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4:3 gegen Kolumbien : England gewinnt im Elfmeterschießen. No kidding!

Englands Spieler jubeln mit ihrem Torhüter Jordan Pickford (grünes Trikot) nach dem im Elfmeterschießen gewonnenen Achtelfinale gegen Kolumbien. Bild: EPA

Auch im letzten Achtelfinale fällt die Entscheidung erst nach der Verlängerung. England besiegt dabei Kolumbien und einen jahrzehntealten Fluch. Im Viertelfinale wartet nun Schweden.

          Als die 120 Minuten vorbei waren, bekam Gareth Southgate einen Zettel zugesteckt. Sollte darauf die erhoffte Lösung für das große englische Elfmeter-Dilemma zu finden sein? Southgate, der heutige Nationaltrainer, hatte es selbst erlebt, als Fehlschütze im EM-Halbfinale gegen Deutschland 1996. Danach hatte England jedes weitere seiner vier Shoot-Out-Duelle vom Punkt verloren. Am Dienstag war es Zeit für den nächsten Showdown der ungeliebten und geradezu unheimlichen Art. Und diesmal kam es tatsächlich anders. Am Ende hieß der Sieger in diesem WM-Achtelfinale England, obwohl Kolumbien schon im Vorteil war, nachdem Henderson mit dem dritten englischen Elfmeter an Torwart Ospina gescheitert war. Doch danach traf Uribe nur die Latte, Torwart Pickford parierte gegen Bacca, und zuletzt schoss Dier zum 4:3 ein und England ins große Glück.

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          „Ich bin froh, dass ich der Mannschaft als Torwart so helfen konnte. Das ist unglaublich, aber wir haben verdient gewonnen“, sagte Keeper Pickford. Siegtorschütze Dier meinte erleichtert: „Ich fühle mich wirklich klasse. Das letzte Tor zu machen, war wunderbar. Das ist fantastisch, ein großartiger Augenblick.“

          Zwölf Jahre, eine lange Zeit. Im Jahr 2006 hatten die Engländer es bislang zum letzten Mal geschafft, ein K.-o.-Spiel bei einem großen Turnier zu gewinnen, damals bei der WM in Deutschland, 1:0 gegen Ecuador. An diesem Abend aber wussten die derart entwöhnten „Three Lions“ wieder, wie sich so etwas anfühlt. Sie hatten sich schon vorher fast am Ziel gewähnt nach einem von Harry Kane verwandelten Foulelfmeter, dem bereits sechsten Turniertor des Angreifers (57. Minute). Doch in der dritten der auf fünf Minuten ausgelegten Nachspielzeit traf Yerry Mina noch zum 1:1.

          Es war ein hartes Stück Fußballarbeit in einem Spiel voller Nickligkeiten und Provokationen. Ständig wurde debattiert, immer mal wieder ging auch jemand zu Boden und wand sich, oft mit, manchmal aber auch ohne einsichtigen Grund – diese beiden Teams waren sich in aufrichtiger Abneigung verbunden. So wurde aus diesem mit Klauen und Zähnen geführten Spiel in der Moskauer Spartak-Arena auch noch ein echter Thriller. Lange Zeit war es ein englischer Auftritt mit Herz und Verstand, aber auch mit einer spielerischen Organisation und Balance, wie man das noch nicht so lange wieder kennt von den „Three Lions“. Zum Schluss mussten sie zittern. Im Viertelfinale geht es am Samstag in Samara gegen Schweden, und so wäre es nach diesem überwundenen Trauma erst recht kein Wunder, wenn auf der Insel jetzt weiter schöne Träume blühten.

          Atmosphärisch gaben in der Spartak-Arena die Kolumbianer zumeist den Ton an – der englische Anhang hat sich mit Reisen nach Russland zurückgehalten. Auf dem Platz hingegen sah das zunächst anders aus. Da dominierte Southgates Team. Ausgeruht waren sie, das wahre neue England hatte man ja eine ganze Weile nicht mehr gesehen in diesem Turnier. Zum letzten Gruppenspiel gegen Belgien hatte Southgate kräftig durchgewechselt – und nun, mit neun Änderungen, wieder zurück. Seine Mannschaft bot zwar gut strukturierten, zielstrebigen Fußball, aber Kolumbien verteidigte diszipliniert und energisch – das allerdings häufig auf Kosten von Eckbällen oder Freistößen nahe dem Strafraum. Zu drei guten Chancen kamen die Engländer auf diesem Weg. Doch Henderson (6.), Maguire (27.) und Trippier (42.) konnten sie nicht nutzen.

          Bei Kolumbien war die große Frage, ob James Rodriguez würde mitspielen können. Er konnte nicht. Eine Wadenverletzung aus dem letzten Gruppenspiel gegen Senegal erlaubte dem Mann vom FC Bayern nicht einmal einen Platz auf der Bank – das war ein schwerer Schlag für die Kolumbianer, auch wenn Trainer José Pekerman dennoch Zuversicht verbreitete und auf die mannschaftliche Stärke verwies. In der Praxis aber brachte sein Team das englische Tor in 45 Minuten nicht einmal ernsthaft in Gefahr.

          Englands Torhüter Jordan Pickford hielt den Elfmeter von Kolumbiens Carlos Bacca. Bilderstrecke

          Diskutiert, geschimpft und gerangelt wurde auch vor der Pause schon reichlich. Danach ging es mit zünftigen Spezialitäten weiter. Arias rammte Kane zu Boden, und kurz darauf war es Carlos Sanchez, der im Strafraum zu energisch gegen den englischen Angreifer zu Werke ging. Der Strafstoß war vertretbar. Bis er ausgeführt werden konnte, dauerte es eine halbe Ewigkeit, davon aber ließ Kane sich nicht beirren, sein Schuss, hart und mittig, fand ins Ziel. Eine gute halbe Stunde blieb den Kolumbianern noch. Sie versuchten, was in ihrer Macht stand, und das war plötzlich eine ganze Menge. Im Angesicht der drohenden Niederlage entwickelten sie ungeahnte Widerstandskräfte. In der dritten Minute der Nachspielzeit wehrte Torwart Pickford einen Schuss von Uribe noch spektakulär ab. Doch der folgende Eckball brachte den Ausgleich. Trippier versuchte auf der Linie zwar noch, Minas Kopfball abzuwehren, schaffte das aber nicht mehr.

          Kane gab das Signal, Ruhe zu bewahren. Doch davon konnte nun keine Rede mehr sein in der immer hitzigeren Atmosphäre. In der ersten Hälfte der Verlängerung drängte Kolumbien weiter Richtung englisches Tor. In der zweiten Hälfte schnupperte dann wieder England am Sieg, ein Schuss von Rose zischte nach 112 Minuten nur knapp neben das Tor. Am Elfmeterschießen führte kein Weg mehr vorbei. Für England war es diesmal der ins Achtelfinale.

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