https://www.faz.net/-gaq-9c0xi

Kroatien im Halbfinale : Russlands WM-Traum endet im Elfmeter-Drama

Am Biss lag es nicht: Russland scheidet im WM-Viertelfinale aus. Bild: AFP

In einem dramatische Viertelfinale rettet sich Russland mit Herz wie Mut ins Elfmeterschießen. Dort aber hat Kroatien die besseren Nerven und spielt nun gegen England um den Einzug ins Endspiel.

          Russland feierte, träumte – und verlor. Am späten Samstagabend ist die unerwartete Erfolgsgeschichte der von allen, auch von ihren eigenen Landsleuten unterschätzten russischen Fußballer bei der WM im eigenen Land durch ein 3:4 gegen Kroatien im Elfmeterschießen zu Ende gegangen. Die Führung der Heimmannschaft durch Denis Tscheryschew (31.) hatte der Hoffenheimer Andrej Kramaric ausgeglichen (39.), ehe Mario Fernandes in der Verlängerung die kroatische Führung durch Domagoj Vida (101.) ausglich (115.) und sein Team ins Elfmeterschießen rettete.

          Fussball-WM 2018
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Darin scheiterte erst der Russe Fedor Smolow, dann der Kroate Mateo Kovacic am gegnerischen Torwart, ehe Fernandes den letztlich entscheidenden Elfmeter neben das Tor setzte. Den finalen Treffer setzte wie gegen Dänemark Ivan Rakitic. „Im Sport gibt es nur einen Pokal. Und wir haben jetzt keine Chance mehr, diesen Pokal zu gewinnen“, sagte der enttäuschte russische Trainer Stanislaw Tschertschessow. „Wir haben das Land auf den Kopf gestellt, das freut uns.“ Zuvor hatte nur Argentinien 1990 bei einem WM-Turnier zwei Elfmeterschießen gewinnen können. Die Kroaten knüpfen damit an ihren bisher größten Erfolg an, das Erreichen des Halbfinals 1998 durch einen 3:0-Sieg gegen Deutschland. Am Mittwoch in Moskau bekommen sie gegen England die Chance, noch mehr zu erreichen. „In Kroatien ist die Hölle los. Die Unterstützung in der Heimat ist unglaublich. Und wir möchten noch weitermachen“, sagte Rakitic: „Das ist die WM, das ist das Größte. Wir möchten am liebsten jedes Jahr eine WM haben. Jetzt genießen wir den Erfolg in der Kabine.“

          Die Fußballbegeisterung in Russland war dank des Achtelfinalsiegs gegen Spanien explodiert. So schien die subtropische Luft im Olympiastadion von Sotschi vor Anpfiff vor Erwartung zu vibrieren. Es entlud sich in einem ersten Aufschrei, als Mittelstürmer Artjom Dsjuba zum ersten Abschluss kam, doch Dejan Lovren brachte seinen Körper zwischen den Schützen und das von mehr als vierzigtausend Menschen erhoffte Ergebnis (5.). Dann sorgte Ante Rebic mehrfach für schreckhaftes Aufstöhnen des Publikums. Mit Mühe fing Torwart Igor Akinfejeew seine scharfe Hereingabe vor Ivan Perisic ab (7.). Als Rebic von drei Mann nur mit einem Foul zu stoppen war, setzte Ivan Rakitic den Freistoß aus guter Position zu hoch an (15.).

          Die Kroaten schienen sich langsam die Spielkontrolle zu erarbeiten. Doch dann nahm Tscheryschew nach feiner Ballmitnahme im Mittelfeld Tempo auf, spielte, von links diagonal nach innen ziehend, ein Passdreieck mit Dsjuba, bog am Ende seiner Laufkurve um zwei herausrückende Verteidiger herum wieder nach links – und vollendete mit einem wunderbaren Spannschuss aus zwanzig Metern ins obere linke Kreuzeck. Auf dem Rücken liegend, ließ er die Körper der Mitspieler und die Schallwelle der Menge über sich einbrechen.

          Das 1:0 – Cheryshev knallt den Ball ins kroatische Tor. Bilderstrecke

          Die Russen, viel offensiver aufgestellt als bei der zweistündigen Abwehrschlacht mit Fünferkette gegen die Spanier, schienen plötzlich wie entfesselt. Doch die Kroaten reagierten kühl und präzise. Mandzukic hatte sich in den Rücken der auf der rechten Seite zu optimistisch pressenden Russen geschlichen, wurde freigespielt und servierte Kramaric den Ball zum 1:1 auf die Stirn.

          Die beste Chance der zweiten Halbzeit hatte der Kroate Perisic, als er nach einem Durcheinander in der russischen Abwehr den Ball so scharf aufs lange Eck schoss, dass Trainer Zlatko Dalic schon zum Jubeln abheben wollte. Doch der Schuss prallte vom linken Innenpfosten ab, lief quer vor dem Tor vor der Linie entlang und überquerte sie durch den Vorwärtsdrall erst jenseits des rechten Pfostens: kein Tor, sondern ein Abstoß ist (60.). Mit maximalem Einsatz hielten die Russen das Resultat über neunzig Minuten, kämpften sich in die Verlängerung. Die Kroaten waren sichtlich bemüht, ihrem Torwart, der mit drei gehaltenen Bällen im Elfmeterschießen gegen Dänemark den WM-Rekord des Portugiesen Ricardo von 2006 eingestellt hatte, die nerven- und muskelbelastende Zugabe zu ersparen, und das schien ihnen nach 101 Minuten zu gelingen. Eine Ecke erwischte Vida mit seinem Kopf. Und durch zwei Russen hindurch, irritiert vom Kroaten Corluka, der den Ball passieren ließ, sprang der Ball am rechten Pfosten zum 1:2 ins Netz. Die Russen rappelten sich nochmals auf, kämpften bis zum Letzten und wurden nach einer Freistoßhereingabe durch den Kopfball von Fernandes belohnt. Doch am Ende verschoss ausgerechnet er den entscheidenden Elfmeter – am Tor vorbei.

          Fussball-WM 2018

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

          Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.