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5:1 gegen Spanien : Die Niederlande entzaubern Tiki-Taka

Holländische Windmühlen zermahlen stolze Spanier: Robben und Sneijder bilden den Gegenentwurf zu Casillas Bild: AP

Im Duell zwischen Weltmeister und WM-Zweitem geht Spanien sensationell mit 1:5 gegen die Niederlande unter. Van Persie und Robben überragen, Casillas ist der Torwart von der traurigen Gestalt.

          Ist es das Ende der spanischen Ära? Am Freitagabend in der brodelnden Arena von Salvador jedenfalls ist die „Furia roja“, diesmal in weiß spielend, in einem furiosen Sturmlauf von Oranje, diesmal in blau, untergegangen. 5:1 gewannen die zuvor nicht sehr hoch eingeschätzten Niederländer gegen den Favoriten, ein Triumph für das taktische Geschick von Trainer Louis van Gaal. Die Spanier waren durch einen fragwürdigen Foul-Elfmeter von Xabi Alonso in Führung gegangen (27.), ehe Robin van Persie (44.) und Arjen Robben (53.) die Partie drehten. Verteidiger Stefan de Vrij erhöhte auf 3:1 (62.), ehe van Persie (72.) und Robben (80.) mit ihrem jeweils zweiten Treffer den Endstand besorgten.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Fünf Tore gegen den immer noch aktuellen Weltmeister und gegen die beste Abwehr Europas, das hätte vor der Partie kaum jemand für möglich gehalten – ehe die entfesselten Holländer ihnen mehr Tore einschenkten, als die Spanier bei der ganzen letzten WM kassiert hatten.

          Die Neuauflage des vergangenen WM-Finals hatte mit nahezu derselben Szene begonnen, die Robben seit vier Jahren „nicht aus dem Kopf geht“, jene große Siegchance, die er 2010 nach Traumpass von Wesley Sneijder frei vor Torwart Iker Casillas vergab.

          Vertauschte Rollen

          Nun dieselbe Szene, nur mit vertauschten Rollen: Diesmal schickte Robben Sneijder, der nach acht Minuten frei auf Casillas zulaufen konnte, doch dann am lange wartenden Torwart scheiterte. Auch Nigel de Jong bot ein kleines Deja-vu von 2010, als er einem Spanier den Ellbogen in die Brust schlug. Das war allerdings deutlich harmloser als die offene Sohle, die er damals Xabi Alonso knapp unter die Kehle gerammt hatte, jenes infame Foul, das dem letzten WM-Finale einen unschönen, mitunter gemeingefährlichen Charakter gab.

          Bei der Neuauflage ging es deutlich friedlicher zu. Dafür mit einem interessanten Duell unterschiedlicher taktischer Ideen. Die Spanier kamen zunächst nicht zurecht mit der kompakten Fünfer-Abwehrreihe, auf die „Bondscoach“ Louis van Gaal gesetzt hatte. Der Favorit fand gegen die Oranje-Defensive kaum Raum für gefährliche Pässe. Dann aber gelang David Silva ein feines Diagonal-Durchspiel auf den neuen spanischen Mittelstürmer Diego Costa. Der gebürtige Brasilianer, der von seinen früheren Landsleuten bei jedem Ballkontakt ausgebuht wurde, täuschte Verteidiger de Vrij mit einer Schussfinte, drehte nach innen und kam zu Fall, als er, ob freiwillig oder nicht, auf den ausgestreckten Fuß des Niederländers trat. Foul oder Vortäuschung falscher Tatsachen? Der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli jedenfalls entschied auf Elfmeter, die Alonso zur Führung nutzte.

          Die Holländer zeigten sich unbeeindruckt, zweimal verpasste van Persie, sie hatten dann Glück, als Andrés Iniesta aus einem Tempo-Dribbling ein brillanter Steilpass auf Silva gelang – der kleine Spielmacher von Manchester City versuchte Torwart Jasper Cillessen zu überlupfen, doch der reagierte prächtig. Kurz vor der Pause der verdiente Ausgleich nach einem Vierzig-Meter-Diagonalpass von Linksverteidiger Daley Blind in den Strafraum, wo van Persie den Ball aus 14 Metern per Flugkopfball über Casillas zum 1:1 verlängerte. Der Bauchlandung des Torjägers folgte ein 50-Meter-Spurt zu Trainer van Gaal, der ihn mit der Rechten abklatschte. Mit diesem Tor war die Chance für Casillas dahin, den Rekord des Italieners Walter Zenga aus dem Jahr 1990, 517 WM-Spielminuten ohne Gegentor, zu übertreffen. Er hätte dafür sein Tor weitere vierzig Minuten sauber halten müssen. Es folgten aber die vielleicht vierzig schlimmsten Minuten seiner Karriere.

          Man spürte, dass die Holländer nun die größere Frische und Energie hatten. Es waren nicht die langen spanischen Kurzpass-Stafetten, die zum Torerfolg führten, sondern die langen, präzisen Zuspiele und rasanten Konter der Holländer. Wieder war es Blind, der die Torvorlage gab. Seine Flanke erreichte Robben, der den Ball im Strafraum herunterpflückte, mit einem Haken Gerard Pique ins Leere schickte und aus acht Metern zur Führung traf. Neun Minuten später hätte van Persie mit einem Diagonalschuss an die Latte um ein Haar bereits das 3:1 erzielt, das dann Verteidiger de Vrij nach einer Freistoßflanke aus kurzer Entfernung gelang, ein allerdings irreguläres Tor, denn Casillas war im Fünfmeterraum von van Persie gerempelt worden – bereits die fünfte gravierende Fehlentscheidung im erst dritten WM-Spiel nach dem unberechtigten Elfmeter für Brasilien und den beiden nicht anerkannten Toren von Mexiko.

          Dann versprang Casillas der Ball, van Persie stahl ihn und spitzelte ihn ins leere Tor. Und Robben nahm einen Sechzig-Meter-Pass auf, umkurvte die halbe Abwehr und traf zum 5:1. Am Ende wurde es eine Demütigung für den Weltmeister – und eine Riesenparty in Orange.

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