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Russlands Politiker und die WM : „Die Fußballer sind Prachtkerle – Sie nicht!“

Dmitrij Medwedjew (links) und Wladimir Putin im Luschniki-Stadion beim Eröffnungsspiel der Fußball-WM. Bild: AP

Die WM bietet Wladimir Putin viele natürliche Bühnen für Auftritte, mit denen er sich selbst und das Land in das rechte Licht rücken lassen kann. Doch er und andere Politiker können nicht profitieren wie gewünscht.

          Der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew ist in den sozialen Medien sehr aktiv. Diese Form der Selbstdarstellung ist für ihn bereits einige Male nach hinten losgegangen: Auch aufgrund der von Medwedjew im Netz hinterlassenen Spuren kamen der Regimegegner Alexej Navalnyj und sein „Fonds zum Kampf gegen Korruption“ vor zwei Jahren auf die Spur einer Luxusresidenz des Regierungschefs, die mit seinen offiziellen Einkünften auf keine Weise erklärt werden kann. Zu einem Eigentor wurde für Medwedjew auch sein auf Instagram verbreiteter Jubel über den 3:1-Sieg der russischen Nationalmannschaft über Ägypten. Unter seinem Post sammelten sich bald böse Kommentare: „Die Fußballer sind Prachtkerle – Sie nicht!“ In einem anderen heißt es: „Ein Sieg ist es, wenn die Leute eine Rente bekommen.“

          Fussball-WM 2018
          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Grund für den Zorn sind die pünktlich zum Beginn der WM vorgestellten Pläne der Regierung, das Rentenalter in den kommenden Jahren deutlich zu erhöhen. In manchen Medien wurde die Vermutung geäußert, diese Gleichzeitigkeit sei kein Zufall: Die Regierung habe wohl gehofft, die unpopuläre Maßnahme (über die freilich schon einige Zeit gesprochen wird) könne in der Begeisterung um die Weltmeisterschaft untergehen oder wenigstens freundlicher aufgenommen werden. Sollte das die Absicht gewesen sein, ist die Rechnung nicht aufgegangen: Bei der Frage nach den wichtigsten Nachrichten der vergangenen Woche lag die Rentenreform in einer neuen Umfrage gleichauf mit der Weltmeisterschaft. Innerhalb kurzer Zeit haben sich mehr als zwei Millionen Russen einer Internetpetition gegen das Vorhaben angeschlossen. Noch während der WM sollen Proteste in Städten stattfinden, in denen keine Spiele stattfinden. Und sobald die massiven Einschränkungen im Versammlungsrecht aufgehoben sind, die derzeit an den Austragungsorten gelten, wollen die Gewerkschaften in Moskau eine Großdemonstration organisieren – drei Tage nach dem WM-Finale im Luschniki-Stadion.

          Das Turnier bietet Wladimir Putin viele natürliche Bühnen für Auftritte, mit denen er sich selbst und das Land in das rechte Licht rücken lassen kann. Etwa am vergangegen Donnerstag, als er gemeinsam mit Fifa-Präsident Gianni Infantino den für die Zeit des Turniers auf dem Roten Platz eingerichteten „Fußballpark“ besuchte, das Jackett auszog – wie er es bei solchen Gelegenheiten gern macht – und einen Elfmeter auf ein von einem Papptorhüter bewachtes Tor schoss. Außerdem pfiffen Putin und Infantino noch ein Freundschaftsspiel zwischen einer Weltauswahl von Fußballlegenden (trainiert von Ronaldo und Lothar Matthäus) und einer russischen Jugendmannschaft an, deren Spieler zum Teil aus einem Waisenhaus in Krasnojarsk stammen.

          „Wundervoll, unglaublich, großartige Feier, großartige Spiele, großartige Organisation, gastfreundliches Land“, lobt Infantino. Sein über Korruptionsaffären gestürzter Vorgänger Joseph Blatter, der auf persönliche Einladung Putins in Russland ist, darf unterdessen dafür sorgen, dass die Russen trotz der netten Gäste aus aller Welt nicht vergessen, dass sie von Feinden umgeben sind – und wer sie davor schützt. Die Europäer, so Blatter laut dem Sender „Match TV“, der alle Spiel überträgt, hätten vor der WM gesagt: „Schaut auf diese Russen, wie dumm sie sind, sie können nichts gewinnen. Und schaut jetzt auf die Tabelle!“ In Wirklichkeit waren es vor allem die russischen Medien selbst, die die Sbornaja und ihren Trainer Stanislaw Tschertschessow vor dem ersten Spiel massiv kritisiert hatten. Diese WM sei eine der besten aller Zeiten, sagte Blatter: „Ihr macht alles richtig. Ihr habt ein sehr starkes Staatsoberhaupt. Glauben Sie mir, die Fifa ist massiv unter Druck gesetzt worden, damit Russland das Turnier nicht bekommt. Aber auf einen Menschen wie Putin kann man keinen Druck ausüben.“

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