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Argentinien vor dem WM-Finale : „Wer stoppt die deutschen Panzer?“

  • -Aktualisiert am

Argentinien: ein Land in Feierlaune Bild: AP

Der Einzug ins WM-Finale verdrängt in Argentinien Alltagsprobleme. Bei aller Schadenfreude über die Niederlage von Erzfeind Brasilien schlägt die Begeisterung nun in Besorgnis um.

          3 Min.

          Es war 19.43 Uhr, als in Buenos Aires ein Jubel ausbrach, als wäre Argentiniens Fußballmannschaft schon Weltmeister geworden. Nach dem entscheidenden Elfmetertor im Semifinale strömten die Porteños zum Obelisken, dem Wahrzeichen auf der Avenida 9 de Julio, und feierten bis tief in die Nacht den Einzug ins Finale, nach 24 Jahren zum ersten Mal wieder. Auf vielen anderen Plätzen der argentinischen Hauptstadt und in der Provinz wiederholten sich die Freudenszenen. Angespannt hatten die meisten Argentinier an dem kühlen Wintertag in ihrem Heim dem Spielbeginn am Nachmittag entgegengefiebert. Die Fußballbegegnung mit Holland bei der WM im Nachbarland Brasilien war auf den Nationalfeiertag gefallen, den „9 de Julio“. Da musste niemand den Arbeitsplatz früher verlassen und nach Hause hetzen.

          Für die Feier, mit der am 9. Juli traditionell der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung gedacht wird, hatte kaum jemand etwas übrig. Der Gedenkakt in der nordwestargentinischen Stadt Tucumán, in der 1816 die Unabhängigkeit von Spanien proklamiert worden war, geriet diesmal ohnehin zu einer eher peinlichen Pflichtübung. Denn statt der Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, die eine Halsentzündung auskuriert, sprach ihr umstrittener Stellvertreter Amado Boudou, gegen den die Justiz in verschiedenen Korruptionsaffären ermittelt und in einem Fall bereits einen Prozess eröffnet hat.

          Romero in aller Munde

          Auf Geheiß Kirchners war fast das gesamte Kabinett nach Tucumán geflogen worden. An diesem 9. Juli aber überstrahlte der Fußball alles, der Festakt verlief glanzlos und kurz. Die Chartermaschine kehrte so rechtzeitig nach Buenos Aires zurück, dass die Minister und Staatssekretäre das Spiel sehen konnten. Am Mittwoch zunächst für einige Stunden, mit dem Einzug ins Endspiel am Sonntag (21 Uhr / live in der ARD und im WM-Ticker bei FAZ.NET) aber über das Wochenende hinaus lässt die WM die Korruptionsaffären und andere für die Regierung unangenehme Dinge wie die von neuem drohende Staatspleite in den Hintergrund treten.

          Blau-weißes Buenos Aires: Argentinien feiert den Finaleinzug
          Blau-weißes Buenos Aires: Argentinien feiert den Finaleinzug : Bild: AFP

          Romero, der Torwart, ist nun in aller Munde. Zwei gehaltene Elfmeter drängten den Superstar Messi vorerst an die Seite: „Macht es da etwas, dass nicht eine Prise Fußball zu erleben war? Interessiert es da noch, dass Messi seine genialen Spielzüge für ein andermal aufgehoben hat?“, hieß es in der Tageszeitung „Clarín“. „ Hat jemand etwas von Technik und Taktik bemerkt? Nein, nicht im Geringsten.“

          Schadenfreude

          Doch dann regierte „Karneval, die ganze Nacht“. Noch war ja nicht vergessen, auf welch fulminante Weise der ewige Rivale Brasilien im Nachbarland am Tag zuvor gedemütigt worden war. Das Spanische kennt zwar kein direktes Pendant zu dem deutschen Wort Schadenfreude. Aber genau das war es, was die argentinischen Fußballfans nach der 7:1-Niederlage der Seleção empfunden hatten.

          „Brasilien wird endlich einmal ordentlich für seinen Hochmut in Fußballdingen bestraft“, sagt eine Kunststudentin. Nach der ersten Trauer in Brasilien erreichen inzwischen auch verbale Giftpfeile Argentinien: „Die Deutschen haben uns den sechsten Weltmeisterschaftstitel vermiest, hoffentlich ruinieren sie nun auch Argentinien die Möglichkeit, zum dritten Mal Weltmeister zu werden“, zitiert die argentinische Presse eine brasilianische Zeitschrift.

          Effektivität des Zusammenspiels wird hervorgehoben

          Gefühlt haben 90 Prozent der Argentinier bei dem denkwürdigsten Spiel der WM zu Deutschland gehalten. Die allgemeine Bewunderung galt dem wohldurchdachten, strategisch intelligent angelegten Spiel der Deutschen, der „Maßarbeit“, dem „erbarmungslosen Beschuss“ durch die „Alemanes“, wogegen das Ehrentor der Brasilianer allenfalls „Dekoration“ gewesen sei. Besonders häufig wird die Effektivität des Zusammenspiels hervorgehoben. „Ein Tor folgte auf das andere, und eines war schöner als das andere“, das deutsche Team habe „ohne Nervosität, ohne Druck“ gespielt, als wäre es ein Heimspiel gewesen.

          Die Erinnerung an dieses 1:7 werde nie ausgelöscht werden, prophezeien argentinische Bewunderer des deutschen Sieges. Sehr bald schlug die Begeisterung für sie jedoch in Besorgnis um, weil nun ausgerechnet das so hochgelobte deutsche Team am Sonntag Gegner Argentiniens ist. „Was machen wir, um diesen deutschen Panzer aufzuhalten?“

          Für Máxima hat die Niederlage auch ihr Gutes

          Während des Spiels Argentinien gegen die Niederlande war Königin Máxima in einer ganz anderen Zwickmühle. Die Staatsräson gebot es ihr, offiziell für die „Oranjes“ zu jubeln. Sie ist zwar seit zwölf Jahren voll eingebürgerte Staatsbürgerin der Niederlande. Aber sie besitzt immer noch die argentinische Nationalität, die sie der Gesetzgebung des südamerikanischen Landes entsprechend lebenslang nicht los wird. Allerdings hat sie bisher nichts unternommen, um sie mit einer Ausnahmeregelung abzustreifen. Für Máxima hat die Niederlage der Niederlande auch ihr Gutes. Am Sonntag kann sie sich bedenkenlos auf die Seite der Argentinier schlagen.

          Die WM in Brasilien brachte Argentinien nicht nur Freude, sondern gab auch Anlass zur Trauer. Bei einem Verkehrsunfall ist in São Paulo der Sportjournalist Jorge „Topo“ López, der für eine Radiostation und Sportzeitungen berichtete, ums Leben gekommen. Er war ein enger Vertrauter von Fußballstar Messi. Sein Taxi war nachts von einem Fahrzeug gerammt worden, in dem Delinquenten vor der Polizei flüchteten. Das Taxi prallte gegen einen Pfosten. López wurde aus dem Fahrzeug geschleudert und starb am Unfallort. Die drei Insassen des anderen Fahrzeugs blieben unverletzt und wurden festgenommen.

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