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Frankreich – Australien 2:1 : Ein Biss in einen sauren Apfel

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Mile Jedinak, Robbie Kruse und Trent Sainsbury (von links) diskutieren mit dem Schiedsrichter über dessen Entscheidungen im Spiel gegen Frankreich. Bild: dpa

Zum ersten Mal beim Turnier in Russland kommt der Videoassistent zum Einsatz. Die tapferen Socceroos hadern nach dem technischen Schauspiel und einer denkbar knappen Niederlage.

          Die Australier kamen sich vor wie ein Boxer nach einem Technischen K.o. im Ring. Besiegt durch die technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts und doch zweifelnd an der Richtigkeit zumindest einer Entscheidung. Die nicht mehr ganz neuen High-Tech-Möglichkeiten, die der Fußball auf der Suche nach finalen Entscheidungen in Anspruch nehmen kann, entschieden das erste Spiel der Gruppe C bei der Weltmeisterschaft in Russland. Zugunsten des hohen Favoriten, den der Außenseiter vom fünften Kontinent über weite Strecken der Partie ins Taumeln gebracht hatte. Am Ende aber gewann Frankreich am Samstagnachmittag mit Hilfe des Videoassistenten und der Torlinientechnologie 2:1 gegen die tapferen Australier, die einem der WM-Titelanwärter mutig, selbstbewusst und damit ebenbürtig begegnet waren.

          Fussball-WM 2018

          Was bis zum torlosen Unentschieden bei Halbzeit nach einem zähen Ringen ohne Glanz und Gloria ausgeschaut hatte, wurde danach zum technischen Schauspiel, dem Bert van Marwijk, der Trainer des Verlierers, gleichwohl misstraut. Er glaubte wie zunächst auch der uruguayische Schiedsrichter Andres Cunha kein Foul in der 54. Minute gesehen zu haben. Der aber revidierte seine Entscheidung, das Spiel nach der vermeintlichen Rettungstat des Australiers Risdon gegen den aufs Tor zustürmenden Griezmann weiterlaufen zu lassen.

          Was folgte, war eine Kontaktaufnahme aus dem Moskauer Videoassistentenzentrum. Dort hatte der Argentinier Mauro Vigliano ein Foulspiel des Australiers gesehen, und er hatte Recht, wie die Fernsehbilder in Slow Motion bewiesen. Also zeigte Cunha nach Ansicht der Fernsehbilder in der 58. Minute, drei Minuten nach der strittigen Szene, auf den Punkt. Es war der erste „Videobeweis“ in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften und damit auch ein historischer Moment.

          Eine Chance, die sich der bis dahin unscheinbare Griezmann, der dennoch zum Man of the Match gekürt wurde, nicht entgehen ließ. Doch die Australier ließen sich vom ersten Wirkungstreffer nicht zu Boden zwingen, glichen ihrerseits per Strafstoß aus, nachdem Umtiti (61.) einen Freistoß des Australiers Mooy mit der rechten Hand abgewehrt hatte. Eine Entscheidung, die Cunha konventionell, also nach eigenem Ermessen, richtig traf. Pogbas Tor zum 2:1 (81.) für Frankreich hatte zunächst mit Glück zu tun, weil er einen fast schon verlorenen Ball noch mit der Fußspitze erwischen und aufs Tor weiterleiten konnte. Dort prallte er gegen die Unterkante der Latte und sprang knapp hinter der Torlinie auf – ein Bild, das so nur die unfehlbare Torlinientechnologie liefern konnte. Was blieb, war ein erleichterter Sieger, der so ziemlich alles falsch gemacht hatte, was die Franzosen an diesem Samstag falsch machen konnten, und ein ziemlich enttäuschter Verlierer, der nicht nur in van Marwijks Augen „ein Unentschieden verdient gehabt hätte“.

          Frankreichs Trainer Didier Deschamps zählte hinterher eine lange Liste der Versäumnisse auf, als er über sein Team und dessen Fehler sprach. Kein Tempo im Spiel, keine stimmige Koordination zwischen den Mannschaftsteilen, keine Aggressivität gegenüber den wohlorganisierten Australiern, die so immer wieder Räume für ihr robustes Kampfspiel fanden. „Es war zu wenig Fluss im Spiel“, monierte der Weltmeister von 1998 und rief seine Spieler dazu auf, es beim nächsten Mal gegen Peru besser zu machen. Nicht nur van Marwijk hatte am Samstag eine Equipe de France gesehen, „die über weite Strecken der Partie nicht mehr wusste, was sie tun sollte“.

          Lustvoll wie in einen leckeren Apfel sollte sich eine der weltweit talentiertesten Mannschaften in diese WM reinbeißen, hatte Deschamps vor dem Auftaktspiel gegen die Socceroos gefordert. Wie die jüngste französische Startelf seit der WM 1930 dann aber auftrat, mutete eher altbacken und wie der Biss in einen sauren Apfel an. Was laut Deschamps so „fokussiert und entspannt wie möglich“ daherkommen sollte, sah von Beginn an unkonzentriert und verspannt aus.

          Ein neues Bild bei dieser WM: Erstmals muss der Videoassistent entscheidend eingreifen. Bilderstrecke

          Gegen die in jeder Szene bissigen, robusten und aggressiven Australier konnten sich Les Bleus nur ausnahmsweise durchsetzen. Sonst aber liefen sich die jungen Helden in spe wie Kylian Mbappé und Ousmane Dembélé immer wieder in den zwei Viererverteidigungslinien der Australier fest. Die vom Haudegen van Marwijk zu Courage und Selbstbewusstsein angehaltenen Australier aber befolgten das von ihrem Fußballlehrer ausgegebene Motto, „ihr müsst euch nur selbst treu bleiben“. Das taten sie mit Härte und Hingabe. Mit etwas Glück hätte Australien zur Pause sogar führen können, als der im Ligaalltag für Bayern München spielende Corentin Tolisso einen Freistoß von Mooy ungewollt so verlängerte, dass Torhüter Lloris mit einer Glanzparade das Ärgste verhindern musste.

          Richtig munter wurde die WM-Premiere von Kasan aber erst nach der Pause, als die Helfer aus Moskau und oben im Tor in das Spiel eingriffen. Am Ende erreichte Frankreich einen Erfolg, der so im zwanzigsten Jahrhundert noch nicht möglich gewesen wäre. Angesprochen auf den Videoassistenten, sagte der frühere Bundesligatrainer von Borussia Dortmund und des Hamburger SV grimmig, „das war erst der Anfang, wir müssen noch viel über das System lernen“. Der Tag für Australien war indes gelaufen, und van Marwijk gab sich geschlagen. „Ändern kann ich es auch nicht mehr“, sagte er über die Umstände der unglücklichen Niederlage und ging, mit sich und der neuen Welt des Fußballs im Unreinen.

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