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5:0 für Russland : Ganz nach Putins Geschmack

Denis Tscherischew: der Torschütze zum 2:0 und 4:0 für Russland beim Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien. Bild: AFP

Im Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft hat die Sbornaja keine Probleme mit Saudi-Arabien. Vor den Augen Wladimir Putins gelingt Russland der höchste Auftaktsieg der WM-Historie. Ein Gradmesser war der Gegner nicht.

          Es wurde ein WM-Auftakt nach dem Geschmack des russischen Machthabers. „Die Liebe zum Fußball verbindet uns alle zu einer Mannschaft“, sagte Wladimir Putin bei der Eröffnungsfeier am Donnerstag im Moskauer Luschniki-Stadion, nachdem zuvor der britische Popstar Robbie Williams, unterstützt von der russischen Sopranistin Aida Garifullina, den Showteil mit vier seiner größten Hits bestritten und am Ende einen Mittelfinger in eine Kamera gehalten hatte – wem die Geste galt, machte Williams nicht ersichtlich.

          Fussball-WM 2018
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In seiner Ansprache pries der Staatspräsident dann die Liebe der Russen zum Fußball und die verbindende Kraft des Sports. „Wir alle sind vereint in der Liebe zum Fußball. Hier gibt es keine Unterschiede in der Sprache und im Glauben“, sagte er. „Das ist die Kraft des Fußballs. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Kraft für die nächsten Generationen zu bewahren.“ Abschließend wünschte er „allen Mannschaften Erfolg“.

          Vor allem natürlich, unausgesprochen, der eigenen Mannschaft, die im eigentlichen Hauptteil der Veranstaltung dann die Sorge vor einer Heimblamage mit einem kraftvollen und am Ende sogar kunstvollen Auftritt vertrieb. In der Gesellschaft des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman und eines Dutzends anderer Staatsgäste, darunter keine hochrangigen Politiker aus dem Westen, sah Putin einen 5:0-Sieg seiner Mannschaft gegen Saudi-Arabien durch Tore von Juri Gazinsky (12. Minute), Denis Tscherischew (43./90+1.), Artem Dzyuba (71.) und Aleksandr Golovin (90+3). Damit stehen die Chancen gut, dass Russland zum ersten Mal seit dem Zerfall der Sowjetunion eine WM-Vorrunde überstehen könnte.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Schon der Spielball hatte als Symbol dafür gedient, dass die Russen diesmal hoch hinauswollen. Zwei Monate lang hatte er an Bord der Internationalen Raumstation ISS rund 400 Kilometer hoch um die Erde gekreist, ehe er von einem Astronauten wieder auf die Erde und schließlich vom früheren brasilianischen WM-Torschützenkönig Ronaldo aufs Spielfeld gebrachte wurde. Doch der Ball aus dem All hatte es im Spiel der beiden in der Weltrangliste am schlechtesten eingestuften WM-Teams (Russland auf Platz 70, Saudi-Arabien auf 67) zunächst nicht einfach, einige jener Momente scheinbarer Schwerelosigkeit zu erzeugen, für die man Fußball liebt.

          In einer von Kampf und manchmal auch Krampf bestimmten Auftaktphase waren es vor allem Wucht und Wille der Russen, die gegen die etwas zu verspielten Saudis den Ausschlag gaben. Nach einer zunächst abgewehrten Ecke kam Alexander Golovin von der linken Seite zum Flanken mit dem rechten Fuß, der Ball drehte sich zum hinteren Pfosten, wo sich Gazinsky im Kopfballduell behaupten konnte und das erste Tor der 21. Fußball-Weltmeisterschaft erzielte. Beinahe hätte Fedor Smolow nur drei Minuten später erhöht, doch wurde sein Schuss im letzten Moment abgelenkt, worauf Torwart Abdullah Al-Mayouf den abgefälschten Ball mit Mühe zur Ecke abwehren konnte.

          Bei einem Konter verletzte sich dann Spielmacher Alan Dzagojew ohne Einwirkung eines Gegners, und dieser Verlust schien das Team des Gastgebers, dessen letzter Sieg mehr als ein halbes Jahr zurücklag, etwas zu verunsichern. Doch der Wechsel erwies sich als glückliche Fügung. Der hereingekommene Tscherischew verpasste zwar zwei halbe Gelegenheiten, doch zwei Minuten vor der Pause ließ er mit etwas Fortune nach einem eigentlich zu schwachen Zuspiel zwei Verteidiger aussteigen und hämmerte den Ball im kurzen Eck hoch unter die Latte.

          Die Offensivbemühungen der noch bei der 1:2-Niederlage im letzten Testspiel gegen Deutschland überraschend angriffslustigen Saudis waren vor der Pause kaum der Rede wert, sieht man von einer gefährlichen Hereingabe ab, die Verteidiger Kutepow knapp vor Al Sahlawi abwehrte (21.). Nach Wiederanpfiff nahmen sie etwas zu, ohne jedoch wirkliche Torgefahr zu produzieren.

          Von Beginn an gingen beiden Mannschaften engagiert zur Sache. Bilderstrecke

          Letzte Zweifel am Auftaktsieg beseitigte Trainer Stanislaw Tschertschessow dann mit seiner zweiten Glückseinwechslung, als er nach 70 Minuten Smolow im Sturmzentrum durch Dzyuba ersetzte. Nach Flanke von Roman Zubnin köpfte Dzyuba mit seiner ersten Ballberührung zum 3:0 ein. In der Nachspielzeit setzte Tscherischew mit seinem zweiten Treffer dem Sieg ein Sahnehäubchen auf. Mit einem brillanten Schlenzer mit dem linken Außenrist in den Torwinkel ließ er den Fußball ganz am Ende doch einmal wie eine schwerelose Kunst aussehen – ehe Golovin mit einem feinen Freistoß den Endstand besorgte und dem zufriedenen Staatschef den höchsten Sieg in einem Eröffnungsspiel in der WM-Geschichte servierte.

          „Der Präsident hat mir seinen Dank ausgedrückt. Wir sollen so weiterspielen und ich soll dem Team Glückwünsche ausrichten“, berichtete Tschertschessow, nachdem ihn Putins Anruf mitten in der Pressekonferenz erreicht hatte. „Wir haben nur drei Punkte geholt“, fügte er jedoch zurückhaltend an. „Ich erinnere an den Confederations Cup. Dort haben wir das erste Spiel gewonnen, aber es hat uns nicht weit gebracht“. Auch Saudi-Arabiens Trainer Juan Antonio Pizzi stellte fest: „Wir haben nicht verloren, weil sie so gut, sondern weil wir so schlecht waren.“

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