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Torlinientechnologie : Bei der WM geschätzt, in Deutschland verteufelt

Alles im Blick: Sieben Hochgeschwindigkeitskameras schauen genau hin Bild: Goal Control

Wenn bei der Weltmeisterschaft in Brasilien der Ball rollt, werden die Tore akribisch überwacht - die Technologie dazu hat eine kleine Firma aus Deutschland geliefert.

          Auf gewisse Weise wird im WM-Eröffnungsspiel an diesem Donnerstag zwischen Brasilien und Kroatien auch der deutsche Technikfaktor eine wichtige Rolle spielen. Dann nämlich, wenn es auf Genauigkeit, Schnelligkeit und vor allem sportliche Gerechtigkeit ankommt. Die neue Torlinientechnologie, die nun erstmals bei einer Fußball-Weltmeisterschaft eingesetzt wird, wurde entwickelt von der Firma Goal Control in Würselen. Das liegt bei Aachen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Ironie der ganzen Sache ist, dass die Hochleistungsapparatur bei allen WM-Spielen und damit auch im Amazonas-Dschungel bei den Hitzeschlachten in Manaus über „Tor oder nicht Tor“ aufklärt – zu Hause im Technikland Deutschland aber noch von vielen aus der Fußballbranche geradezu verteufelt wird.

          Im Ernstfall wird geholfen

          „Uns wird es sehr helfen“, sagte Massimo Busacca am Montag in Rio de Janeiro. Dort wurde die Torlinientechnik im Maracanã-Stadion nochmals in etwa 2400 variierenden Situationen geprüft. Die Anlage funktionierte. Busacca war Unparteiischer und betreut bei dieser WM für den Internationalen Fußballverband (Fifa) die 25 Schiedsrichter. Zu ihnen gehört auch der Deutsche Felix Brych mit seinen Assistenten Mark Borsch und Stefan Lupp.

          Brych hat von allen WM-Schiedsrichtern wohl die speziellste Beziehung zu der Thematik, denn hätte ihm die Technik in der Bundesliga zur Verfügung gestanden, wäre der Jurist nicht im vergangenen Herbst aufgrund seines fälschlicherweise gegebenen „Phantomtors“ von Hoffenheim tagelang in der Öffentlichkeit aufgezogen worden. „Es war keine schöne Erfahrung. Deshalb bin ich froh zu wissen, dass uns Schiedsrichtern im Ernstfall jetzt geholfen wird“, sagt Brych.

          Jeweils sieben Hochgeschwindigkeitskameras sind vom Tribünendach aus auf die beiden Tore gerichtet. Sie produzieren 500 Bilder pro Sekunde, während das menschliche Auge nur 24 hinbekommt. Diese Daten laufen über Glasfaserkabel im Kontrollraum in einer speziellen Software zusammen, wo sie verarbeitet werden. Sobald der Ball die Torlinie überquert hat, sendet die Auswertungseinheit in weniger als einer Sekunde ein Funksignal an die Empfängeruhr des Schiedsrichters.

          Goal Control garantiert, dass die Position des Balles auf fünf Millimeter genau berechnet wird. Auf der Uhr, die in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut entwickelt wurde, leuchtet im Fall eines Tors das englische Wort „Goal“ auf, zudem kommt es zu einer Vibration am Handgelenk. Das Funksignal zwischen Rechner und Uhr ist von Hackern nicht zu knacken, weil es über eine eigene Frequenz gesendet und nicht über das bestehende kabellose Computer-Netzwerk im Stadion verbreitet wird. Die Generalprobe für die Torlinientechnologie fand im vergangenen Jahr beim Confederations Cup in Brasilien statt – beschwerdefrei.

          Einen solchen Treffer wie den der Engländer im Spiel gegen Deutschland bei der WM 2010 nicht zu geben, ist in Brasilien nicht mehr möglich

          Auch wenn der Ball im entscheidenden Augenblick von einem Spieler-Getümmel auf dem Platz verdeckt wird, reichen dem System Fragmente in einer Größe von 10 bis 15 Prozent des Spielgeräts aus, um trotzdem eine schnelle Entscheidung zu treffen. Die Software errechnet dann über Algorithmen die wahrscheinliche Position. „Das ist wie beim Auto-Navigationssystem im Tunnel“, sagt Dirk Broichhausen, Mitbegründer und Geschäftsführer der Firma aus Würselen.

          Kombination aus Kameras und Software

          Goal Control setzte sich gegen mehrere andere Anbieter durch, dazu gehörte auch Hawk Eye. Der Sony-Ableger aus England wird seit dieser Saison in der Premier League und seit vielen Jahren schon bei den großen Tennisturnieren eingesetzt. Das System funktioniert ähnlich. In beiden Fällen müssen Tore und Bälle nicht präpariert werden. Es zählt die Kombination aus Kameras und Software. Andere Anbieter arbeiten mit Magnetfeldtechnologie, Sensoren und dem Chip im Ball. Doch sie gingen bisher leer aus bei der Auftragsvergabe.

          Die Technik von Goal Control kommt eigentlich aus der Industrie, wo über Bildverarbeitungstechnologie Fehler in den Produktionsprozessen aufgespürt werden – zum Beispiel bei diffizilen Verarbeitungslinien in der Automobilbranche. Im Dezember will die Bundesliga entscheiden, ob sie die Technik doch kurzfristig einsetzt, nachdem es vor kurzem im DFB-Pokalfinale wieder zu einem Zwischenfall mit einem fälschlicherweise nicht gegebenen Treffer gekommen war. Bei der WM hat die Zukunft längst begonnen.

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