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Fußball-Kommentar : Die WM ist ein Paradies für Entdecker

  • -Aktualisiert am

Die bunte Welt des Fußballs: Die WM bleibt ein Faszinosum trotz der Rahmenbedingungen Bild: Reuters

Die Menschen schauen Fußball, weil sie das Zittern, den Druck und die Gänsehaut spüren wollen. Die Behauptung, der Sport habe nichts mit Politik zu tun, ist trotzdem falsch.

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          Warum schauen die Menschen Fußball? Weil sie nicht wissen, wie es ausgeht. Das behauptete Herberger. Aber sie wollen mehr als eine Antwort. Sie wollen die Spannung erleben, das Zittern um den Sieg am eigenen Leib, den Druck, die Gänsehaut bei grandiosen Spielzügen, das herzergreifende Stolpern des Torhüters und möglichst seine Comeback-Parade der letzten Sekunde. Zuallererst aber wollen sie während dieser Auszeit vom Alltag in Ruhe gelassen werden. Von Anti-Fußballern, Dazwischenquatschern und Weltverbesserern. Fußball hat doch nichts mit Politik zu tun!

          Fussball-WM 2018

          Wie schön wäre es, wenn die Funktionäre des Fußball-Weltverbandes recht hätten mit ihrer Zweckbehauptung: Fußball total, ein Blick allein auf 90 Minuten plus Verlängerung und Elfmeterschießen. Dann gäbe es nur Berichte über all das, was diesen Lieblingssport der Menschheit so attraktiv und reich macht: das beglückende Erlebnis vom Sieg des Kleinen über den Großen. Oder die phantastische Geschichte von der Entstehung einer Ära; als Pelé und Garrincha 1958 Brasilien an den Europäern vorbei zur Fußballmacht schossen. Ganz zu schweigen von der Frage zum Schicksal der Spanier nach dem Rauswurf ihres Trainers. Es ginge nicht um Özil und Erdogan, sondern allein um die Pelés der Neuzeit, um Ronaldo und Messi, um den Kicker, der an ihnen wie aus dem Nichts vorbeidribbelt. Vielleicht einer aus Löws Obhut?

          Eine Weltmeisterschaft ist ein Paradies für Entdecker. Sie entschlüsseln Sorgen oder Hoffnungen der Trainer anhand taktischer Formationen. Sie entlarven Fehlentscheidungen der Schiedsrichter und öffnen der staunenden Welt den Blick in die Tiefe des Fußballs. Typen wie Putin gefällt das, solange dessen am Donnerstag übermittelter Wunsch respektiert wird: die internationale „Politik“ aus dem „Sport herauszuhalten“. Ihm selbst ist das nicht so recht gelungen. Für die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 wurde mit Wissen seines Sportministers ein Doping-System installiert, das sein Team bis heute an der Spitze des Medaillenspiegels hält. Putin sagt allerdings auch, eine WM sei nicht nur „Schauspiel und Leidenschaft“.

          Ob er an Korruption, Manipulation und Bestechung dachte, etwa an die enormen Baukosten für die mit Steuergeldern bezahlten Stadien? Natürlich nicht. Der Staatschef sprach von der Chance für „Millionen Menschen, neues Wissen über Völker zu erlangen, Freundschaften zu schließen“. Dem ARD-Reporter Seppelt, wesentlich beteiligt an der Veröffentlichung des russischen Doping-Systems, ist das nicht vergönnt. Die deutsche Regierung hat dem Journalisten von einer Reise nach Russland dringend abgeraten. Nach der Einstellung des Verfahrens gegen des Dopings verdächtige russische Fußballspieler durch die Fifa hatte Putin schon vor dem Anpfiff des ersten Spiels zweimal gewonnen. Es gibt also zwei spannende Weltmeisterschaften. Eine im Hinterzimmer und eine beim Public Viewing. Wir berichten von beiden.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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