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Vor der WM in Brasilien : Sturz aus 35 Meter Höhe

  • -Aktualisiert am

Gefährlicher Arbeitsplatz: In Manaus wird unter Zeitdruck am Dach gearbeitet Bild: REUTERS

Die Gewerkschaft warnt nach zwei tödlichen Unfällen vor den schlechten Arbeitsbedingungen an den WM-Stadien, ein Nationalspieler fürchtet um seine Sicherheit währende der Spiele.

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          Enttäuscht ziehen die Touristen von einem der begehrtesten Fotomotive am Copacabana-Strand von dannen: Die vor gut einem halben Jahr mit viel Prominenz wie Pelé und Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke eingeweihte offizielle WM-Countdown-Uhr des Schweizer-Luxusuhrenherstellers Hublot verweigert ihren Dienst. Das Zifferblatt zeigt eine falsche Uhrzeit an, die rote, rückwärts zählende Digitalanzeige hat sich bereits seit längerer Zeit ins Daten-Nirwana verabschiedet. Die Vorbereitungen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 scheinen also auch ganz offiziell still zustehen.

          Architekt Oscar Niemeyer, der noch zu Lebzeiten die Anlage entwarf, dürfte sich im Grabe herumdrehen. In der Stadtverwaltung von Rio de Janeiro zücken die Verantwortlichen auf Anfrage die Schultern. Niemand weiß so recht, wer für die Schadensbehebung zuständig ist: das Lokale Organisationskomitee, der Internationale Fußball-Verband (Fifa) oder vielleicht doch die Verwaltung? Also passiert erst einmal nichts, Touristen und die Countdown-Uhr werden ihrem Schicksal überlassen.

          Der Stillstand der teuren Uhr in Rio de Janeiro ist das kleinste Problem der WM-Organisatoren. Verheerende Regenfälle haben die Finalstadt vor ein paar Tagen nahezu komplett unter Wasser gesetzt. Bauarbeiten an vollgelaufenen U-Bahn-Tunneln wurden um Wochen zurückgeworfen. Bereits freigegebene neue Straßenverbindungen schafften den Härtetest nicht und versanken unter Schlamm und braunem Wasser. Die Drainagen waren für eine derartige Regenwassermenge einfach nicht ausgelegt. Die Stadtverwaltung von Rio de Janeiro versuchte derweil aufkommende Gerüchte, auch das Finalstadion Maracanã sei von den Wassermassen in Mitleidenschaft gezogen worden, schon im Keim zu ersticken: „Alles in Ordnung“, erklärte ein Sprecher auf Anfrage brasilianischer Medien.

          Auf Sand gebaut? Die Vorbereitungen für die WM 2014 und Olympia 2016 könnten Rio de Janeiro überfordern

          Unterdessen reißen auch die Schreckensnachrichten von den Baustellen der anderen WM-Stadien nicht ab. Am Wochenende sind in Manaus zwei Arbeiter ums Leben gekommen. Ein Mann war am Samstag aus 35 Meter Höhe abgestürzt, berichteten lokale Medien. Wenig später starb auf der Baustelle der benachbarten Veranstaltungshalle ein 49 Jahre alter Mann an einem Herzinfarkt. Nach Einschätzung der Industrie- und Baugewerkschaft im Bundesstaat Amazonas werden wegen des Zeitdrucks auf den Stadionbaustellen teilweise Sicherheitsvorkehrungen vernachlässigt.

          Die Warnungen werden ignoriert

          „Es ist eine alte Debatte, aber die Verantwortlichen ignorieren uns“, sagte Gewerkschaftspräsident Cícero Custódio. „Seit langem warnen wir vor den schlechten Arbeitsbedingungen am Stadion und dem großen Risiko vor allem bei der Arbeit in der Nacht.“ Der an einem Herzinfarkt gestorbene Mann habe unter großem Druck gestanden und an sieben Tagen pro Woche gearbeitet, sagten Familienmitglieder.

          Angst vor Ausschreitungen bei der WM: Verteidiger Luiz Alberto (rechts): „Ich bin der erste, der flüchtet“

          Die Spielstätte in Manaus gilt als der exotischste Stadionstandort der WM 2014. Das Stadion fasst 42.374 Zuschauer. Die Kosten belaufen sich auf schätzungsweise 192 Millionen Euro. Die Arbeiten waren Ende Oktober zu 88 Prozent abgeschlossen.

          Jüngst waren beim Bau des WM-Stadions in São Paulo zwei Arbeiter ums Leben gekommen, als ein umstürzender Kran die Dachkonstruktion teilweise zum Einsturz brachte. In einem weiteren Problem-Stadion ruht derweil teilweise die Arbeit. In Curitiba streiken die Arbeiter, weil nach eigenen Angaben die Löhne nicht im vollen Umfang bezahlt wurden. Der Stadionbau in Curitiba hinkt ohnehin bereits dem Zeitplan hinterher, so dass die Fifa gezwungen war, die Frist für die Fertigstellung der Arena bis Februar 2014 zu verlängern.

          „Ich bin der erste, der flüchtet“

          Eine ganz andere Sicherheitsdebatte begann derweil Verteidiger Luiz Alberto von Atlético Paranaense. Der Abwehrspieler, der in der vergangenen Woche die brutalen Ausschreitungen zwischen Fans von Vasco da Gama und seinem Klub vom Rasen im Stadion von Joinville aus miterlebte, sagte der Tageszeitung „O Globo“: Wenn so etwas in einer der neuen WM-Arenen passieren würde, wären die Spieler in Gefahr. Die offenen Stadien ohne Begrenzungen würden Randalierer geradezu dazu einladen, Jagd auf die Akteure zu machen. Alberto kündigte an, im Falle neuer Ausschreitungen innerhalb der WM-Stadien eigene Konsequenzen zu ziehen: „Ich bin der Erste, der in die Kabine flüchtet.“

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