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WM-Teilnehmer mit Migrationshintergrund : Grenzenloser Karneval

Italien statt Ghana: Mario Balotelli dankt seiner neuen Heimat mit Toren. Bild: AFP

Fußball 2014 ist ein Sport mit Migrationshintergrund. 85 von 736 Spielern der WM treten nicht für das Land an, in dem sie geboren sind. Berlin ist Städte-Sieger.

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          Es war die verrückteste Szene der bisherigen WM. Kurz vor Ende der Partie in Manaus am Mittwoch versetzte der Franzose Benoit Assou Ekotto dem Kameruner Benjamin Moukandjo einen Kopfstoß. Kurz bevor es in eine Rauferei ausartete, trennte ein anderer die beiden. So ein Glück. Es wäre sonst nicht nur die verrückteste Szene dieser, sondern vielleicht die verrückteste aller Weltmeisterschaften seit 1930 geworden – wenn nämlich der Schiedsrichter die beiden Hitzköpfe hätte vom Platz stellen müssen. Denn sie spielten nicht gegeneinander. Sie standen im selben Team, beim 0:4 gegen Kroatien.

          Christian Eichler
          (cei.), Sport

          Man kann sich offenbar in derselben Mannschaft ziemlich fremd sein, selbst in derselben Nationalmannschaft. Assou Ekotto ist einer von 41 Franzosen bei der WM, von denen aber nur 23 für Frankreich spielen, die anderen für afrikanische Teams, deren Staatsbürgerschaft sie ebenfalls besitzen. Er ist in Europa aufgewachsen, Moukandjo dagegen in Afrika. Da gibt es schon mal kulturelle Trennlinien. Denn die Zeiten, da eine WM das im Vereinsfußball längst gängige bunte Durcheinander von Nationalitäten beendet und die Landsmannschaften in Nationalteams säuberlich sortiert, sind vorbei.

          Diego Costa von brasilianischen Zuschauern ausgebuht

          Die Grenzen verwischen sich – auch im Fußball der Nationalteams. Noch nie war ein Turnier nationaler Mannschaften so international wie dieses, und zwar innerhalb der einzelnen Teams. Die niederländische Zeitung „Volkskrant“ hat die Herkunft und Nationalitäten aller 736 Spieler der WM 2014 verglichen. Sie kommt dabei zu dem Schluss, dass diese Weltmeisterschaft ein „kosmopolitischer Karneval“ sei.

          85 der 736 Fußballer spielen demnach in Brasilien nicht für das Land, in dem sie geboren wurden. Das gilt auch für einige Brasilianer. So wie die Kroaten Eduardo und Sammir, die beim 4:0 gegen Kamerun mitwirkten. Oder den Portugiesen Pepe, der gegen Deutschland den Kopf verlor. Und den Spanier Diego Costa, der als einziger Exil-Brasilianer Avancen der heimischen „Seleção“ hatte. Er schlug sie aus. Deshalb wurde der Stürmer aus dem Norden Brasiliens, der mit 16 nach Europa gegangen war, bei den Partien mit Spanien in Salvador und Rio de Janeiro von brasilianischen Zuschauern ausgebuht. In Sprechchören verhöhnten sie ihn als „veado“ – was wörtlich „Hirsch“ heißt und als Schmähwort für Homosexuelle gilt.

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          In den meisten Fällen nimmt das Publikum die multikulturelle Mischung und multinationale Herkunft seiner Nationalteams inzwischen aber als völlig selbstverständlich hin. Bei der weit überwiegenden Anzahl von Doppel-Staatsbürgerschaften unter Fußballern, wie sie in Europa beschäftigte südamerikanische Profis gern aufgrund irgendwann aus Europa ausgewanderter Vorfahren bekommen, gibt es solch öffentliche Kontroversen wie zuletzt um Costa in Brasilien nicht – oder nicht mehr. Laut „Volkskrant“ haben 247 Spieler der WM, mehr als Drittel, eine solche Doppel-Staatsbürgerschaft.

          Oranje-Spieler mit südamerikanischem Migrationshintergrund

          Neun davon stehen allein im Kader der Niederlande. Wie Bruno Martins Indi, als Kind von Immigranten aus Guinea-Bissau in Portugal geboren. Stürmer Memphis Depay, der „Oranje“ gegen Australien mit seinem Schuss zum 3:2 den Sieg rettete, ist halber Ghanaer. Verteidiger Terence Kongolo hat neben dem niederländischen auch einen kongolesischen und einen Schweizer Pass. Besonders international treibt es Mittelfeldspieler Jonathan de Guzman: Er ist als Sohn eines Filipinos und einer Jamaikanerin in Kanada geboren – und spielt für Holland.

          Nigel de Jong und vier weitere Spieler im Kader haben neben der niederländischen Nationalität auch die der früheren Kolonie Surinam. So geben sie durch ihre Herkunft der Oranje-Auswahl auch einen südamerikanischen Einschlag, was von Vorteil sein kann. Schließlich hat noch kein europäisches Team in Südamerika den Titel gewonnen. Aber es steckte auch noch nie so viel Südamerika in einem europäischen Team wie nun in dem der Holländer.

