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4:3 im Elfmeterschießen : Das Märchen geht weiter

Alle auf einen: Die russischen Spieler wissen ganz genau, wem sie die große Überraschung zu verdanken haben: ihrem Torhüter Igor Akinfeew. Bild: AP

Der nächste Favorit ist raus, und Russland feiert sich und seinen neuen Volkshelden: Igor Akinfeew. Der Torhüter pariert gegen Spanien zwei Strafstöße und lässt den WM-Gastgeber weiter träumen.

          Da hatten die Russen ihr „kleines Wunder“, von dem Stürmer Artem Dsjuba geträumt hatte. Das Luschniki-Stadion von Moskau, in dem die 78.000 Zuschauer schon vorher im prasselnden Regen der Verlängerung jeden gewonnenen Einwurf fast wie ein Tor gefeiert hatten, explodierte im Jubel, als Torwart Igor Akinfeew am Ende auf dem Flug ins Eck sein linkes Bein hochriss und den auf die Mitte des Tores gezielten Elfmeter von Iago Aspas parierte. Nachdem zuvor schon Koke an Akinfeew gescheitert war, bedeutete es den Erfolg des WM-Gastgebers Russland im Elfmeterschießen gegen Spanien.

          Fussball-WM 2018
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Damit ist vier Tage nach Titelverteidiger Deutschland der nächste WM-Favorit früh gescheitert – während das von allen Experten unterschätzte Heimteam dieser Weltmeisterschaft sich nach aufopferungsvollem Kampf von den erstmals entfesselt wirkenden Fans feiern ließ. Es könnte der bisher vorsichtigen Begeisterung der Russen für „ihre“ WM eine ganz neue Intensität verleihen. „Wir haben heute das Maximum herausgeholt“, sagte Trainer Stanislaw Tschertschessow, der mit seinem Wechsel zu einer defensiveren Aufstellung mit Fünfer-Abwehrkette das richtige Händchen hatte. „Wir haben zwei Jahre hart für diesen Moment gearbeitet und heute einen großartigen Job gemacht“, fügte Tschertschessow hinzu.

          Für Andres Iniesta, der Spanien 2010 zum Weltmeistertitel geschossen hatte, bedeutete der aus spanischer Sicht triste Sonntagabend das Ende seiner Karriere auf der Weltbühne des Fußballs, ehe er nach 22 Jahren beim FC Barcelona und zwölf Jahren im Nationalteam seine große Karriere in Japan ausklingen lassen wird. „Die Hauptschuldigen im Fußball sind wir Spieler. Es wäre opportunistisch zu sagen, dass der Weggang Lopeteguis der entscheidende Faktor für unser Aus war. Alles war wichtig“, sagte Iniesta, der beinahe den Abschied noch einmal vertagt hätte, doch Akinfeew parierte Iniestas Schuss in der 85. Minute glänzend.

          „Nicht ich bin der Mann des Spiels, das Team und die Fans sind es“, sagte Akinfeew. „Wir wollten ganz anders spielen, wollten angreifen. Gottseidank hatten wir Glück.“ Und einen Gegner, der sich als einer der großen WM-Favoriten schon zwei Tage vor dem Turnier selbst geschlagen hatte, als Trainer Julen Lopetegui, unter dem Spanien 20 Spiele nicht verloren hatte, den Posten hatte räumen musste – wegen des gekränkten Stolzes des Verbandspräsidenten, der dem Trainer den überraschenden Wechsel zu Real Madrid nicht verzieh.

          Unter dem als Ersatz überforderten, weil als Trainer unerfahrenen Sportdirektor Fernando Hierro verlor das eingespielte Team mehr und mehr seine Linie. 1006 Pässe zum Mitspieler hatten die Spanier in dieser optisch einseitigen Achtelfinalpartie zum Mitspieler gebracht, doch das einzig Zählbare brachte ihnen ein Ball zum Gegner, der nach zwölf Minuten zum Eigentor des Russen Sergej Ignaschewitsch führte. Das reichte nicht, weil nach 41 Minuten Dsjuba per Elfmeter nach Handspiel von Gerard Pique ausglich.

