https://www.faz.net/-gtl-16p4c
 

Südafrika : Brodelndes WM-Land

  • -Aktualisiert am

Was kommt in Südafrika, wenn die Fußballfreude abgeklungen ist? Nicht alle werden an der WM verdient haben. Die Mehrheit der Menschen lebt nach wie vor in Townships ohne Wasseranschluss und ohne Strom. Ihnen geht langsam die Geduld aus. Nach einem neuen Aufbruch klingt das nicht. Eher nach einer letzten Warnung.

          Eines immerhin hat die kommende Fußball-Weltmeisterschaft schon jetzt bewirkt: ein neues „Wir-Gefühl“ in Südafrika. Der ansonsten weitverbreitete Pessimismus der Bevölkerung verflüchtigt sich in dem Maße, in dem das Turnier näher rückt. Plötzlich zeigt sich dieses gewöhnlich tief zerrissene Land geradezu einig. Dass die Welt zu Gast sein wird in Südafrika und vor allem, dass es das Gastgeberland trotz aller Kritik vermochte, die nötige Infrastruktur für das große Ereignis fristgerecht fertigzustellen, hat die Südafrikaner stolz gemacht - so stolz, wie sie zuletzt bei der Wahl von Nelson Mandela zum Präsidenten 1994 waren.

          Ganz nebenher befördert diese Weltmeisterschaft Südafrika zurück in die weltweiten Schlagzeilen und damit dorthin, wo Südafrikaner ohnehin glauben hinzugehören. Selbst die Tatsache, dass die Kosten für diese Weltmeisterschaft fast dreimal höher ausgefallen sind als geplant, wird mit einem Achselzucken hingenommen.

          Seither ist viel die Rede davon, wie das neue Momentum hinüber in die Zeit nach der Weltmeisterschaft gerettet werden soll und wie das neue Vergnügen an der eigenen Nationalität genutzt werden kann, Südafrikaner nicht nur miteinander zu versöhnen, sondern wieder füreinander zu interessieren. Nicht weniger als ein neuer Aufbruch soll es werden, um die Schwierigkeiten des Landes endlich in den Griff zu bekommen - die Armut, die Arbeitslosigkeit, den katastrophalen Zustand des Bildungssektors.

          Es reiht sich Streik an Streik

          Dabei brodelt es an allen Ecken und Kanten am Kap. Die weltweite Wirtschaftskrise hat das Land rund eine Million Arbeitsplätze gekostet. Die Verwaltung ist derart unorganisiert, dass sogar das Ausstellen eines Personalausweises Monate dauern kann. Die extremen Preissteigerungen bei der Lebenshaltung, gepaart mit unzulänglichen Lohnerhöhungen, treiben diejenigen, die überhaupt Arbeit haben, scharenweise auf die Barrikaden. Seit dem Amtsantritt Jacob Zumas als Präsident im Mai vergangenen Jahres reiht sich Streik an Streik. Der Dachverband der Gewerkschaften, Cosatu, ließ unlängst wissen, dass er während der Fußball-Weltmeisterschaft nicht von Arbeitsniederlegungen absehen werde, weil seine Forderungen wichtiger seien als das Turnier. Nun will die Regierungspartei „African National Congress“ (ANC) den Chef der Gewerkschaft „disziplinieren“. Da demonstriert die ehemalige Befreiungsbewegung ihre ganze Hilflosigkeit. Schließlich war Zuma erst durch die Gewerkschaften an die Macht gekommen. Deren Forderung nach einem Linksruck aber widersetzt er sich, um sowohl die inländischen als auch die ausländischen Investoren nicht zu verschrecken. Fragt sich nur, wie lange er sich das noch erlauben kann, ohne Gefahr zu laufen, genauso schnell zur Seite geschoben zu werden wie sein Vorgänger Thabo Mbeki.

          Sechzehn Jahre nach den Ende der Apartheid stehen immer noch viel zu viele Südafrikaner mit leeren Händen da. Aus deren Sicht hat die soziale Marktwirtschaft, die der ANC bislang betrieb, versagt. Das hängt zwar mehr mit der Unfähigkeit vieler Parteikader zusammen als mit anderen Ursachen, gleichwohl sucht der ANC sein Heil bei den Losungen von gestern und leistet sich eine Debatte über das Für und Wider der Verstaatlichung der Bergbauindustrie. Hinter der vom Chef der ANC-Jugendliga, Julius Malema, angestoßenen Diskussion versteckt sich kaum verhüllt der alte Vorwurf, dass die Weißen immer noch alles besitzen und die Schwarzen immer noch ausgebeutet werden. Malema spielt ungeniert die Rassismuskarte, und die Partei bremst ihn schon deshalb nur halbherzig, weil sie einen Sündenbock braucht, um davon abzulenken, wie wenig sich im Grunde für die schwarzen Massen seit dem Systemwechsel geändert hat.

          Zustände wie in Zimbabwe?

          Den Weißen hingegen und in zunehmenden Maße auch der indischstämmigen Gemeinschaft am Kap geht es derweil wirtschaftlich so gut wie nie. Ihr Einkommen ist seit Ende der Apartheid um durchschnittlich 85 Prozent gestiegen, das der Schwarzen bestenfalls um 37 Prozent. Die Arbeitslosigkeit unter der weißen Bevölkerung beträgt vier Prozent, bei den Schwarzen sind es mehr als zehn Mal so viel. Dieser Befund wartet geradezu darauf, von einem politischen Rattenfänger genutzt zu werden.

          Bringt man diesen Gedanken folgerichtig zu Ende, zeichnen sich Zustände wie in Zimbabwe ab. Aus dem Blickwinkel der Bankentürme in Johannesburg oder der nahezu blütenweißen Vororte Kapstadts kommt zwar alleine die hypothetische Erörterung einer solchen Entwicklung einer Art Gotteslästerung gleich, weil Südafrika doch ganz anders sei als Zimbabwe. Darauf mag man hoffen.

          Darauf zu bauen aber heißt auf unsicherem Boden stehen. Denn die Mehrheit der Südafrikaner lebt eben nicht in Sandton oder in Camps Bay. Die Mehrheit der Menschen lebt nach wie vor in Townships ohne Wasseranschluss, ohne Toiletten und ohne Strom. Dort hören sie auf einen wie Malema, weil der ausspricht, was sie alle insgeheim glauben. Und weil ihnen langsam die Geduld ausgeht. Nach einem neuen Aufbruch klingt das nicht. Eher nach einer letzten Warnung.

          Topmeldungen

          Die CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vor dem Start der siebzehnten Vogtland-Veteranenrallye.

          AKK und Maaßen in Sachsen : Er war schon vor ihr da

          Annegret Kramp-Karrenbauer macht im sächsischen Vogtland Wahlkampf. Auch Hans-Georg Maaßen war dort schon für die CDU unterwegs – und sorgte dafür, dass für den Bundestagsabgeordneten Heinz eine Welt zusammenbrach.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.