https://www.faz.net/-gaq-7q92z

Fußball-WM : Blatters gefährlicher Ego-Trip

  • -Aktualisiert am

Geht er in die Verlängerung? Sepp Blatter will noch einmal Fifa-Präsident werden. Bild: AP

Alle Strategien des Fifa-Präsidenten dienen derzeit der eigenen Machterhaltung. Die Europäer brechen mit dem Patriarchen und üben heftige Kritik.

          5 Min.

          Wenn sich Joseph Blatter derzeit bewegt, dann nur mit einer Handvoll Bodyguards. Sie bewachen den Patriarchen auch im Foyer seiner Hotelburg in São Paulo, in der sich eigentlich nur Blatters große Fußballfamilie einquartiert hat. Das ist jedes Mal ein Spektakel, wenn die starken Männer in den schwarzen Anzügen mit ihrem Schützling in ihrer Mitte durch die Halle schreiten. Viel abgehobener könnte sich der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) kaum noch präsentieren.

          Blatters Fußballwelt befindet sich im Schwebezustand – und dreht sich dabei bedenklich schnell. Enthüllungen in der Qatar-Frage, der erwartete Bürgerprotest im WM-Land und die nun hochkochende Auseinandersetzung um seine angestrebte Wiederwahl zum Fifa-Präsidenten bringen den Weltverband an den Rand der Belastbarkeit. Bei einer Sitzung der Vertreter des Europäischen Fußball-Verbandes (Uefa) in São Paulo vor dem Start des Fifa-Kongresses am Dienstag kam es offenbar zum Bruch mit den Europäern.

          Führende Funktionäre sollen Blatter zum Verzicht auf eine weitere Amtszeit aufgefordert haben. Die Präsidentschaftswahl ist im nächsten Jahr. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach sprach von einer „sehr kühlen“ Atmosphäre. „Wir waren klar von einem Stabwechsel 2015 ausgegangen“, sagte er. Der niederländische Fußballpräsident Michael van Praag machte Blatter für das schlechte Image der Fifa verantwortlich, das die Menschen derzeit mit „Korruption und Bestechung“ verbinden würden. Der Engländer Greg Dyke kritisierte den Fifa-Chef für dessen Rassismus-Vorwurf gegen die englischen Medien, die derzeit immer neue Enthüllungen zur qatarischen WM-Bewerbung veröffentlichen.

          Das hat etwas von DDR-Volkskammer

          Seine übliche Rede zur Eröffnung einer WM hat Blatter für diesen Donnerstag zurückgezogen. Es gab die Befürchtung, dass ihn die Zuschauer in São Paulo niederschreien würden. Was aus seiner persönlichen Sicht vielleicht nachvollziehbar erscheint, ist für die Kommunikation der Fifa ein Desaster. Krisen-PR gehört in die Hände des Chefs und sollte aktiv betrieben werden. Blatter aber verflüchtigt sich.

          Seine persönliche Agenda sieht dagegen vor, dass ihn unabhängig vom Widerspruch der Europäer (sie verfügen nur über 54 von insgesamt 209 Stimmen) einige Vertreter anderer Fußballverbände aus der Welt beim Kongress auffordern sollen, sich doch zum fünften Mal als Fifa-Präsident aufstellen zu lassen. Diesem Ansinnen könnte er sich ja kaum verweigern. Das hat etwas von DDR-Volkskammer. Blatter hat hinter den Kulissen schon längst verbreitet, dass nur er die Zukunft des Weltverbandes sichern könne und es derzeit keinen legitimen Nachfolger gebe.

          Wie eine Sitzung der DDR-Volkskammer: die Fifa tagt in Sao Paulo
          Wie eine Sitzung der DDR-Volkskammer: die Fifa tagt in Sao Paulo : Bild: AFP

          Alle seine Strategien sind nur auf ihn selbst gerichtet. Auch der Reformprozess bei der Fifa, so richtig und gut der Weg ist und so anerkennenswert die neue Governance-Struktur erscheinen mag – all das soll Blatter eigentlich nur helfen, seine Macht abzusichern. Für einen milliardenschweren Fußballkonzern, der mit einem höchst begehrten Produkt handelt, seine Perspektiven seriös abwägen müsste und eine soziale Verantwortung hat, ist dieser Egotrip ein gefährliches Spiel.

          Blatter hat früh erkannt, dass ihm bei seiner Machterhaltung auch eine starke Position gegen Fußball-Europa nicht schaden sollte. Schließlich hat jeder Nationalverband auf der Welt bei Abstimmungen wie einer Präsidentenwahl eine wertvolle Stimme zu vergeben. Eine billige Masche, meinen Widersacher. Übernommen hat Blatter diesen anti-europäischen Kurs von seinem Vorgänger Joao Havelange, der ihn nach der WM in Deutschland 1975 zur Fifa geholt hatte und dem Blatter auf verschiedenen Positionen diente, zum Schluss als Generalsekretär. Der inzwischen 98 Jahre alte Fußball-Pate kämpft derzeit in Rio de Janeiro mit gesundheitlichen Problemen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Traute Runde (von links): Heinz Göldner, Helmut Thümmel, Elisabet Thümmel, Dieter (Dietrich) Kloss, Ursula Pischmann und Brigitta Lehmann-John.

          Serie „Besuch beim Wähler“ (5) : Hart am Wasser

          Die Senioren des Dresdner Kanusportvereins haben ihre Leidenschaft über die Zeitenwende gerettet – über Politik reden sie lieber nicht, denn da fliegen schnell die Fetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.