          Die Spanier hatten mit ihrem Gegner spielen wollen, die Russen aber wollten kämpfen. „Es wird wie ein Boxkampf“, hatte Mittelstürmer Dsjuba angekündigt. „Ein erfahrener Champion gegen einen jungen, wagemutigen Herausforderer. Mal sehen, wer besser ist.“ Zu Beginn war das der Favorit. Marco Asensio, von Hierro anstelle von Iniesta ins Team gekommen, brachte einen Freistoß zum Tor drehend auf Sergio Ramos, und der 38-jährige Abwehrveteran Ignaschewitsch lenkte den Ball beim etwas plumpen Versuch, den Spanier vom Tor abzuhalten, selbst mit der Wade ins Tor.

          Held von Moskau: Igor Akinfeew hält zwei Elfmeter Bilderstrecke

          Ihr sicheres Passspiel ließ die Spanier vorerst überlegen erscheinen, doch fehlten Tempo und Präzision in Tornähe, so dass etwas zunehmend Selbstgefälliges von ihrer Spielweise ausging. Bis zur Pause produzierten die Spanier aus 74 Prozent Ballbesitz lediglich drei Torschüsse. Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis die von der drucklosen Dauerdominanz des Gegners unnötig lange eingeschüchterten Russen ihre Zurückhaltung ablegten, und prompt gerieten die schon zuvor in jeder WM-Partie defensiv wackligen Spanier in Schwierigkeiten. Nach 36 Minuten verlor Ramos erstmals ein Luftduell mit Dsjuba, und aus dem halblinken Rückraum verfehlte Roman Zobnin das Tor knapp.

          Die Russen trauten sich nun was, das Publikum half – die spanische Abwehr auch. Wie im ersten Spiel gegen Portugal, als er mit einem dummen Foul an Ronaldo den Ausgleich zum 3:3 verschuldete, stellte sich Pique im Zweikampf ungeschickt an. Bei einer Ecke drehte er sich im Sprung von Dsjuba weg, warf dabei wie bei einem Volleyballblock den linken Arm hoch, gegen den der Kopfball des Russen flog. Den fälligen Elfmeter verwandelte Dsjuba und zeigte nach seinem dritten Turniertor zum dritten Mal, die gestreckte Hand zur Stirn, den militärischen Gruß.

          Es war erst der siebte (und letzte) Schuss, den Torhüter David de Gea in diesem Turnier auf sein Tor bekam – und der sechste Gegentreffer, fast alle die Folge grober individueller Fehler, darunter einer, gegen Cristiano Ronaldo im ersten Spiel, auch von de Gea selbst. Diesmal konnte man ihm nichts vorwerfen – die Russen brachten nur Elfmeter auf sein Tor, einen in der regulären Spielzeit, vier im Elfmeterschießen. Zwei Mal kam de Gea fast heran, gegen Smolow und Golowin, aber im Endeffekt blieb dem Weltklassekeeper von Manchester United die vielleicht frustrierendste Bilanz, die je ein Torwart bei einer WM hatte: inklusive Elfmeterschießen bekam er elf Bälle auf sein Tor und konnte einen einzigen halten – im ganzen Turnier.

          Ganz anders sah die Welt auf der anderen Seite des Platzes aus, mit dem Blick von Akinfeew, vor dessen Tor sich fast die ganze Partie abgespielt hatte. Mit müden Beinen retteten sich die Russen dank der müden Köpfe der Spanier in die Verlängerung, in der Akinfejew zum russischen Helden des Tages wurde, als er Rodrigos Schuss aus spitzem Winkel hielt (108.) – ehe er sich im Elfmeterschießen einen Heldenstatus sicherte, der diese WM überdauern dürfte.

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