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Südafrika : Schöne Stadien und viele Schulden

Den Ärmsten hat die WM nichts gebracht: Südafrikanische Jungen auf einem Fußballplatz in einem Township bei Pretoria Bild: dpa

Die wirtschaftliche Bilanz der Fußball-Weltmeisterschaft fällt für das Gastgeberland gemischt aus. Kurzfristig wurden Tausende Arbeitsplätze geschaffen. Doch an der armen Bevölkerung ging der Aufschwung vorbei.

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          Für Thulani, einen von Tausenden freiwilligen Helfern bei der Fußball-Weltmeisterschaft, gibt es keinen Zweifel: „Die WM ist das Beste gewesen, was Südafrika seit der Freilassung von Nelson Mandela erlebt hat“, meint der Minibus-Fahrer aus Soweto, „schau dir nur mal diese Stadien an, die schönsten der Welt. Da sollen die Leute ruhig meckern, dass andere Dinge wichtiger gewesen wären.“ Kurz vor dem Finale Spanien gegen Holland ist an jeder Straßenecke zu spüren, wie stolz die Südafrikaner sind, das Fußballturnier erfolgreich ausgerichtet zu haben - allen anfangs kritischen Stimmen aus dem Ausland zum Trotz.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Die wirtschaftliche Bilanz jedoch fällt gemischt aus. Südafrikas Staatspräsident Jacob Zuma sprach von einem „wirtschaftlichen Gewinn für unser Land.“ Eine Million ausländischer Besucher seien gekommen, drei Millionen Fans waren in den Stadien und 130.000 Arbeitsplätze wurden geschaffen, 66.000 in der Baubranche und 40.000 bei der Polizei.

          Die deutsche Wirtschaft am Kap hat profitiert

          Dafür hat der südafrikanische Staat aber auch mehr als 3,2 Milliarden Euro in Stadien, Telekommunikation und in die Verkehrsinfrastruktur gesteckt. Analysten rechnen damit, dass nur etwa 1,3 Milliarden Euro durch die ausländischen Besucher in die Wirtschaft zurückfließen. Einige der Arenen von Kapstadt bis Nelspruit werden wohl nie mehr gefüllt werden. Den Rest der Rechnung trägt der Steuerzahler.

          WM-Stadion in Kapstadt: Der südafrikanische Staat hat 3,2 Milliarden Euro in Stadien, Telekommunikation und  Verkehrsinfrastruktur gesteckt
          WM-Stadion in Kapstadt: Der südafrikanische Staat hat 3,2 Milliarden Euro in Stadien, Telekommunikation und Verkehrsinfrastruktur gesteckt : Bild: dpa

          Ob sich die WM für Südafrika langfristig lohnt, lässt sich nur schwer abschätzen. Zuma stellte bereits eine „veränderte Wahrnehmung Südafrikas“ in der Welt fest. Der weitgehend reibungslose Verlauf des Sportereignisses hat wohl tatsächlich zu einem Imagegewinn geführt. Die Bedenken vor der WM, dass die Südafrikaner keinen Zeitplan einhalten, nicht für Ruhe und Ordnung sorgen und die Kriminalität nicht eindämmen könnten, hätten sich zerschlagen, meint Iraj Abedian, Chef der Investitionsgesellschaft Pan-African Capital Holdings. Langfristig könne sich dies an steigenden Touristenzahlen und mehr ausländischen Direktinvestitionen zeigen.

          Gleichzeitig hat Südafrikas Regierung aber noch milliardenschwere Aufgaben zu erledigen, die nach der WM vermutlich noch lauter eingefordert werden. Allein 2,4 Milliarden Euro müssen nach Schätzung der zuständigen Ministerin in die Abwasseraufbereitung investiert werden, um einen Kollaps des Systems zu verhindern. 2,1 Millionen Häuser für die Armen hat die Regierung versprochen, was über sieben Jahre hinweg mindestens 18 Milliarden Euro kosten soll. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die 11,7 Milliarden Rand (1,2 Milliarden Euro) für die Stadien noch für heftige Kritik sorgen werden“, prophezeit das Wirtschaftsmagazin Engineeringnews.

          Die deutsche Wirtschaft am Kap indes hat profitiert, insbesondere von den vielen Infrastrukturprojekten. „Die überwiegende Zahl der deutschen Unternehmen ist sehr zufrieden gewesen mit der WM“, resümiert Matthias Boddenberg, Chef der Deutsch-Südafrikanischen Handelskammer. Insgesamt seien Aufträge in einem Wert von 1,5 Milliarden Euro vergeben worden. Allein auf Siemens entfielen Aufträge in einer Höhe von 1 Milliarde Euro. Mercedes-Benz SA lieferte 460 Busse, die während der WM pikanterweise mit Werbung des Fifa-Sponsors Hyundai auf der Karosserie herumfahren. Aber nicht nur die Großen haben mit der WM Geld verdient, auch der deutsche Mittelstand. So bekam der fränkische Zeltbauer Eschenbach den größten Auftrag in seiner Geschichte. Der ostbayerische Geschirr-Anbieter BHS schaffte 500.000 Geschirrteile an die Spitze Afrikas.

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