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Flitzer-Attacke von Pussy Riot : Video von Polizeiverhör sorgt für Irritation

  • Aktualisiert am

Insgesamt rannten vier Flitzer auf den Rasen beim WM-Finale. Bild: dpa

Die russische Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot reklamiert die spektakuläre Protestaktion mit vier Flitzern beim WM-Finale für sich. Später sorgt ein Video im Internet für Aufsehen.

          Die russische Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot hat eine spektakuläre Protestaktion mit vier Flitzern beim Finale der Fußball-Weltmeisterschaft für sich reklamiert. Vier als russische Polizisten verkleidete Aktivisten rannten am Sonntagabend in der zweiten Halbzeit des Endspiels zwischen Frankreich und Kroatien (4:2) auf das Spielfeld und sorgten damit für eine kurze Unterbrechung. Pussy Riot ließ wenig später über Facebook verlauten, die Aktivisten gehörten zu der kremlkritischen Gruppe. Die Aktion verknüpften sie mit politischen Forderungen. Ein Video in Internet von einem angeblichen Polizeiverhör löste in dem Zusammenhang Kritik aus.

          Die Moskauer Behörden hielten sich weitgehend bedeckt zu dem Fall. Das Innenministerium bestätigte Agenturen zufolge die Festnahme von drei Frauen und einem Mann. Später teilte die Polizei mit, sie hätten Verwaltungsstrafen von bis zu 200.000 Rubel (etwa 2700 Euro) oder 160 Stunden gemeinnütziger Arbeit für die Flitzer beantragt.

          Im Internet kursierte ein Video, in dem angeblich das Verhör von zwei Aktivisten zu sehen gewesen sein soll. Dem regierungskritischen Portal meduza.io zufolge fragte darin ein Verhörer, der nicht zu sehen war, wo sie die Uniformen her hätten. „Gemietet“, sagte einer der Festgenommenen. Der Verhörer sagte verärgert: „Gemietet? Manchmal bedauere ich es, dass wir nicht das Jahr 37 haben. Manchmal bedauere ich es einfach.“ Das Video war nicht unabhängig zu verifizieren. Internetnutzer kritisierten es als Zeichen von Intoleranz. 1937 war die Zeit des sogenannten Großen Terrors unter Sowjetdiktator Josef Stalin. Die Phase war geprägt von Massenfestnahmen und Deportationen. Hunderttausende Menschen waren betroffen. Viele wurden erschossen oder kamen in Arbeitslager (Gulag).

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          Die Punkgruppe Pussy Riot hat in der Vergangenheit immer wieder kremlkritische Aktionen an öffentlichen Orten inszeniert. 2012 war die Gruppe bekannt geworden, als drei Aktivistinnen nach einem „Punk-Gebet“ in einer Kirche verhaftet wurden. Sie wurden wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ verurteilt, später aber begnadigt. Die vier Flitzer waren in ihrem uniformähnlichen Dress fröhlich winkend mitten im Finale auf den Platz gelaufen, wurden aber schnell von Sicherheitsleuten geschnappt. Der argentinische Schiedsrichter Nestor Pitana schien die Flitzer im ersten Moment nicht zu bemerken, stoppte die Partie dann aber doch für kurze Zeit. Einer Aktivistin gelang es, mit Frankreichs Superstar Kylian Mbappe abzuklatschen.

          Die Flitzeraktion nannten sie: „Der Polizist kommt ins Spiel“. „Vier Mitglieder von Pussy Riot im Finale der Fußball-WM“, hieß es in dem Schreiben der Gruppe. Die Aktivisten forderten darin unter anderem, dass politische Gefangene freigelassen werden und dass es keine Festnahmen bei Kundgebungen mehr gibt. Zudem schrieben sie, das Land brauche mehr politischen Wettbewerb. Die Aktion wirft zum Ende der von den russischen Organisatoren und dem Weltverband Fifa überschwänglich gefeierten WM ein Schlaglicht auf Russland. Die Fifa hatte das Turnier als die beste WM aller Zeiten bezeichnet. Präsident Wladimir Putin sagte nach dem Finale, Russland könne stolz sein. Viele ausländische Fans hätten nun Russland kennengelernt und ihre Meinung über das Land geändert. „Auch das ist ein wichtiges Ergebnis (der WM)“, sagte Putin.

          Kritiker haben immer wieder betont, dass der bunte Straßenkarneval der ausländischen Fans und die Lockerheit der Polizei und Behörden im Umgang mit ausgelassenen Feiern auf den Straßen nur vorübergehende Erscheinungen seien. Nach der WM sei dies wieder vorbei, schätzen viele. Daran knüpfte Pussy Riot mit einem Video nach der Aktion an. „Lieber Freund, du weißt wahrscheinlich, dass Russland kein Rechtsstaat ist“, sagte eine Aktivistin, deren Gesicht von einer Maske bedeckt war. Eine andere ohne Maske las vor: „Die WM ist großartig. Sie hat gezeigt, wie die Polizisten in Russland sein können.“ Anschließend bekräftigten sie ihre zuvor gestellten Forderungen.

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