiasieger und schon 2009 Weltmeister im Beachvolleyball, hat eine überraschende Erklärung parat: bei ihnen habe es geklappt, „weil im Vorfeld nicht alles nach Plan lief.“ Das Duo habe dann „fokussiert von Spiel zu Spiel gedacht.“ Brink ergänzt, sie seien „in einen Flow“ geraten. Deutschland, eine Turniermannschaft, auch am Beach! Reckermann glaubt an den deutschen Erfolg, „wenn das erarbeitete Potential abgerufen wird und der Fußballgott nicht gegen uns ist.“ Brink meint, die Mannschaft müsse es schaffen, „über sich hinauszuwachsen.“

          Dass auch Einzelsportler nicht alleine den Gipfel erreichen können, beschreibt der frühere Radprofi Mike Kluge. Er habe nur deshalb 1992 Weltmeister im Querfeldeinfahren werden können, „weil ich mich auf dieses wichtige Rennen mit meinem Team optimal vorbereitet hatte.“ In die gleiche Richtung argumentiert Judo-Olympiasieger Ole Bischof, der als Geheimnis seines größten Erfolges seine Trainingsgruppe nennt, weil sie ihn „nach vorne gepusht hat und ich dabei nicht zerbrochen bin.“

          Auch der dreifache Biathlon-Weltmeister und -Olympiasieger Michi Greis schätzt die Kraft der Gemeinschaft, „wenn die Spieler sich als Team präsentieren und die entscheidenden Momente nutzen.“ Bei sich selbst macht er im Rückblick als bestimmende Faktoren aus, dass er beim WM-Massenstart 2007 „physisch und psychisch bestens vorbereitet“ gewesen sei.

          Eiskunstläufer Robin Szolkowy führt seine fünf WM-Siege zwischen 2008 und 2014 an der Seite von Aljona Sawtschenko dagegen recht unbescheiden darauf zurück, „weil Qualität überzeugt.“

          Schützin Munkhbajar Dorjsuren, 2002 Weltmeisterin mit der Sportpistole, nennt eine betont einfache Erklärung für ihren Erfolg: „Weil ich es wollte.“ Für Kathrin Boron, die zwischen 1989 und 2001 acht WM-Titel und vier Olympiasiege im Rudern einfuhr, kam zumindest noch ein zweiter Faktor hinzu: „Weil ich es unbedingt wollte und Spaß dabei hatte“. Wobei Boron nicht alleine im Boot saß, sondern ihre Erfolge im Zweier oder Vierer schaffte. Alle in einem Boot – eine Metapher die immer passt für erfolgreiche Teams.

          Teamgeist als Schlüssel zum WM-Sieg – diese These verfolgen Einzel-Weltmeister verschiedener Sparten. „Deutschland könnte Fußball-Weltmeister werden, wenn das Potential jedes einzelnen als Team auf dem Platz zusammenkommt“, sagt Isabell Laböck. Oder, wie Hambüchen es formuliert, „wenn alle Teammitglieder zusammen kämpfen und Bock haben, einen rauszuhauen.“ Laut Heidemann gilt der Dreisatz für Erfolg dann, wenn sich die Mannschaft „auf ihre Stärken konzentriert, nicht an dem äußeren Druck zerbricht und an sich glaubt.“

          Die kurioseste Erklärung führt die frühere Rückenschwimmerin Antje Buschschulte an, die Weltmeisterin über 100 Meter Rücken wurde: „weil ich zuvor Liebeskummer hatte und 2003 so hart wie noch nie trainiert habe.“

          Schmerz könnte also ein Antrieb sein. Sättigungsgefühl dagegen eher weniger: Kathrin Boron glaubt generell nicht an den vierten WM-Titel für Fußball-Deutschland. Als Vertreterin einer ausgewiesenen Amateur-Sportart meint sie: „Das deutsche Team könnte nur Fußball-Weltmeister werden, wenn die Spieler nicht so viel Geld verdienen würden.“

          Davon unabhängig fällt die Bilanz der Umfrage recht gut aus: 35,7 Prozent unserer weltmeisterlichen Kronzeugen tippen auf Deutschland als Weltmeister. 28,5 Prozent setzen auf Brasilien. Spanien sehen 7,1 Prozent vorne.

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