          Fußball 2014, ein Sport mit Migrationshintergrund. Und die WM, Schaustück dieses Weltsports der Wanderarbeiter, als Spiegel einer Gegenwart, in der immer mehr Menschen und ihre Nachkommen Frieden, Sicherheit, Glück oder Arbeit außerhalb des Landes ihrer Geburt suchen. So kam der Vater von Marouane Fellaini nach Belgien, um dort Profifußballer zu werden, arbeitete dann aber als Busfahrer. Dafür wurde sein Sohn eine Größe in Belgiens Nationalteam, für das er beim 2:1 gegen Algerien traf. Mario Balotellis Eltern entflohen der Armut in Ghana nach Italien, wo er mit drei Jahren von einer Pflegefamilie aufgenommen wurde – er entschied sich gegen das Angebot, für Ghana zu spielen, und ist nun der Star im italienischen Nationalteam, für das er den Siegtreffer gegen England köpfte.

          Multikulturelle Realität spiegelt sich auch im deutschen Team wieder

          Manche WM-Spieler stehen für die Kolonialvergangenheit ihrer Länder, etwa die Belgier Vincent Kompany oder Romelu Lukaku, deren Väter aus dem Kongo stammen, wie der Franzose Karim Benzema, dessen Großeltern aus Algerien nach Lyon kamen, oder wie Raheem Sterling, der neue Jungstar der Engländer, der in Jamaika geboren ist. Andere sind Kinder der Jugoslawien-Kriege, vor allem im Schweizer Team, wie der im Kosovo geborene Bayern-Star Xherdan Shaqiri oder die beiden Torschützen beim 2:1-Sieg über Ecuador: Admir Mehmedi, der aus der albanischen Minderheit in Mazedonien stammt, und Haris Seferovic, dessen Eltern aus Bosnien flohen.

          Und dann wieder gibt es die, die einfach die soziale, multikulturelle Realität in europäischen Familien und Großstadtvierteln spiegeln, nicht zuletzt im deutschen Team, mit den türkischen Wurzeln von Mesut Özil, den tunesischen von Sami Khedira, den polnischen von Miroslav Klose und Lukas Podolski. Umgekehrt spielen der gebürtige Bochumer Joel Matip und der gebürtige Hamburger Jean-Eric Maxim Choupo-Moting für das Land ihrer Väter, Kamerun. So wie der gebürtige Aschaffenburger José Holebas, Sohn einer Deutsch-Uruguayerin und eines Griechen, für Griechenland spielt.

          Erst spät hat der Internationale Fußball-Verband seine starren Regeln modernisiert und der Realität der globalisierten Lebensläufe und grenzüberschreitenden Familiengeschichten angepasst. So durfte Tim Cahill, der beim 2:3 der Australier gegen die Niederlande eines der schönsten Tore der WM schoss, erst mit 24 erstmals in der australischen Nationalelf spielen – weil der in Sydney aufgewachsene Cahill als Vierzehnjähriger zwei Junioren-Länderspiele für Samoa, die Heimat seiner Mutter, bestritten hatte. Laut den damaligen Regeln war es ihm wegen dieser beiden Jugend-Kicks erst nach jahrelanger Sperre erlaubt, für ein anderes, für sein eigenes Land zu spielen.

          Inzwischen tritt diese Festlegung auf eine Nation erst mit den ersten A-Länderspielen im Erwachsenenalter ein. Das führt dazu, dass um manchen Juniorenspieler mit multinationaler Herkunft beim Übertritt ins Profi-Alter ein Wettkampf der Verbände entsteht. So wie zuletzt bei Adnan Januzaj, dem 19-jährigen Jungstar von Manchester United, der aufgrund der komplizierten Vertreibungsgeschichte seiner Familie für Albanien, den Kosovo, die Türkei, Serbien, ja sogar, bei Abwarten der britischen Einbürgerung mit 23 Jahren, für England spielen könnte. Das Rennen machte aber Belgien, wo er geboren wurde und aufwuchs. Kurz nach Januzajs Entscheidung nominierte Nationaltrainer Marc Wilmots den Jungprofi für den WM-Kader und schuf Tatsachen mit dessen Einwechslung im Länderspiel gegen Tunesien vor zwei Wochen – ebenso wie bei Jungstürmer Divock Origi, an dem auch Kenia, die Heimat seines Vaters, Interesse hatte.

          Aus Brüssel stammen, wie Januzaj, zwar gleich vier belgische WM-Spieler. Doch den multikulturellen WM-Rekord hält nicht die europäische, sondern die deutsche Hauptstadt. Sie ist in drei WM-Teams mit in Berlin geborenen und aufgewachsenen Spielern vertreten, alle in derselben Vorrundengruppe: der für Ghana spielende Deutsch-Ghanaer Kevin-Prince Boateng, der für Deutschland spielende Deutsch-Ghanaer Jerome Boateng und der für die Vereinigten Staaten spielende Deutsch-Amerikaner John Anthony Brooks – der das 2:1-Siegtor gegen Ghana erzielte.

          Ebenso dazu gehört der für Bosnien-Hercegowina spielende Sead Salihovic, auch wenn er erst mit sieben Jahren aus dem Bosnienkrieg in die deutsche Metropole kam, und der als Säugling mit seinen Eltern aus Teheran nach Berlin emigrierte Ashkan Dejagah, der bei der WM für den Iran spielt. Außerdem trainiert der Deutsch-Kroate und gebürtige Berliner Niko Kovac das kroatische Team. Gäbe es eine Weltmeisterschaft nicht für Länder-, sondern für Städteteams, sie alle stünden in derselben Mannschaft. Weil jeder dieser sechs, die sechs verschiedene WM-Nationen vertreten, von sich sagen kann: Ich bin ein Berliner.

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