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Ukraine vor WM-Qualifikation : „Ein Spiel ums Überleben“

  • -Aktualisiert am

Gefeierte Spieler der Ukraine: „Dieser Sieg ist für unser Land“ Bild: dpa

Das Nationalteam der Ukraine macht den vorletzten Schritt Richtung Fußball-WM. Jetzt soll die tatsächliche Qualifikation folgen – damit der Krieg nicht in Vergessenheit gerät.

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          Große und auch etwas ambivalente Gefühle teilten die ukrainischen Spieler am Mittwochabend mit ihren Anhängern auf den Tribünen im Glasgower Hampden Park. Manche Leute jubelten, aber es flossen auch Tränen, viele Menschen umhüllten ihre Körper nach dem 3:1-Sieg der Ukrainer in Schottland mit blau-gelben Fahnen, als böte ihnen der Stoff Wärme und Schutz.

          Pure Freude war das wahrlich nicht. Die ganze Zerrissenheit zwischen dem Glück über ein einen wichtigen Sieg und der Düsternis des eigenen Schicksals war den Worten zu entnehmen, die Oleksandr Petrakow nach dem Spiel wählte. „Wir haben für diejenigen gespielt, die in Schützengräben kämpfen, die mit ihrem letzten Blutstropfen kämpfen. Wir spielen auch für Menschen zu Hause, die jeden Tag leiden“, sagte der ukrainische Nationaltrainer. „Dies war ein kleiner Schritt in Richtung unseres großen Ziels. Wir wollen die Ukrainer stolz machen. Sie müssen bedenken, was sie durchmachen; Menschen werden getötet, Frauen werden gruppenvergewaltigt.“

          Ein Abend der Freude für die Ukraine

          Die Mannschaft hatte in Glasgow Millionen Landsleuten einen Abend der Freude beschert, sie befindet sich jedoch zugleich auf einer tief bedrückenden Mission. Die Spieler begreifen sich als Teil des Befreiungsprojekts, an dem sich das ganze Land seit der russischen Invasion beteiligt und das sie sehr gerne im kommenden November und Dezember bei der WM in Qatar fortsetzen möchten. Damit das klappt, müssen die Ukrainer nach diesem Halbfinale am kommenden Sonntag (18.00 Uhr bei DAZN) noch das Play-off-Endspiel in Cardiff gegen Wales gewinnen, das abermals mit all diesen Emotionen und Gedanken aufgeladen sein wird, die weit über den Sport hinausgehen. Und so blieb nach diesem Erfolg bei manchem erst einmal ein Gefühl der Leere.

          Trainer Petrakow war derart mitgenommen, dass er gar nicht erst versuchte, die richtigen Worte für eine Diskussion über die fußballerische Leistung seiner Mannschaft zu finden. „Ich bin leer im Bezug auf die Analyse“, erklärte er. Ähnlich hatte er sich bereits nach einem Testspiel in Mönchengladbach geäußert, die Bedeutung der großen Sache überlagert offenbar jede Fachdebatte.

          Dabei war der Fußball, den seine Mannschaft in Glasgow spielte, beeindruckend. Die Schotten sind so stark wie lange nicht, die EM im vergangenen Jahr war das erste große Turnier, für das sie sich in diesem Jahrtausend qualifizieren konnten, und sie werden angeführt von hervorragenden Einzelspielern wie Andrew Robertson vom FC Liverpool. Nun wollten sie unbedingt erstmals seit 1998 auch wieder bei einer WM dabei sein, waren aber chancenlos. „Wir haben uns sehr verbessert. Ich bin traurig für die Spieler“, sagte Trainer Steve Clarke, räumte aber auch im Wissen, dass fast die ganze Welt den Ukrainern diesen Sieg gönnt, ein: „Die beste Mannschaft hat das Spiel gewonnen.“

          Abgesehen von dem unsicheren Torhüter Heorhij Buschtschan, der mit seinen Fehlern das zwischenzeitliche 1:2 begünstigte und damit eine spannende Schlussphase einleitete, spielten die Ukrainer exzellent. Sie wirkten körperlich fit, kamen bestens mit dem Tempo klar und harmonierten auch als Mannschaft, obwohl die sechs Spieler von Dynamo Kiew und Schachtar Donezk seit Kriegsausbruch nur Freundschaftsspiele absolvieren konnten.

          Die Intensität von internationalen Topduellen kennen sie noch aus der Erinnerung, aber das war ihnen nicht anzumerken. Der frühere Dortmunder Angreifer Andrij Jarmolenko schoss früh ein schönes Tor zum 0:1 (33.), Roman Jaremtschuk köpfte zu Beginn der zweiten Hälfte das 0:2 (49.), und es gab etliche weitere Möglichkeiten. Nach dem 1:2 von Callum McGregor (80.) wurde es zwar kurz spannend, aber Artem Dowbyk gelang dann das verdiente 1:3 (90.+5).

          Vielleicht waren sie eben doch getragen von den großen Emotionen, mit denen dieses Spiel aufgeladen war. Schon vor der Partie hatte Oleksandr Sintschenko, der Star von Manchester City, auf einer Pressekonferenz weinend gesagt: „Jeder Ukrainer will nur eines: diesen Krieg beenden. Ich habe mit Menschen aus der ganzen Welt gesprochen, aus verschiedenen Ländern. Ich habe auch mit ukrainischen Kindern gesprochen, die einfach nicht verstehen, was in der Ukraine passiert. Sie wollen nur, dass der Krieg aufhört, und sie haben nur einen Traum: den Krieg zu beenden.“ Solche Momente berühren alle Zuhörer, und sie sind explizit erwünscht. Auch deshalb wäre eine WM-Teilnahme für die Ukrainer von großem Wert.

          Hintergrund ist das an vielen Stellen der Weltöffentlichkeit sichtbare Bestreben der Ukrainer, dass dieser Krieg in den Köpfen präsent bleibt und viele Menschen bewegt, bis wieder Friede herrscht. Schlimm wäre für das überfallene Land, wenn ein Gewöhnungsprozess einsetzte, in dessen Verlauf andere Themen in den Vordergrund rückten. Eine WM-Teilnahme könnte im Herbst entscheidend zur Erfüllung dieses Wunsches zur dauerhaften Sichtbarkeit der Situation in der Ukraine beitragen. Diese Aufgabe ist fester Bestandteil des Projekts, an dem die Fußballer in diesen Tagen arbeiten.

          Und deshalb empfinden sie diesen Sieg auch nur als Zwischenschritt, der laut Sintschenko „gar nichts bedeutet“, sofern die Mannschaft nicht auch gegen Wales gewinnt und den Sprung nach Qatar schafft. Entsprechend klar ist seine Vorschau auf das Duell mit dem Team um Superstar Gareth Bale: „Es wird nicht mehr um Kondition und Taktik gehen – das wird ein Spiel ums Überleben.“

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