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Englands Stürmer Harry Kane : Tore aus jeder Lage

Harry Kane ist der wichtigste Spieler der Engländer Bild: Reuters

Harry Kane ist der wichtigste Spieler der Engländer – so wichtig wie der Mut von Trainer Gareth Southgate. Denn der hat vor der WM mit einigen Gewohnheiten gebrochen.

          Der Neuanfang in Englands Nationalteam begann mit einer überraschenden Entscheidung. Nach dem Rücktritt von Nationaltrainer Roy Hodgson nach dem EM-Debakel 2016 gegen Island und der Entlassung des Nachfolgers Sam Allardyce, der vor versteckter Kamera über Nationalspieler und Verbandsfunktionäre gelästert hatte und nach nur 68 Tagen wieder gehen musste, war der Juniorentrainer Gareth Southgate aushilfsweise befördert worden – und beschloss, nach nur wenigen Tagen auf dem Chefposten, den Kapitän Wayne Rooney nicht mehr zu berufen. Es erwies sich als überfällige Entscheidung, die keiner vor ihm zu treffen gewagt hatte.

          Fussball-WM 2018
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Sie verlieh Southgate, der als beliebt, aber zu nett galt, bei den Spielern eine große Autorität, wie nun Verteidiger Danny Rose kurz vor dem ersten WM-Spiel gegen Tunesien an diesem Montag sagte: „Da wussten wir, dass man sich mit ihm besser nicht anlegt.“ Southgate bewährte sich, behielt den Chefposten und hat inzwischen ein deutlich jüngeres, dynamischeres und lernfähigeres Team aufgebaut, aus dem der ein oder andere Spieler schon vorher von ihm als U-21-Trainer gefördert wurde. Ashley Young, mit 32 Jahren der älteste Spieler im WM-Kader, schwärmt: „Wir haben so viel Qualität in diesem Team, das ist fast beängstigend: die Dynamik, die Jugend. Wir glauben, dass wir sehr weit kommen können.“

          Southgate brach mit englischen Traditionen wie den langen Bällen aus der Abwehr oder der Viererkette. Die von ihm bevorzugte Dreierkette im 3-5-2-System habe Englands Verteidigern „Sicherheit“ gegeben, sagt Harry Maguire, der gegen Tunesien neben John Stones und Kyle Walker spielen soll. Zudem findet die taktische Vorbereitung auf ein Spiel nun, eigentlich eine Selbstverständlichkeit, auch bei den Engländern angepasst an die Besonderheiten des Gegners statt, anders als noch unter Hodgson, der vor dem Island-Spiel, so Rose, „etwas völlig anderes trainieren ließ als das, was gegen die Isländer nötig war“.

          Der Tunesier Yohan Belouane, der mit Leicester City 2016 englischer Meister wurde, hat großen Respekt vor der Entwicklung des ersten WM-Gegners. „Ihr Nationalteam brauchte einen Wandel“, sagt der Verteidiger. Ein Teil dieses Wandels komme aus der Liga, von Trainern wie Pep Guardiola und Jürgen Klopp, deren Spielweise auf die Nationalmannschaft abfärbe: „Es kann nun eine andere Art von Fußball spielen und etwas Bedeutendes erreichen bei der Weltmeisterschaft.“ Kapitän und Torjäger Harry Kane formuliert das entsprechende Ziel so: „aggressiv und mutig in Ballbesitz“ zu sein.

          Kane ist für Belouane der wichtigste Spieler der Engländer. Er stuft ihn höher ein als frühere Sturmstars, auf die er als Gegenspieler traf, wie Ibrahimovic, Del Piero oder Eto’o. „Er hat die Technik, von überall her ein Tor zu schießen.“ Mehr als 100 Tore hat der 24-jährige Kane bereits in der Premier League erzielt und vor der WM alle Gerüchte über einen Wechsel zu Real Madrid zerstreut, indem er seinen Vertrag mit Tottenham Hotspur um sechs Jahre verlängerte. 13 Tore in 24 Spielen schoss er bereits auch fürs Nationalteam, aber keins bei der EM-Blamage 2016, die bis heute nachwirkt.

          Gareth Southgate: endlich ein mutiger Trainer

          „Ich will das wiedergutmachen“, sagt er. „Wir müssen das Land nach der Enttäuschung von damals wieder hinter uns bringen.“ Der einzige Druck auf das Team solle aber darin bestehen, „sein Bestes zu geben“. Seine Hoffnung: „Mit einer Freiheit zu spielen, wie sie andere englische Nationalteams nicht hatten.“ Kollege Fabian Delph sagt, das englische Team denke an nichts anderes als daran, „von der Weltmeisterschaft als Helden heimzukehren“.

          Vor der WM gestand Kane sogar, sein großes Ziel sei es, „das Turnier zu gewinnen“, und fügte an: „Wenn ich was anderes sagen würde, würde ich lügen.“ Auch wenn das nicht ganz gelingen sollte, weil das junge Team noch ein paar Jahre zum Reifen brauchen dürfte, hätte Kane durchaus die Chance, Champion zu werden – wenn es in Russland auch ein Turnier der besten Golfer bei der Fußball-WM gäbe. Der Engländer spielt mit einem exzellenten Handicap von vier und beantwortete in einem Fragebogen die Frage, wie für ihn ein perfekter Abend aussehe: „Golf schauen, nett und entspannt mit meinen beiden Hunden.“ Gern auch mit „schlechtem Essen“, einer seiner Leidenschaften.

          Eine weitere Frage lautete, wann er das letzte Mal geweint habe. Die Antwort: „Als wir bei der EM 2004 im Elfmeterschießen verloren haben.“ Wiederholung nicht ausgeschlossen – diesmal nur ohne Rooney.

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