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2:1-Sieg im Dschungelduell : Clevere Italiener lassen England verzweifeln

Der italienische Stürmer Mario Balotelli bejubelt den Sieg seiner Mannschaft Bild: REUTERS

Italien präsentiert sich als die intelligentere Mannschaft und gewinnt die Hitzeschlacht von Manaus. Der Gegner aus England zeigt zwar viel Herzblut, war aber zu unpräzise – und hat einen Verletzten zu beklagen: Der Physiotherapeut knickt böse um.

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          Der italienische Trainer Cesare Prandelli machte einen erleichterten Eindruck nach dem geglückten WM-Auftakt seiner Mannschaft beim „Rumble in the Jungle“. Nicht nur, weil sein Team in der Hitzeschlacht von Manaus am Ende mit 2:1 die Oberhand behielt, sondern auch deshalb, weil er England als ausgesprochen gefährlichen Gegner wahrgenommen hatte. „Sie spielen sehr stark. Sie haben vier, fünf Spieler in der Offensive, die ungeheuer schnell sprinten können. Wir mussten richtig gut sein“, sagte er nach dem Sieg. Die Treffer der Italiener hatten Claudio Marchisio (35. Minute) und Mario Balotelli (50.) erzielt, für die Engländer traf Daniel Sturridge (37.).

          Tor in der 35. Minute: Claudio Marchisio feiert seinen Treffer für Italien Bilderstrecke
          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Innerlich aufgeheizt muss Prandelli trotzdem noch von der schweißtreibenden WM-Aktivität mitten im Regenwald gewesen sein, dass er sozusagen zum Abschied aus Manaus einen Seitenhieb an die WM-Organisatoren vom Internationalen Fußball-Verband verteilte. Es geht ihm gegen den Strich, dass bei solch fordernden klimatischen Bedingungen den Hauptakteuren auf dem Platz nicht auf dem offiziellen Weg mehr Zeit für Trinkpausen gegeben wird. „Das ist doch absurd. Wir sollen hier Unterhaltung bieten, auf höchstem Niveau – dann müssen sich die Spieler auch kurz erholen können.“

          Italien zeigt Finesse und taktische Disziplin

          Allerdings war es nicht die Geschichte des Abends, ging der holländische Schiedsrichter Bjorn Kuipers doch sowieso sehr verständnisvoll mit der Problematik um. Vielmehr zeigten die Italiener in einem hochklassigen Spiel wieder ihre Fähigkeit, sich mit Finesse und taktischer Disziplin gegen einen Gegner durchzusetzen, dessen ungeheure Dynamik sie doch vor ziemliche Schwierigkeiten stellte. „Heute haben wir ein mutiges Italien gesehen“, fand Kapitän Andrea Pirlo. Der 35 Jahre alte italienische Spielmacher, dessen wilder Bart immer länger wird, fädelte die Führung für seine Mannschaft ein. Den Ball nach einer Ecke von Marco Verratti ins Zentrum ließ er einfach durch die Beine weiterrollen, womit hinter ihm vor dem Strafraum plötzlich Claudio Marchisio freie Bahn zum Schießen hatte. Der englische Torwart Joe Hart war chancenlos.

          Wenn auch nicht so explosiv wie die Engländer, aber über das Mittelfeld-Dreiergespann Pirlo, Marchisio und Antonio Candreva, die gerne untereinander die Positionen wechselten, hatten die Italiener ihrem Gegner einen Stoßtrupp entgegenzusetzen – gefährlich, aber auch phantasievoll beim Zuspiel. Die präzise Flanke auf den Torschützen Mario Balotelli fünf Minuten nach der Pause kam wiederum von Candreva. Andersherum war für die Italiener die von deren Trainer Roy Hodgson verjüngte englische Mannschaft äußerst unangenehm zu spielen. Gerade Danny Welbeck, Raheem Sterling und die Sturmspitze Sturridge schossen sich schnell auf das Tor des Gegners ein und waren ein schwer kontrollierbares Überfallkommando.

          Der Ersatz für den am Knöchel verletzten Schlussmann Gianluigi Buffon, Salvatore Sirigu, musste in beiden Halbzeiten mächtig ran oder hatte Glück, dass die Chancen dann doch einen Tick zu unpräzise abgeschlossen wurden. Aber die italienische Abwehr hielt, bis auf den kurzen Moment in der 37. Minute, als der insgesamt bei den Engländern zu selten beteiligte Wayne Rooney von links genau auf Sturridge flankte und der den Ball zum 1:1 einschoss. Das Innenverteidiger-Paar Gabriel Paletta und Andrea Barzagli war überspielt worden. Danach aber stand die Viererabwehrkette allen Versuchen der Engländer stand. „Wir haben zwar nicht die schnellsten Verteidiger. Aber sie haben hohe technische Fertigkeiten und wissen, was zu tun ist“, sagte Prandelli.

          Der englische Trainer Hodgson konnte an soviel Cleverness des Gegners verzweifeln. So viel Herzblut hatte sein Team gegeben, ging dann aber dennoch leer aus. „Wir sind sehr enttäuscht und brauchen jetzt Zeit, um diese Niederlage zu analysieren“, sagte er. Es war eine mitreißende Leistung seiner Spieler, manchmal zu ungestüm, aber doch basierend auf einer erkennbaren Strategie. Vorne drückten Sterling, Welbeck und Sturridge aufs Tempo oder versuchten dem Gegner den Ball abzujagen. Kamen die Italiener über die Mittellinie formierten sich in der englischen Abwehr recht schnell zwei eng aneinanderklebende Viererketten. Doch wenn ein Gegner weiß, wie er taktisch vorgehen muss, um ein solches Mauerwerk auszuhebeln, dann gehören die Italiener bestimmt dazu. Der Liverpooler Jordan Henderson, der mit Kapitän Steven Gerrard vor der Abwehrkette im Mittelfeld agierte und reichlich Geschwindigkeit mit seinen Flachpässen hereinbrachte, nannte den Unterschied zwischen beiden Teams: „Wir haben viel zu gut gearbeitet, um als Verlierer vom Platz zu gehen. Aber die Italiener waren die intelligentere Mannschaft.“

          Für Hodgson stand fest, dass seine Mannschaft alles gegeben hatte, aber ihr dann doch das letzte Stück Qualität gefehlt habe für den Sieg. Chancen genug dafür gab es. „Ich kann nur schwer akzeptieren, dass wir verloren haben“, sagte der Trainer. Symbolisch für das Pech der Engländer war der spektakuläre Fehltritt ihres Physiotherapeuten nach dem eigenen Treffer. Der landete nach dem Jubelsprung auf einer Wasserflasche, knickte böse um und musste auf einer Liege ins Krankenhaus abtransportiert werden. Die WM sei für ihn vorbei, sagte Hodgson. Seine Mannschaft will nach dieser Niederlage in den ausbleibenden Spielen gegen Uruguay und Costa Rica aber noch die Wende im Turnier erzwingen.

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