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Brasiliens 1:1 gegen Schweiz : Der nächste Favorit findet seinen Spielverderber

  • -Aktualisiert am

Zerknirscht: Neymar und Brasilien kommen gegen die Schweiz nicht zurecht Bild: Reuters

Brasilien verpasst erstmals seit 1978 einen Sieg im Auftaktspiel einer Fußball-WM: Die Schweiz lässt sich von einem Rückstand nicht schocken und hält dem Drängen des Rekord-Weltmeisters stand.

          Es hatte so gut begonnen, aber am Ende erging es dem fünfmaligen Weltmeister so wie vielen anderen Favoriten bei dieser WM. Brasilien hat die gute Form aus der Vorbereitung nur zum Teil in das Auftaktspiel gegen die Schweiz retten können und musste sich am Sonntag vor gut 45000 Zuschauern in der Arena von Rostow mit einen 1:1 zufrieden geben. Eine knappe halbe Stunde lang hatten die Südamerikaner gezaubert und waren durch Coutinho hochverdient in Führung gegangen. Sie waren dabei, sich für das Ende der vergangenen Weltmeisterschaft zuhause in Brasilien ein wenig zu rehabilitieren. Aber dann glichen die Schweizer durch den Hoffenheimer Steven Zuber (50.) überraschend aus und der Favorit knickte ein. Erst in der Schlussphase eröffneten sich den Brasilianern wieder einige Chancen, die sie jedoch nicht zu nutzen verstanden. „So ist eine WM. Auftaktspiele sind immer schwierig, leider haben wir den Sieg nicht eingefahren. Jetzt müssen wir uns auf die nächsten beiden Spiele konzentrieren“, sagte der brasilianische Torschütze Coutinho im ZDF.

          Wieder ruhten die Hoffnungen der Brasilianer auf Neymar, der nach auskurierter Fußverletzung zwar noch nicht hundertprozentig fit ist, wie Nationaltrainer Tite vor der Partie verkündet hatte, „aber sich physisch in sehr guter Verfassung befindet“.

          Fussball-WM 2018

          Anders als vor vier Jahren weiß sich der fünffache Weltmeister jedoch auch ohne seinen wichtigsten Spieler zu helfen. Die Mannschaft funktioniert nicht nur im Kollektiv und hat das schöne Spiel wiederentdeckt, seit Trainer Tite 2016 den glücklosen Dunga abgelöst hat, sondern sie präsentiert sich auch defensiv sehr stabil. In den 21 Partien unter Tite bis zu dieser Weltmeisterschaft mussten sie nur eine Niederlage und insgesamt nur fünf Gegentore hinnehmen.

          Aber schon in den ersten Minuten gegen die Schweiz zeigte die Selecao, dass sie sich am wohlsten fühlt, wenn sie angreifen und das Spiel gestalten kann. Nach einer ersten nicht ungefährlichen Offensivaktion der Schweizer, als Blerim Dzemaili den Ball nach einer Flanke von Xherdan Shaqiri in der vierten Minute über das Tor schoss, bestimmten die Südamerikaner das Geschehen. Mit hohem Tempo und feiner Ballbehandlung bestürmten sie das Tor des Mönchengladbacher Torwarts Yann Sommer.

          Schweizer engen Neymar ein

          Bis zur 20. Minute konnten die Schweizer, die ebenfalls nur ein Spiel seit der EM 2016 verloren haben, größeres Unheil vermeiden. Auch weil sie mit mehreren Spielern versuchten, den Bewegungsradius von Neymar einzuschränken, notfalls mit unfairen Mitteln, weil eben auch ein nicht ganz fitter Neymar kaum ganz auszuschalten ist. Es war sein erstes WM-Spiel seit seiner schweren Rückenverletzung im Viertelfinale 2014, ohne ihn war Brasilien damals ein paar Tage später ausgeschieden – und dieses historische 1:7 gegen Deutschland ist bis heute in der Mannschaft präsent, Tite hat es einmal als „Gespenst“ bezeichnet, das psychologisch eine sehr große Bedeutung habe. Weder der Sieg im Olympia-Finale noch der beim Testspiel Ende März in Berlin haben daran etwas geändert. Nur der Titelgewinn in Russland könnte größtmögliche Linderung verschaffen.

          Aber zunächst einmal mussten die unangenehmen Schweizer überzeugend besiegt werden. Als Coutinho mit einem strammen Schuss aus halblinker Position das erste Tor für die Brasilianer bei dieser WM erzielte (20.), entluden sich die Emotionen der Spieler. So eine Freude verspüren andere Mannschaften wahrscheinlich nur, wenn sie unverhofft das Achtelfinale erreichen – oder wie Mexiko den Weltmeister im Auftaktspiel besiegen. Es war noch mehr als eine Stunde zu spielen, aber Brasilien fand wohl plötzlich, dass es erst einmal genug hohe Fußballkunst präsentiert hatte. Die Spieler nahmen das Tempo aus dem Spiel, reduzierten den Druck auf die Abwehr des Gegners und überließen so die Initiative den Schweizern, denen allerdings die Verve der Brasilianer fehlte. Ihre Angriffe waren zwar bemüht, wirkten jedoch sehr bieder.

          Brasilianer können Schalter nicht mehr umlegen

          Aber die Schweizer darf man nie abschreiben. Sie haben sich zu so etwas wie Spezialisten für Auftaktspiele entwickelt. Bei den vergangenen vier WM-Teilnahmen gab es keine Niederlage in der ersten Partie, 2010 und 2014 gewannen sogar. Torwart Sommer gab sich deshalb vor Anpfiff sehr optimistisch, dass „es auch für Brasilien schwierig werden“ könne. Und tatsächlich bereiteten die Eidgenossen dem Favoriten große Schwierigkeiten. Kurz nach dem Seitenwechsel erzielte Bundesligaprofi Zuber überraschend den Ausgleich, nach einer Ecke von Shaqiri köpfte er den Ball an Alisson vorbei ins Tor (50.).

          Die Führung für Brasilien: Philippe Coutinho trifft per Distanzschuss Bilderstrecke

          Nun musste Brasilien seine Taktik, sich auf Konter zu beschränken, wieder aufgeben. Aber manchmal ist es nicht so einfach, den berühmten Schalter wieder umzulegen. Coutinho, Fernandinho, Firmino und immer wieder Neymar, der nicht nur wegen seiner neuen Frisur auffiel, versuchten mit ihren mehr oder weniger gefährlichen Abschlüssen, das Spiel, das so gut begonnen hatte, auch erfolgreich zu Ende zu bringen – aber vergeblich. Die Schweizer erwiesen sich mit Glück und harter Arbeit als Spielverderber.  „Wir haben es wirklich gut gemacht. Generell ließen uns die Brasilianer nicht viel Zeit zum Durchschnaufen. Die Reife einer Mannschaft zeigt sich aber auch darin, dass eine Mannschaft das wegstecken kann und diese kritische Phase überwindet“, sagte der Schweizer Schlussmann Sommer.

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