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Beckenbauer-Kommentar : Kaiser-Reich ohne Realität

Ein klarer Fall von Realitätsverlust: Franz Beckenbauer Bild: AFP

Franz Beckenbauer tut seine Sperre als „Aprilscherz“ ab und streicht beleidigt die Reise zur WM. Dabei ist es gut, dass die Fifa-Ethiker nun Fußball-Autoritäten in Zweifel ziehen. Uefa und DFB sollten sich ein Beispiel nehmen.

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          Die Arroganz der Macht ist im Fußball weit verbreitet. In einer Branche, in die Jahr für Jahr von Medienkonzernen sowie Sponsoren Milliarden hineingepumpt werden und deren Lieblinge vom Publikum eine schon abgöttische Verehrung erfahren, sind die Risiken eines Realitätsverlustes zwangsläufig vorgegeben.

          Es war deshalb fast zu erwarten, dass Franz Beckenbauer mit süffisanter Überheblichkeit auf seinen Ausschluss als Fußballfunktionär reagierte, nachdem ihn am Freitag die Ethikkommission des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) wegen seines mangelnden Kooperationswillens bei der Aufklärung der korruptionsverdächtigen WM-Vergabe an Qatar zu einer 90 Tage dauernden Sperre verdonnert hatte. Der deutsche Fußball-Kaiser beantwortete einfach die Fragen nicht. Er tat die Sache als „Aprilscherz“ ab und strich als Ehrenpräsident des FC Bayern beleidigt seine geplante WM-Reise nach Brasilien.

          Fragebogen auch an Rummenigge

          Dabei ist es ein gutes Zeichen, dass die Fußball-Autoritäten in Zweifel gezogen werden. Die Fifa-Ermittler schickten auch dem Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge einen Fragebogen, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung herausgefunden hat, nachdem dieser in offizieller Fußballmission mit zwei „geschenkten“ Luxusuhren aus Qatar zurückgekommen und vom deutschen Zoll bei der Einreise erwischt worden war.

          Wer gegen die Vertrauenskrise im Big Business des Fußballs angehen will, kann nur mit dieser Konsequenz vorgehen. Davon hängt auch die Glaubwürdigkeit des Ethik-Reglements der Fifa und der handelnden Personen der Ethikkommission ab. Dazu gehört neben dem früheren amerikanischen Staatsanwalt Michael Garcia unter anderem auch der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert aus München, der seinen guten Ruf sicher nicht riskieren will.

          Diese Leute haben jetzt dem Fußball-Establishment in Europa ein Warnsignal gegeben. Schön wäre, wenn die Europäische Fußball-Union und der Deutsche Fußball-Bund hier auf gleicher Höhe wie die Fifa-Ethiker agieren würden. Dies ist nicht der Fall. Was Beckenbauer betrifft, ist zu klären, weshalb er just nach der Entscheidung für die WM in Russland (2018) und Qatar (2022) im Fifa-Vorstand im Dezember 2010, an der er als wahlberechtigtes Mitglied teilnahm, mit zwei zu hinterfragenden Beraterverträgen ausgestattet wurde. Der eine machte ihn zum „Sportbotschafter“ des Verbandes Russischer Gasproduzenten, der vom Fifa-Sponsor Gasprom dominiert wird.

          Der andere verband ihn zeitlich begrenzt zwischen April 2011 bis März 2014 als „Berater und Botschafter“ mit der Hamburger E.R. Capital Holding, die eine Zusammenarbeit mit einem qatarischen Investmentfonds im Schifffahrtsbereich suchte. Mögliche Interessenkonflikte zu überprüfen, gehört heute zur gängigen Praxis von Governance-Checks. Dem müssen sich auch Fußball-Ikonen stellen. Aber Beckenbauer hat damit ein Problem. Auch von den ausgebeuteten Gastarbeitern auf den Baustellen in Qatar will er ja bei seinen Besuchen nichts gesehen haben. Ein klarer Fall von Realitätsverlust.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

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