https://www.faz.net/-gtl-9bmmc

Frankreichs Benjamin Pavard : Der Filou aus Stuttgart spielt sich in den Fokus

Hartes und konzentriertes VErteidigen: Benjamin Pavard im Duell mit Perus Paolo Guerrero Bild: AP

Vom VfB Stuttgart auf die große Bühne: Der Franzose Benjamin Pavard spielt bei der Fußball-WM in der französischen Nationalelf eine wichtige Rolle. Gegen Dänemark wird er erst einmal geschont.

          Ein einziger Blick genügte. Aus den Augenwinkeln sah Benjamin Pavard den peruanischen Linksaußen Édison Flores auf den freien Raum vor dem französischen Tor laufen. Eine halbe Drehung, ein kurzer Sprint, eine präzise Grätsche: spätestens, als der erst 22 Jahre junge Rechtsverteidiger in der 36. Minute dieses zweiten WM-Spiels der Équipe Tricolore seinen Gegenspieler an der Strafraumkante lässig und leichtfüßig abräumte, als hätte er genau das schon immer so getan, wurde allen Beobachtern der französischen Nationalmannschaft schlagartig klar: Dieser schlaksige Lockenkopf ist ein Versprechen für die Zukunft.

          Rückblende: Vor etwas weniger als zwei Jahren wurde Pavard als „Rohdiamant“ vom damaligen Sportvorstand des VfB Stuttgart, Jan Schindelmeiser, in die Zweite Bundesliga geholt. Er ist erst 20 Jahre alt bei diesem Transfer, der ihn vom Ersatzspieler beim OSC Lille zu einem der derzeit begehrtesten Defensiv-Allrounder Europas machen sollte. Bei seinem ersten Startelf-Einsatz für den damals gerade erst abgestiegenen Bundesligaklub genügte ebenfalls ein einziger Blick, dieses fast schon einzigartige kurze Zucken mit dem Kopf nach oben; Pavard sah im Heimspiel gegen Greuther Fürth (4:0) aus den Augenwinkeln seinen Mitspieler davonsprinten; den pfeilschnellen Carlos Mané, der sich aufmachte in Richtung gegnerisches Tor. Eine flüssige Beinbewegung folgte: Ziel anvisieren, ausholen, abspielen. Mané traf. Spätestens, als Pavard in der zweiten Minute dieses Spiels den Ball so präzise in die Beine des portugiesischen Offensivmannes spielte, wurde allen Beobachtern des VfB Stuttgart klar: Aus diesem blassen Jungen, der neben dem Platz so schüchtern wirkt, könnte ein großer Spieler werden. Ein Versprechen für die Zukunft? Die Parallelen sind unverkennbar.

          Heute sagt Schindelmeiser gegenüber FAZ.NET, genau diese Kombination aus defensiver Qualität und offensiver Kreativität sei der Hauptgrund gewesen für die Verpflichtung des Verteidigers. Geholfen hat dabei auch der frühere französische Junioren-Nationalspieler und VfB-Profi Matthieu Delpierre, dessen ehemaliger Trainer in Lille später dort Jugendtrainer von Pavard wurde. „Benjamin hat schnell gezeigt, dass er lernwillig und gleichsam lernfähig ist“, sagt Schindelmeiser. Er hat sich verbessert in den folgenden Monaten und Jahren, ist zu einem Typen herangereift.

          Hart und konzentriert

          Die Erfahrungen aus der zweiten Liga haben ihn härter werden lassen. Pavard spielt nun deutlich körperbetonter als noch in seiner Jugendzeit. „Mittlerweile spielt er seine Rolle sehr seriös, auch wenn immer mal wieder der Filou durchblitzt“, sagt Schindelmeiser. Doch was sich in seinen Anfangstagen beim VfB noch zum Nachteil ausgewirkt habe, sei heute einer klugen Verspieltheit gewichen. Er lässt sich nicht mehr ablenken von seinen Kernaufgaben, er verteidigt hart und konzentriert. Er ist zweikampf- und kopfballstark, behält in hitzigen Situationen oft die Ruhe und übernimmt Führungsaufgaben im Team. Zwar fehlt ihm noch die Konstanz für die allererste Reihe des internationalen Parketts, wo er sich selbst als „Champion“ irgendwann einmal sieht, wie er sagt.

