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WM-Spieler über Armut : „Ich spielte mit so viel Wut“

Der Engländer Raheem Sterling im Achtelfinale gegen Kolumbien. Bild: EPA

Der Engländer Raheem Sterling und der Belgier Romelu Lukaku haben aufgeschrieben, wie es war, ein armes Kind zu sein und wie daraus ihre Motivation entstanden ist. Es sind drastische Beschreibungen.

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          Beim Abpfiff steht Romelu Lukaku alleine am Spielfeldrand. Sein Trainer hat ihn wenige Minuten vor Schluss ausgewechselt, aber als er den Platz verlassen musste, ging er in der Gewissheit, alles für sein Team getan zu haben. Mehr noch: Vor der Pause spielte Lukaku gegen Brasilen die vielleicht beste Halbzeit, die er je gespielt hat für Belgien. Nach dem Schlusspfiff, als alle Belgier von der Bank aufs Spielfeld stürmen, geht Lukaku an der Außenlinie auf die Knie. Er ist dort ganz alleine und reckt beide Arme sekundenlang dem Himmel entgegen. Es sieht so aus, als ob er Gott in diesem Moment für das dankte, was er erreicht hat. In Belgien aber erfährt Lukaku, ohne den der belgische Aufschwung kaum denkbar wäre, nicht die Unterstützung, die er sich wünscht.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Einen Tag später geht Raheem Sterling in der ersten Minute der Nachspielzeit gegen Schweden vom Platz. Sein Trainer schenkt ihm zur Auswechslung eine warme Umarmung. Der Sieg der Engländer im Viertelfinale über Schweden steht in diesem Moment fest. Trainer Southgate weiß, was dieser Erfolg für Sterling bedeutet. Er hat in diesem Spiel zwar einige gute Chancen vergeben, aber davon abgesehen spielte er gegen Schweden stark. In England aber erfährt Sterling, der seinen Teil zum englischen Aufschwung beiträgt, nicht die Unterstützung, die er sich wünscht.

          Fussball-WM 2018

          Lukaku und Sterling haben zuletzt beide auf der amerikanischen Internetplattform „The Player’s Tribune“ über ihr Leben und ihren Werdegang geschrieben, oder das, was sie darüber zu sagen haben, unter ihrem Namen aufschreiben lassen. Für die Ablehnung, die diese beiden Topspieler mit kongolesischen und jamaikanischen Wurzeln trotzdem immer wieder in ihrer Heimat erfahren, finden beide ziemlich ähnliche Erklärungen. Es geht bei Lukaku dabei zwar auch um rassistische Dinge, aber vor allem um eine Ablehnung, der offenbar andere Motive zugrunde liegen: Armut. Und zwar die Folgen einer zum Teil extremen Armut, die Lukaku und Sterling in ihrer Kindheit erlebt haben – und die sie prägte. Was wiederum eine teilweise starke Ablehnung hervorruft. Oder, um es mit den Worten von Enzensberger zu sagen: „Je ärmer einer ist, desto fremder kommt er uns vor.“ So beschreiben sie es auch selbst.

          „Wenn die Dinge gut laufen, lese ich in der Zeitung, dass sie mich Romelu Lukaku nennen, den belgischen Torjäger. Wenn die Dinge nicht gut laufen, nennen sie mich Romelu Lukaku, den belgischen Torjäger kongolesischer Abstammung“, schreibt Lukaku. „Ich weiß nicht, warum einige Leute in meinem Land sehen wollen, wie ich scheitere. Als ich zu Chelsea ging und nicht spielte, habe ich gehört, wie sie mich ausgelacht haben. Als ich zu West Brom ausgeliehen wurde, habe ich gehört, wie sie über mich gelacht haben. Aber diese Leute waren nicht bei mir, als wir Wasser in unser Müsli gegossen haben. Wenn du nicht bei mir gewesen bist, als wir nichts hatten, dann kannst du mich auch nicht wirklich verstehen.“

          Romelu Lukaku (links) nach dem Halbfinaleinzug der Belgier gegen Brasilien.
          Romelu Lukaku (links) nach dem Halbfinaleinzug der Belgier gegen Brasilien. : Bild: AFP

          „Weißt du“, schreibt Sterling, „es ist traurig, dass ich es sagen muss, aber ich werde es irgendwie tun. Da gibt es eine Wahrnehmung in bestimmten Medien, dass ich „Bling, Bling“ liebe. Dass ich Diamanten liebe. Dass ich liebe, das zu zeigen. Ich weiß wirklich nicht, woher das kommt. Vor allem, als ich meiner Mum ein Haus gekauft habe, haben manche Leute unglaubliche Sache geschrieben. Ich finde es wirklich traurig, dass Leute das tun. Aber sie hassen etwas, was sie nicht einmal kennen.“

          Sterling war zwei Jahre alt, als sein Vater ermordet wurde. „Das formte mein ganzes Leben.“ Kurz darauf entschied seine Mutter, in England eine Ausbildung zu machen und den Jungen und seine Schwester auf Jamaika bei den Großeltern zu lassen. „Meine Großmutter war toll, aber jeder will in diesem Alter zu seiner Mum.“ Später holte sie ihre Kinder nach England, sie war Reinigungskraft in einem Hotel, morgens um fünf ging es raus, und vor der Schule halfen die Kinder beim Toiletteputzen und Bettenmachen. Zum Frühstück gab’s ein Bounty aus dem Automat im Hotel. Als Raheem im Fußball immer besser wurde, musste er in London drei Busse nehmen, um zu seinem neuen Klub zu kommen. Aber weil er noch so jung war, bestand seine Mutter darauf, dass ihn seine ältere Schwester begleitet.

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