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Trauriger Ronaldo : Immer diese Deutschen!

Trauer: Cristiano Ronaldo hat viele Gesichter - aber nach dem 0:4 gegen Deutschland kommen ihm fast die Tränen Bild: AFP

Kein Sonderbeifall für den Superstar: Cristiano Ronaldo ist der beste Fußballspieler der Welt – aber nicht, wenn es gegen Deutschland geht. Wie bei der WM 2006, der EM 2008 und der EM 2012 bleibt er auch dieses Mal unauffällig.

          3 Min.

          Cristiano Ronaldo hat mehr Facebook-Fans als Deutschland Einwohner. Doch am Montag in Salvador haben elf davon ausgereicht, den bekanntesten (84 Prozent Bekanntheit weltweit) und teuersten (54 Millionen Euro pro Jahr) Fußballspieler der Welt für neunzig Minuten zum überschätzten und überbezahlten Statisten zu machen, der erst kurz vor Schluss mit einem Freistoß wenigstens einmal auf sich aufmerksam machen konnte.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Durch das 0:4-Debakel mit der portugiesischen Mannschaft im ersten WM-Spiel bestätigte sich Ronaldos persönlicher Deutschland-Fluch. Bei vier seiner sieben Teilnahmen bei einer Welt- oder Europameisterschaft hat der „Weltfußballer“ nun immer gegen Deutschland verloren: WM 2006, EM 2008, EM 2012, WM 2014. Und stets, ohne dabei ein Tor zu erzielen. Während alle vorher gefeierten Superstars und Werbe-Könige des Weltfußballs bei dieser WM bisher tatsächlich auf Anhieb Tore und Siege geliefert haben, Neymar, Messi, Balotelli, Robben und allen voran Thomas Müller, blieb Ronaldos brennender Ehrgeiz unerfüllt.

          Entblößung des strammen Six-Packs

          Nachdem er mit Real Madrid den Spieß in diesem Frühjahr vorübergehend umgedreht und auf dem Weg zum Champions-League-Sieg bei den Siegen gegen Schalke, Dortmund und Bayern sieben Tore gegen deutsche Gegner erzielt hatte, glaubte der Portugiese, bei der WM die lästigen Angstgegner endlich auch einmal mit dem Nationalteam besiegen zu können. „Cristiano hat zu mir gesagt: Jetzt seid ihr dran, dieses Mal schlagen wir euch“, erzählte vor der Partie sein deutscher Real-Kollege Sami Khedira. „Ich weiß, dass er brennt. Er will von Anfang an zeigen, dass er zu den Besten der Welt gehört. Er wird sich zerreißen.“

          Wut: als der Schiedsrichter keinen Strafstoß für die Portugiesen gibt, kann Ronaldo es nicht fassen Bilderstrecke
          Wut: als der Schiedsrichter keinen Strafstoß für die Portugiesen gibt, kann Ronaldo es nicht fassen :

          Zuerst einmal riss sich Ronaldo aber nur sein Hemd vom Leib, wenn auch nicht so theatralisch wie nach seinem Elfmeter im Champions-League-Finale – eine Entblößung des strammen Six-Packs in Bodybuilder-Pose, die laut spanischen Zeitungsberichten eine geplante Aktion für einen über ihn gedrehten Dokumentarfilm gewesen sein soll. Diesmal war es nur das Aufwärm-Leibchen. Zwanzig Minuten vor Anpfiff warf er es in die Menge, die ihn frenetisch feierte. Das war es dann aber auch mit Sonderbeifall für den Superstar.

          Denn auf der linken Angriffsseite bekam Ronaldo außer einem guten Durchspiel auf den allerdings zu harmlosen Hugo Almeida in der ersten Halbzeit nichts Produktives zustande – auch ein Verdienst von Jerome Boateng, der seine rechte Abwehrseite problemlos dicht hielt. „Es ist eine Ehre, wenn der Trainer mir so viel Vertrauen schenkt und meint, ich sei dafür der beste Mann“, hatte der Innenverteidiger tags zuvor im „Kicker“-Interview über die ungewohnte Außen-Rolle gegen den Weltstar gesagt. „Solche Spiele gegen solche Spieler brauche ich, die machen mir Spaß.“

          Ronaldo machte es sichtlich keinen Spaß – spätestens nachdem ihn Boateng einmal ganz regelgerecht an der Außenlinie weggeblockt hatte wie einen Sandsack, trieb sich der Portugiese oft lieber im Zentrum oder auf der anderen Seite herum. Sein einziger Schussversuch vor der Pause aus dreißig Metern geriet viel zu hoch, und bei der besten Gelegenheit zum Anschlusstreffer, als Fábio Coentrão den Ball flach an den Fünfmeterraum brachte, reagierte der einzige verbliebene Deutsche, Mats Hummels, viel schneller als der wie angewurzelt stehenbleibende Ronaldo.

          „Portugal hängt völlig von Ronaldo ab“, hatte sein Vorgänger als bester Fußballer des Landes, Luis Figo, erklärt. Nach der Pause schlich der Weltstar, abgesehen von drei wütenden, wirkungslosen Weitschüssen und vom wütenden (und berechtigten) Fordern eines Elfmeters nach Foul von Höwedes an Eder, zunehmend unmotiviert über den Platz. Und so führte die von Figo beschriebene Abhängigkeit von Ronaldo an einem der schwächsten Tage in dessen Karriere zu einer Demütigung für Portugals Nationalteam.

          Dabei hatte Ronaldo seine Landsleute am Morgen noch mit flammenden Worten auf die Partie eingestimmt: „Heute, wo unser Epos endlich beginnt, werden wir viel mehr als zehn Millionen sein“, ließ er über seine Facebook-Seite verbreiten. „Wir werden auch Leidenschaft, Begeisterung, Glaube, Entschlossenheit, Ausdauer sein. Wir werden Siegeswille sein. Wir werden Hoffnung sein. Alle zusammen, Hand in Hand und mit vereinten Herzen, mit einer einzigen Stimme.“ Sogar den Heiligen Vater hatte er in seine Ansprache an die Welt einbezogen: „Um es mit den Worten von Papst Franziskus zu sagen: Niemand siegt allein. Weder auf dem Spielfeld noch im Leben.“ In der Niederlage dagegen ist man oft allein. In einem hilflosen Team war der Mann, der an diesem Tag nur große Worte machte, der bisher größte Verlierer der WM.

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