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Intelligentes Teamwork : Warum Brasilien bei der WM vom Titel träumen darf

  • -Aktualisiert am

Mehr als „nur* Neymar: Beim Turnier in Russland schickt Brasiliens Trainer Tite ein perfekt ausbalanciertes Team ins Rennen. Bild: AP

Vor vier Jahren endete Brasiliens Traum vom Weltmeister-Titel im eigenen Land in einem Debakel. In Russland nun stehen die Chancen für die Seleção deutlich besser. Was hat sich geändert?

          Der Türsteher fehlt. Können Belgiens Angreifer deshalb auf freien Einlass in ihrem Viertelfinalspiel gegen Brasilien (20.00 Uhr MESZ/ im F.A.Z.-Liveticker zur WM sowie im ZDF und bei Sky) hoffen? Eher nicht. Auch wenn der nach der zweiten Gelben Karte gesperrte Casemiro an diesem Freitagabend in Kasan als erste Ordnungskraft vor der Viererabwehr nicht mitspielen darf, kann Trainer Tite die Planstelle ähnlich hochklassig besetzen. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird Fernandinho, ein Rückhalt des englischen Meisters Manchester City, ihn vertreten. „Er kann alles, ich hätte am liebsten drei Fernandinhos“, hat sein Vereinstrainer Pep Guardiola über den 33 Jahre alten defensiven Mittelfeldspieler einmal gesagt.

          Fernandinho ist noch einer von denen, die 2014 beim 1:7-Untergang Brasiliens im Halbfinale von Belo Horizonte gegen Deutschland in der Startelf standen. Eine ähnliche Gefahr dürfte der auferstandenen Fußball-Weltmacht diesmal nicht drohen, weil die Seleção des Jahrgangs 2018 bei diesem Turnier die bisher am besten strukturierte und aufeinander eingespielte Mannschaft war. Mit nur einem Gegentor erwies sie sich als defensiv fast unverwundbar und war offensiv außer beim 1:1 zum Auftakt gegen die Schweiz immer in der Lage, ihren Gegnern um zwei Tore voraus zu sein. 2:0 gegen Costa Rica, 2:0 gegen Serbien, 2:0 im Achtelfinale gegen Mexiko. Mit einer stetig verbesserten Leistung hat sich das Team von Tite Schritt für Schritt ins Rampenlicht gespielt. Inzwischen gilt Brasilien wie fast immer beim größten Fußballturnier der Welt als erster Anwärter auf den Weltmeistertitel.

          Warum? Weil die „Balance“, des Trainers Lieblingswort, perfekt stimmt. Das Ensemble mutet eher wie eine eingespielte Klubmannschaft höchster Klasse an als wie ein erst im Laufe eines Turniers zusammenwachsender Kader. Nur ein einziger Spieler aus diesem erlesenen Aufgebot darf und soll ganz bei sich sein: Neymar, der Star und die Diva Brasiliens, der Trickser, Ideenproduzent und Vollstrecker seiner Mannschaft. Nur seinen Hang zur Weinerlichkeit und Schauspielerei darf er auch in den Augen seines Chefs gerne vergessen. „Er soll spielen“, lautet Tites einziger unmissverständlicher Auftrag an das Spieler-Genie. Alles andere regeln die Kollegen neben ihm und in seinem Rücken. Dabei könnten in der Abteilung Attacke auch noch andere Koryphäen zaubern. Sie dürfen es auch, wenn sie ihre taktischen Aufträge und Aufgaben getreulich erfüllen. Beim jüngsten Sieg über Mexiko fiel auch auf Willian eigener Glanz, weil der Außenangreifer des FC Chelsea dem Spitznamen gerecht wurde, den ihm Tite gegeben hat. Die „kleine Rakete“ zündete. Willian lieferte im Zusammenspiel mit Neymar die Vorlage zum 1:0, die der Superstar persönlich zu seinem zweiten Turniertreffer veredelte. Doch von Eigenlob war der 29 Jahre alte Willian weit entfernt. Vielmehr rief er sich sogleich wieder zur Ordnung: „Wenn du damit anfängst, die Dinge leicht zu nehmen, verlierst du am Ende deinen Platz.“ Willian diente das Gruppenspiel gegen Costa Rica zur Warnung, als er nach der Halbzeit vom früheren Münchner Douglas Costa ansehnlich ersetzt worden war.

          Tite gibt den Gegnern Rätsel auf

          Gegen Serbien kehrte Willian in die Startelf zurück. Wie überhaupt Tite seiner eingespielten ersten Besetzung vertraut und Veränderungen nur nach Verletzungen oder nach Sperren vornimmt. Brasilien hat sich eingespielt und freigespielt bei dieser WM, auch weil alle Spieler ihre taktischen Aufträge nahezu perfekt erfüllen. Zum Beispiel der als Mittelstürmer aufgestellte Gabriel Jesús, der aber vordringlich Räume für die am Ball begabteren und mit einer besseren Schusstechnik gesegneten Neymar und Coutinho, Tites Lieblingsspieler, freisperren und mit seiner immensen Laufarbeit die gegnerischen Abwehrkäfte zermürben soll. Gegen Mexiko war die taktische Intelligenz der ganzen Mannschaft gefordert, als Tite nach einer halben Stunde von einem 4-3-3- auf ein 4-4-2-System umstellte, Neymar vom linken Flügel in die Angriffsmitte beorderte und die komplette Offensive umstellte. Hinter den vier Offensivspielern gab Casemiro den Chefkontrolleur und Paulinho den dynamischen „Achter“. Gegen dieses intelligente Teamwork kam Mexiko nicht mehr an.

          Dass Tite, ein Cheftrainer mit natürlicher Autorität, in seiner Amtszeit als Nachfolger von Carlos Dunga seit 2016 schon 16 verschiedene Kapitäne als Anführer auf dem Platz berief und in Russland drei Männer mit der Binde voranschickte, die Abwehrchefs Thiago Silva und Miranda sowie den Außenverteidiger Marcelo, soll das Bewusstsein für die Priorität der Kollektivarbeit stärken. Der ehemalige Meistercoach von Corinthians São Paulo gibt hierfür einen Leitsatz vor: „Zuerst kommt der Raum, dann der Ball, dann der Mann.“ Will heißen: Räume verengen, Räume aufreißen, den Ball erobern und den Ball als Instrument für das Aufspüren von Lücken nutzen und schließlich die Gegenspieler bekämpfen und schachmatt setzen.

          Wer erst fünf Torschüsse im gesamten Turnier zugelassen hat und spieltaktisch schwer zu dechiffrieren ist, darf höchste Ziele ins Auge fassen. Geträumt wurde bei der WM 2014. Bei der Weltmeisterschaft 2018 gilt ein anderes Prinzip, das von Tite, der bürgerlich Adenor Leonardo Bachi heißt, so formuliert wird: „Wir leben nicht von Erwartungen. Wir leben von der Realität.“ Für die Fans der Seleção längst wieder traumhafte Aussichten.

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