          Fussball-WM 2018

          Aber dafür bleibt ihm auch noch Zeit. Zumal ihm der Blick für den Mitspieler geblieben ist; die schnelle, zündende Idee im Aufbauspiel, wie er bei der WM in Russland schon mehrmals bewiesen hat. Als er von Nationaltrainer Didier Deschamps im vergangenen Spätherbst als Ergänzungsspieler erstmals in die französische Auswahl berufen wurde, sahen viele darin die Belohnung für seine positive Entwicklung: Mit Stuttgart war er nach einer Saison wieder in die Bundesliga aufgestiegen. Die vergangene Spielzeit beendete der Klub auf dem siebten Rang und verpasste nur knapp die Qualifikation für die internationalen Wettbewerbe. Dabei bestritt Pavard jede Partie von Anfang an und über die vollen 90 Minuten.

          Er freue sich über seine Nominierung, sagte der Neu-Nationalspieler damals, aber er stelle keine Ansprüche. Nur sechs Länderspiele später stellte ihn Deschamps zum WM-Auftakt Frankreichs direkt in die Startformation gegen Australien; auch gegen Peru lief Pavard von Beginn an auf. An diesem Dienstag gegen Dänemark (16.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und in der ARD) wird er indes geschont und überlässt den Platz des Rechtsverteidigers Djibril Sidibé vom AS Monaco.

          Der VfB will ihn halten

          Fünf Millionen Euro musste der VfB 2016 als Ablösesumme überweisen. Mittlerweile wird Pavards Marktwert auf etwa 30 Millionen geschätzt. Halb Europa soll hinter dem Innenverteidiger her sein, der zudem auf beiden Außenpositionen ebenso gut eingesetzt werden kann wie im defensiven Mittelfeld. Doch in Stuttgart besitzt er einen Vertrag bis zum Sommer 2021. Und Michael Reschke, der derzeitige VfB-Sportvorstand, betont immer wieder, an einen Verkauf sei nicht zu denken.

          Doch durch die Einsätze für Frankreich spielt sich Pavard Minute um Minute weiter in den internationalen Fokus. Und die schützende Hand Reschkes über sein Juwel wird sich gewiss lockern, sollte ein Verein bereit sein, die Geldbörse nur weit genug zu öffnen. „Benjamin hat eine großartige Entwicklung genommen. Dass das Begehrlichkeiten im Ausland, aber auch gerade in der Bundesliga weckt, ist verständlich“, sagt Schindelmeiser: „Er kann mittelfristig eine zentrale Rolle in der französischen Defensive übernehmen.“ Das wäre dann wohl jene verheißungsvolle Zukunft, die schon so viele für Pavard vorausgesehen haben.

          Weitere Themen

          Muss sich der FC Bayern fürchten?

          Leipziger Hochgefühl : Muss sich der FC Bayern fürchten?

          Die Kräfteverhältnisse verschieben sich: RB empfängt die Bayern als Tabellenführer. Und die Sachsen wollen sich mit einem Unentschieden nicht zufriedengeben. Dabei hoffen sie auf das gewisse Etwas ihres neuen Trainers.

          Topmeldungen

          Nach Interviewabbruch : Es bleiben viele Fragen an Höcke

          Die Aufregung über den Interview-Abbruch und die Drohungen von Björn Höcke verstellt den Blick auf die eigentliche Frage: Wes Geistes Kind ist der AfD-Politiker?

          Nicht die Jungen überzeugen : Der FC Bayern und seine alte Achse

          Löw hat’s gesehen: Die Münchener spielen gegen Leipzig zumindest eine herausragende erste Halbzeit. Das liegt vor allem an den Routiniers. Neuer, Boateng, Müller und Lewandowski halten die Zeit an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.