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Kommandeur Thiago Silva : Der Mann, der bei Brasilien nicht fehlen darf

Mit Köpfchen: Thiago Silva zählt auch mit 38 Jahren noch immer zu den besten Innenverteidigern. Bild: Reuters

Brasilien wird im zweiten Gruppenspiel gegen die Schweiz auf Neymar verzichten müssen. Der wohl wichtigste Mann wird jedoch auf dem Platz stehen: Abwehrchef Thiago Silva.

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          An dem Abend in Fortaleza, an dem der Fußballspieler Thiago Silva den Fans in seinem Land das große Glück schenkte, stahl er es ihnen auch wieder. Es war das Viertelfinale der Weltmeisterschaft 2014, Brasilien spielte gegen Kolumbien. Im Stadion – so berichten es die, die damals da waren – sah und spürte man, wie Silva, der Kapitän der Nationalmannschaft, die Menschen mitriss. In der ersten Halbzeit machte er das 1:0. Doch in der zweiten Halbzeit – das weiß man mittlerweile – den wahrscheinlich dümmsten Fehler seines Fußballlebens.

          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          Er stand wegen eines Eckstoßes im Strafraum der Kolumbianer, als deren Keeper David Ospina einen Konter einleiten wollte. Silva stellte sich spontan in den Weg, Ospina konnte den Ball nicht schießen – und der Schiedsrichter die Karte nicht stecken lassen: Gelb für Silva. Damit stand fest, dass der Spieler, der die Abwehr der Seleção kommandierte, im Halbfinale gegen Deutschland gesperrt fehlen würde.

          Fußball-WM 2022

          So kam der 8. Juli 2014. So kam das kommandolose Spiel im Stadion Mineirão in Belo Horizonte. So kam das große Unglück.

          Es ist seitdem immer wieder darüber diskutiert worden, wie ein Foul im Viertelfinale einen entscheidenden Einfluss im Halbfinale hatte. Meist wird sich dabei aber nicht auf das Foul des Brasilianers Silva, sondern des Kolumbianers Juan Zúñiga bezogen. In der 87. Minute war dieser dem Stürmer Neymar so in den Rücken gesprungen, dass dieser vorübergehend nicht mehr gehen konnte. Die Diagnose: Bruch des dritten Lendenwirbels. Die Folge: WM-Aus. Doch auch wenn es zu den großen Leistungen der Sportgeschichte zählt, wie der 22-Jährige Neymar in dem Sommer mit der Last des Landes auf seinen Schultern gespielt hatte, musste man aus sportlicher Sicht diagnostizieren: Es war nicht Neymar, der im Halbfinale dringlich fehlte, sondern Thiago Silva.

          Auch mit 38 Jahren noch gesetzt

          An diesem Montagabend (17.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV), an dem Brasilien in Doha gegen die Schweiz spielt, wird Neymar wegen einer Knöchelverletzung fehlen. So werden jene im Fokus sein, die an seiner Stelle für das Spektakel sorgen sollen. So etwa der Stürmer Richarlison (Tottenham Hotspur), der mit seinem Seitfallzieher beim 2:0-Sieg gegen Serbien vielleicht schon das schönste Tor des Turniers schoss. Oder die Stürmer Rodrygo und Vinicius Junior (Real Madrid), die mit 21 und 22 Jahren schon an der Spitze des Sports angekommen sind.

          Fussball-WM 2022

          Und doch sollte man den Fokus verschieben, wenn man erkennen will, warum Brasilien in diesem Winter Weltmeister werden könnte. Ins defensive Mittelfeld nämlich. Dort, wo Casemiro spielt, der wahrscheinlich wichtigste Mann für die Balance der brasilianischen Mannschaft. Und in die Innenverteidigung. Dort, wo Thiago Silva spielt, der Kommandeur, der Kapitän.

          Im September ist er bereits 38 Jahre alt geworden – und unter dem Nationaltrainer Tite trotzdem gesetzt. Der kennt den Trend, den alle kennen: In den Weltmeistermannschaften seit 2006 findet sich mindestens ein Innenverteidiger der Weltklasse. Die Italiener hatten 2006 Fabio Cannavaro. Die Spanier hatten 2010 Carlos Puyol und Gerard Piqué (und, übrigens, als Außenverteidiger Sergio Ramos). Die Deutschen hatten 2014 Jérôme Boateng. Die Franzosen hatten 2018 Raphaël Varane. Und 2022 haben die Brasilianer Thiago Silva, den Rory Smith, der schlaue Fußballkorrespondent der „New York Times“, neulich den „größten Verteidiger seiner Generation“ nannte.

          Einer, der ihn besonders schätzt, ist Thomas Tuchel. Als Trainer von Paris Saint-Germain und Chelsea schaffte er es mit Thiago Silva als Abwehrchef 2020 (0:1-Niederlage) und 2021 (1:0-Sieg) ins Champions-League-Finale. Sein Spitzname für ihn: „Thiago Button“. Wegen Benjamin Button, der Figur aus F. Scott Fitzgeralds Kurzgeschichte, der rückwärts altert. „Ich weiß, wie sehr er sich anstrengt, um fit zu bleiben, wie sehr er sich um seine Erholung, seinen Schlaf und seine Ernährung kümmert“, sagte Tuchel mal, als er noch Trainer in London war. „Das ist einfach hervorragend und nur deshalb ist es möglich.“

          Möglich, dass er dieses Leistungslevel halten kann. Möglich, dass er die Abwehr einer Nationalmannschaft kommandiert, die Weltmeister wird. Möglich, dass er derjenige Mann in Brasilien ist, der nicht fehlen darf.

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